USA

Das Ende des Westens?

Die Freiheitsstatue blickt auf den Atlantik – doch die Vereinigten Staaten wenden sich gerade von Europa ab. Foto: KI via Clara Wischnewski

Wir hatten es fast vergessen, aber seit Kurzem ist es uns wieder schmerzlich bewusst: Uns in Sicherheit zu wiegen, ist ein Trugschluss. Die Parallelen aus der Geschichte sind bekannt. Kriege fangen nicht immer nach einem bestimmten Muster an, manchmal kommen sie urplötzlich. 1973 wurde Israels Führung an Jom Kippur von einem plötzlichen Angriff Ägyptens, Syriens und weiterer arabischer Staaten überrascht. Genau 50 Jahre später, am 7. Oktober 2023, wurde der jüdische Staat erneut überfallen. Diesmal war es die Hamas, die zuschlug und mehr als 1200 Menschen massakrierte.

Ein anderes traumatisches Datum ist der 24. Februar 2022. Seit diesem Tag ist alles anders, und Europas Urlaub von der Geschichte ist vorbei. An diesem Tag überfiel Russland die Ukraine. Fast wäre sie gefallen. Dass das nicht geschah, ist vor allem der unglaublichen Resilienz und dem Mut der Ukrainer und ihres Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu verdanken. Aber auch der Westen berappelte sich nach dem Schock und leistete tatkräftig Unterstützung für das angegriffene Land. Anders als der Rest der Welt standen die Europäische Union und die Mitgliedstaaten der NATO geschlossen hinter der Ukraine. Bis jetzt zumindest.

Vor vollendete Tatsachen gestellt

Hatte man fast überall in Europa darauf gehofft, dass Kamala Harris Donald Trump im Kampf ums Weiße Haus schlagen und die USA fest an der Seite der Ukraine bleiben würden, so sah man sich jetzt einem weiteren Schock ausgesetzt. Europa wurde von Trump vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Regierenden in der EU hatten – wieder einmal – die Entwicklung falsch eingeschätzt. Sie waren überrascht, wie Vizepräsident J. D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz auftrat. Europa hatte, trotz allem, auf Washington vertraut.

Erst jetzt, nach dem unwürdigen Schauspiel im Weißen Haus, als Selenskyj von Trump und Vance vorgeführt wurde wie ein Schuljunge, dämmert vielen in Brüssel, Berlin und Paris, was die Stunde geschlagen hat. Daran ändern auch die sich überschlagenden Ereignisse der vergangenen zwei Wochen nichts mehr. Erst der Stopp der US-Militärhilfe, dann der Vorschlag für einen Waffenstillstand nach Gesprächen mit der Ukraine in Saudi-Arabien, gefolgt von der sofortigen Wiederaufnahme der militärischen Unterstützung. Es ist ein geopolitisches Chaos, das nur einen Schluss zulässt: Auf die USA unter Trump ist kein Verlass mehr.

Bei der Wehrhaftigkeit muss Europa mehr wie Israel werden.

Die EU und insbesondere Deutschland müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, viel zu lange einer falschen Konzeption oder Weltsicht angehangen zu haben. Von Brüssel und Berlin wird plötzlich Führung in Verteidigungsfragen erwartet. Dabei hatten die Europäer bis vor Kurzem ihre Verteidigung an die Vereinigten Staaten outgesourct, ihre Energieversorgung an Russland und ihr exportorientiertes Wachstum an China. Europa muss sich den Veränderungen anpassen – ob es gefällt oder nicht. Um im brutalen Machtgefüge zwischen Putin, Trump und Xi nicht zerrieben zu werden, muss Europa gemeinsam zu militärischer Stärke zurückfinden.

Es ist auch klar: Die großen Länder wie Deutschland, Frankreich und Polen müssen dabei vorangehen. Donald Trump will kein starkes, mit seinem rücksichtslosen Wertesystem konkurrierendes Europa. Er hat die transatlantische Freundschaft aufgekündigt und den sicherheitspolitischen Schutzschirm über Europa zugeklappt – ein Szenario, vor dem sowohl führende US-Demokraten als auch Republikaner Europa schon lange gewarnt haben. Doch man stellte sich taub und machte einfach weiter wie bisher.

Einen schweren Schlag versetzt

Umso größer ist jetzt der Scherbenhaufen. Trump hat der NATO einen schweren Schlag versetzt. Es ist fraglich, wie viel die Beistandspflicht, der berühmte Artikel 5 des Nordatlantikpakts, in der aktuellen Lage noch wert ist. Es ist auch unwahrscheinlich, dass unter Trump die USA Europa zu Hilfe eilen würden, falls Putin die baltischen Staaten oder Polen angreift. Das wirtschaftlich so starke Europa muss jetzt die bittere Lehre der Geschichte erfassen: Keine ökonomische Großmacht kann dauerhaft ohne militärische Stärke überleben. Europa darf kein wehrloser Riese bleiben. Langfristig bedeutet das eine europäische Armee und eine starke Rüstungsindustrie.

Es bedeutet auch eine wehrhafte Gesellschaft. In dieser Hinsicht muss Europa israelischer werden. Auch was die Stärkung und den Ausbau eigener Geheim- und Nachrichtendienstkapazitäten sowie militärischer Fähigkeiten angeht. Hier kann Israel Europa ernsthaft behilflich sein und gleichzeitig eine Brücke zu den USA bilden. Wie Israel muss auch Europa und insbesondere Deutschland lernen, dass es seine Sicherheit in Freiheit selbst schützen kann. Verteidigungs- und Wehrfähigkeit müssen genauso zur europäischen DNA gehören wie gute Bildung und Flexibilität. Und das so schnell wie möglich, denn Wladimir Putin wird Europas Schwäche gnadenlos ausnutzen. Er hat es schon oft bewiesen.

Der Autor ist Präsident der Europäi­schen Rabbinerkonferenz und war von 1993 bis 2022 Oberrabbiner von Moskau.

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  20.06.2026

Nahost

Wie der Konflikt im Libanon den US-Deal mit Iran gefährdet

Der Gesprächsbeginn zwischen Washington und Teheran in der Schweiz lässt auf sich warten. Derweil spitzt sich die Lage zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon zu. Es gibt Tote auf beiden Seiten

von Hans Dahne, Christoph Meyer, Mathis Richtmann  19.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

Berlin

Nouripour zu Iran-Rahmenabkommen: »Weg in Normalität für Regime«

Ist das Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran ein Weg in den Frieden? Bundestagsvizepräsident Nouripour bezweifelt das. Die Übereinkunft gebe dem Iran vielmehr »eine andere Legitimität«

 19.06.2026

Bayreuth

Bayreuther Gedenkveranstaltung mit Michel Friedman soll nun doch stattfinden

Eine Gedenkveranstaltung zum Bayreuther Festspieljubiläum wird geplant, dann abgesagt. Michel Friedman und Charlotte Knobloch zeigen sich entsetzt – jetzt rudert das weltbekannte Opernfestival zurück

 19.06.2026

Washington D.C.

Republikaner kritisieren Trumps Iran-Abkommen ungewöhnlich scharf

»Die Geschichte zeigt, dass es eine außergewöhnlich schlechte Idee ist, Milliarden Dollar an theokratische Verrückte zu geben, die uns ermorden wollen«, sagt Senator Ted Cruz

 19.06.2026

Wahlkampf in Israel

Trump signalisiert Unterstützung für Netanjahu

»Ich werde mir ansehen müssen, wer kandidiert, aber ich mag Bibi sehr«, sagt der amerikanische Präsident

 19.06.2026

Genf

Absage aus Bern: Heute keine USA-Iran-Gespräche

Abkommen unterzeichnet, Treffen abgesagt: Die geplante Gesprächsrunde in der Schweiz findet heute doch nicht statt

 19.06.2026

Bayreuth

Scharfe Kritik nach abgesagter Gedenkveranstaltung

Eine Gedenkveranstaltung zum Festspieljubiläum wird geplant, dann abgesagt. Charlotte Knobloch ist entsetzt über die Bayreuther Festspiele

 19.06.2026