Besuch

»Das ist ihr Sieg«

Mit Bundeskanzler Olaf Scholz und Israels Premierminister Yair Lapid: Shoshana Trister (87) am Montag im Haus der Wannsee-Konferenz Foto: picture alliance/dpa/Reuters/Pool

Besuch

»Das ist ihr Sieg«

Israels Premierminister Yair Lapid kam in Begleitung von Schoa-Überlebenden nach Berlin

von Lilly Wolter  15.09.2022 09:00 Uhr

Als Yair Lapid am Sonntagabend in Berlin gelandet war, ging er die Gangway nicht allein hin­unter, sondern untergehakt mit Shoshana Trister. Die 87-Jährige war eine von fünf Schoa-Überlebenden, die den israelischen Ministerpräsidenten bei seinem kurzen Besuch begleiteten. Sie erzählte später, dass sie den Anblick der Soldaten fürchtete, die als Ehrengarde zur Begrüßung am Flugzeug standen.

Lapid beruhigte sie mit den Worten: »Ich halte dich, du bist nicht allein.« Und nach dem gemeinsamen Gang über den Roten Teppich sagte Lapid: »Das ist ihr Sieg, meiner als Sohn eines Holocaust-Überlebenden und unserer als Volk und Nation. Wir werden niemals vergessen.«

kanzleramt Diesen Satz wiederholte der israelische Premier sinngemäß bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundeskanzler Olaf Scholz am Montagmittag im Garten des Berliner Kanzleramts. Scholz und Lapid betonten dabei die freundschaftliche Beziehung beider Staaten und sprachen sich gegen Antisemitismus und das Vergessen der Schoa aus. Ein Thema waren auch die Äußerungen des Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, der im vergangenen Monat im Kanzleramt Israel einen vielfachen »Holocaust« an den Palästinensern vorgeworfen und damit Empörung ausgelöst hatte.

Es sei offensichtlich gewesen, dass Scholz von den Äußerungen überrascht worden sei, sagte Lapid. »Ich habe dem Bundeskanzler gedankt, dass er danach reagiert hat auf das, was Abbas gesagt hat.« Die Äußerungen Abbas’ seien abscheulich, respektlos und schrecklich, so Lapid. Es besorge ihn, dass diese Ausdrucksweise sich auch in palästinensischen Schulbüchern finde. »Dieses schreckliche Schüren von Hass wird den Kindern beigebracht«, betonte Lapid. »Das muss die zivilisierte Welt angehen.«

Ausführlich äußerte sich der israelische Premier zu einem Thema, das auch zuvor bei den Treffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Außenministerin Annalena Baerbock zur Sprache gekommen war: die nukleare Bedrohung durch den Iran. »Die Rückkehr zu dem Nuklear­abkommen unter den derzeitigen Bedingungen wäre ein entscheidender Fehler«, erklärte er. Es müsse über neue Strategien gesprochen werden, um das Nuklearprogramm des Iran zu stoppen. Scholz betonte, der Iran dürfe keine Atomwaffen erlangen. Doch halte man daran fest, dass es eine funktionierende internationale Vereinbarung zur Beschränkung und Kontrolle des iranischen Nuklearprogramms brauche.

energiekrise Auch ging es um die aktuelle Energiekrise in Europa. Israel will nach Worten des Regierungschefs Lapid zur Linderung beitragen. »Wir können vielleicht Gasexporte nach Europa erhöhen, hoffentlich wird das nächstes Jahr möglich sein«, sagte er. Lapid sprach von einem »Teil der Bemühungen, russische Gaslieferungen nach Europa zu ersetzen«.

Einige hielten die militärische Partnerschaft für »eine Ironie der Geschichte«, sagte Lapid.

Und auch in der Frage der Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik ist Israel bereit zu helfen. Vom Aufbau der strategischen Partnerschaft war die Rede. Einige hielten diese Kooperation für »eine Ironie der Geschichte«, merkte Lapid an und stellte dann klar: »Ich denke, das ist Ausdruck der Tatsache, dass wir die notwendigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen haben. Allein mit Worten kann man das Böse nicht aufhalten.« Liberale Demokratien müssten bereit und in der Lage sein, sich zu verteidigen.

wannsee-konferenz Am Nachmittag begab sich Lapid zu dem wohl emotionalsten Termin seines Besuchs. Gemeinsam mit den Schoa-Überlebenden empfing er Olaf Scholz am Haus der Wannsee-Konferenz. Es war ein historischer Moment: Fünf Überlebende, ihre Nachkommen, der Premierminister des Staates Israel und der deutsche Bundeskanzler stehen geeint vor jenem Haus, in dem hohe SS-Offiziere am 20. Januar 1942 den Mord an Millionen europäischer Juden bürokratisch planten.

Als Erster ergriff Lapid das Wort, der die bewegende Überlebensgeschichte seines Vaters Josef erzählte und sie mit den Worten beendete: »Er hat überlebt, eine Familie und einen Staat gegründet.« Zu Scholz und den Überlebenden sagte er: »Heute ist der deutsche Kanzler, der deutsche Staat, hierher, in diese Villa gekommen, wo das Böse ausformuliert wurde. Er ist gekommen, um euch zu ehren und um Vergebung zu bitten. Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Es erfordert nicht wenig moralische Courage.«

Scholz betonte, dass die Ungeheuerlichkeit des Verbrechens umso größer werde, wenn man wisse, auf welche Art und Weise dies geschehen sei, nämlich: »bürokratisch, pedantisch, mit Präzision«.

ERINNERUNGEN Dann erzählten die Überlebenden von ihren Erinnerungen. Unter ihnen war die 93-jährige, in Rumänien geborene Penina Katsir: »Wie Ziegen haben wir nach Blättern zum Essen gesucht«, dabei blickte sie ausschließlich zu Scholz, der nicht wegsah. »Heute hier zu sitzen, als Israeli, mit eigenem Land, mit meinem Premierminister: Sie können sich nicht vorstellen, wie ich mich fühle«, fuhr Katsir fort und lächelte.

Scholz hielt am Ende des Zusammentreffens fest: »Ich bin den Überlebenden des Holocaust, die heute hier waren, sehr dankbar, dass sie mit Premierminister Yair Lapid und mir gemeinsam darüber geredet haben, was diese furchtbare Vergangenheit uns für die Zukunft an Aufgaben hinterlässt.«

Interview

»Wir haben keine Wahl«

Suaad Onniselkä über den Dialog zwischen Juden und Muslimen, Desinformation und die nächste Generation

von Michael Thaidigsmann  17.02.2026

Ehrung

Preis für Stärkung des jüdischen Lebens an Elke Büdenbender

Bundespräsidenten-Gattin Elke Büdenbender wird mit einem Preis für ihren Einsatz zum Schutz jüdischen Lebens in Deutschland ausgezeichnet

 17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026

Atomabkommen

Iran dämpft Erwartungen an Deal

Washington und Teheran haben ihre Verhandlungen zunächst beendet. Der Iran berichtet von einer Einigung auf »eine Reihe von leitenden Prinzipien«. Ist ein Abkommen greifbar?

 17.02.2026

Julia Klöckner

»Man muss sich ein eigenes Bild machen«

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner über ihren Antrittsbesuch in Israel, Kritik an ihre Reise nach Gaza und die größten Missverständnisse in der öffentlichen Wahrnehmung Israels

von Philipp Peyman Engel, Joshua Schultheis  17.02.2026

Suhl

Simson: Nachfahren der Gründerfamilie wehren sich gegen AfD

Die Schwalbe oder die S51 aus DDR-Produktion sind Liebhaberstücke - und inzwischen ein Politikum, das nicht nur Björn Höcke zu nutzen weiß. Nun kommt deutlicher Widerspruch

 17.02.2026

Brüssel

Streit um Beschneider: US-Botschafter nennt Belgien »antisemitisch«

In mehreren X-Posts griff Bill White die belgische Regierung scharf an, die wiederum sich die Einmischung verbat. Hintergrund ist ein Strafverfahren gegen drei Mohelim in Antwerpen

von Michael Thaidigsmann  17.02.2026

Nahost

Iran feuert Raketen auf Straße von Hormus ab

Teile der strategisch wichtigen Meerenge wurden laut iranischen Staatsmedien »aus Sicherheitsgründen« zeitweise gesperrt

 17.02.2026

Tel Aviv

Lindsey Graham fordert konsequente Unterstützung für Iran-Proteste

Der republikanische Senator spricht sich außerdem für ein konsequentes Vorgehen in Gaza aus: »Ich glaube nicht, dass die Hamas jemals abrüsten wird, solange man sie nicht dazu zwingt.«

 17.02.2026