Religion

»Das C steht für Chai«

CDU-Bundesgeschäftsstelle in Berlin Foto: dpa

Im Ringen um die Nachfolge von Angela Merkel als CDU-Vorsitzende spielen auch Fragen nach dem Verhältnis zur Religion eine Rolle. Alle drei aussichtsreichen Kandidaten, Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn, sind katholisch, während Bundeskanzlerin Merkel evangelisch ist. Alle drei bekennen zudem, dass das Christentum für sie eine zentrale Rolle spielt.

Jens Spahn betont den Wertekanon, den das »hohe C« mit sich bringe. »Das christliche Menschenbild ist verwoben mit Menschenrechten und mit unveräußerlichen Grundrechten«, sagt der Gesundheitsminister der Jüdischen Allgemeinen. »Christ zu sein bedeutet für mich, Demokrat zu sein.«

Allerdings dürften Glaube und Religion nicht als Aufforderung missverstanden werden, eine bestimmte politische Haltung einzunehmen. »Staatliches Handeln und religiöse Deutung der Welt sind auseinanderzuhalten«, sagt Spahn, »deshalb können sich übrigens auch Menschen anderer Glaubensrichtungen oder Agnostiker in der CDU zu Hause fühlen, es geht um geteilte Werte.« An anderer Stelle hatte Spahn auch erklärt, dass er eine Ablehnung der Abtreibung aus seinem christlichen Menschenbild ableitet.

FUNDAMENT Für Friedrich Merz, der ebenfalls aus einem katholischen Elternhaus stammt, weist das Bekenntnis zum Christentum im Parteinamen der CDU in erster Linie auf ein festes Wertefundament hin. »Dabei geht es nicht um spezifisch katholische oder evangelische Politikansätze, sondern um die Frage, welche innere Haltung uns bei Entscheidungen leitet«, sagt Merz dieser Zeitung. Dass Abgeordnete trotz gleicher christlicher Überzeugung zu unterschiedlichen Bewertungen bei ethischen Fragestellungen wie zum Beispiel bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) kommen können, sei dabei »Ausdruck eines breiten christlichen Pluralismus« in seiner Partei.

Auch für Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, die sich in der katholischen Kirche engagiert, »ist und bleibt das C unser Leitbuchstabe«. Allerdings legt auch Kramp-Karrenbauer Wert darauf, dass es nicht darum gehen könne, eine dezidiert christliche Politik zu machen. »Wir machen Politik auf Grundlage eines christlichen Menschenbildes. Es ist Leitbild und Verantwortung zugleich«, sagt Kramp-Karrenbauer. Persönlich leite der Glaube sie bei politischen Entscheidungen an.

SELBSTVERSTÄNDNIS Die Politikwissenschaftlerin Dorothée de Nève sagte im Deutschlandfunk, dass Kramp-Karrenbauer die Einzige der drei Kandidaten sei, die aus ihrem christlichen Selbstverständnis auch ein sozialpolitisches Profil ableitet: Sie beruft sich auf die christliche Soziallehre.

Studien zeigen, dass etwa 80 Prozent der Wähler von CDU und CSU eine konfessionelle Bindung haben. Zum Vergleich: Weniger als die Hälfte der Gesamtbevölkerung gehört zu einer der christlichen Kirchen.

Doch weder unter den Wählern noch unter den Mitgliedern sind ausschließlich Christen. Mike Samuel Delberg, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und seit vielen Jahren CDU-Mitglied, findet es wichtig, gemeinsame Werte als interreligiöses Fundament der Partei zu verstehen. »Die CDU ist eine Partei, in der sich alle Religionen wiederfinden können«, sagt Delberg. »Ich bin jüdisch, ich bin gläubig, und ich bin überzeugtes Parteimitglied.«

LEBEN Für Delberg steht das »C« für »Chai«, das hebräische Wort für Leben. »Die CDU ist eine lebendige Volkspartei, die niemanden ausschließen, sondern Menschen mit gleichen Werten zusammenbringen will«, findet Delberg. Er hofft, dass seine Partei unter dem oder der neuen Parteivorsitzenden noch stärker einen Querschnitt der Gesellschaft repräsentiert. »Für religiöse Minderheiten ist es wichtig, Plattformen und Vorbilder zu haben, um so noch stärker eine eigene Stimme in der Partei entwickeln zu können«, findet Delberg.

»Geschlecht, Religion oder sexuelle Identität spielen keine Rolle.«
Annegret Kramp-Karrenbauer

Serap Güler, Staatssekretärin für Integration und Bildung in Nordrhein-Westfalen, soll als gläubige Muslimin und CDU-Politikerin für ihre religiöse Community ein Vorbild sein, zumindest aus CDU-Sicht. Für Güler steht das »C« für das christliche Menschenbild, »mit dem ich mich als Muslimin genauso identifizieren kann, wie es ein Christ, ein Jude, Andersgläubige und sogar Menschen, die an keine Religion glauben, auch können«, erläutert Güler. Für sie seien Wertvorstellungen von Solidarität und der Glaube an den individuellen Menschen universelle Ideen, die man nicht einer bestimmten Religion zuordnen könne.

In puncto Plattformen von religiösen Minderheiten hat sich in der Union bereits einiges getan. Seit Februar 2017 gibt es »Muslime in der CDU«. Über deren Gründung gab es allerdings Streit in der Partei. Noch im September sprach sich die sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Veronika Bellmann in einem Interview mit der sehr weit rechts stehenden »Jungen Freiheit« gegen eine Parteimitgliedschaft von Muslimen aus.

Kramp-Karrenbauer hatte ihr in ihrer Eigenschaft als Generalsekretärin widersprochen. »Für mich ist die entscheidende Frage: Zu welchen Werten stehst du?«, sagte sie der »Bild«-Zeitung. »Da spielen für mich Herkunft, Geschlecht, Religion, sexuelle Identität oder was auch immer keine Rolle.«

FORUM Seit Sommer 2018 gibt es ein Jüdisches Forum in der CDU, auch die Schwesterpartei CSU hat ein solches Forum beschlossen. Um das gab es, anders als bei den Muslimen, keinen Streit. Karin Prien ist Bildungsministerin von Schleswig-Holstein und eine der Sprecherinnen des Jüdischen Forums, ihr CSU-Pendant ist Bernd Knobloch. Prien findet, dass es an der Zeit ist, dass jüdische Menschen in der Union stärker wahrgenommen werden. »Für mich ganz persönlich steht das C in der CDU für den besonderen Wertekanon, der Christen und Juden verbindet«, sagt Prien. Den Menschen in seiner individuellen Würde und Einzigartigkeit in den Mittelpunkt der Politik zu stellen, sei das Kernmerkmal ihrer Partei.

Im Frühjahr nächsten Jahres soll es dann ganz offiziell zur konstituierenden Sitzung des Jüdischen Forums kommen. Im Beisein des neuen Parteichefs. Oder der neuen Parteichefin.

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