Nahost

Das atomare Streben

Ausradiert: der syrische Reaktor in Deir al-Sor nach einem israelischen Luftangriff 2007 Foto: getty

Der Nahe Osten bleibt auf Atomkurs. Seit 2007 haben mindestens zehn Staaten nukleare Kooperationsabkommen mit ei- nem Anbieter geschlossen. 14 Länder unternahmen erste Schritte, um sich die atomare Option zu sichern. Die einen denken dabei lediglich an zivile Nutzung. Sie wollen den steigenden Strombedarf decken oder über genügend Elektrizität verfügen, um Entsalzungsanlagen zu betreiben, die den Wasserbedarf des eigenen Landes sicherstellen sollen.

Andere streben eine militärische Verwendung an. Dazu gehören vor allem diejenigen Nationen, denen die iranischen Nuklearpläne oder das vermutete Atompoten- zial in Israel nicht ganz geheuer sind. Die Liste der Staaten, die an Atom-Technologie interessiert sind, ist entsprechend lang.

Chaos Beunruhigend dabei ist, dass auch solche Länder Nuklearabkommen abgeschlossen haben, in denen Regime gestürzt wurden oder die sich politisch im Umbruch befinden. Experten befürchten, dass kriminelle Elemente Chaos-Situationen nutzen könnten, um sich in den Atomanlagen radioaktives Material zu beschaffen. »Das erhöht die Gefahr des nuklearen Terrorismus«, sagt Jonathan Pearl vom Think Tank Council on Foreign Relations.

Wie nahe Syrien an der militärischen Nuklearoption war, zeigt die jüngste Erklärung der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA). Das Land habe im Reaktor von Deir al-Sor »höchstwahrscheinlich« einen geheimen Nuklearreaktor betrieben, der mithilfe Nordkoreas gebaut worden war. Im Reaktor, der im Herbst durch einen israelischen Luftangriff zerstört wurde, hätte waffenfähiges Plutonium produziert werden sollen.

Stuxnet Trotz der Sanktionen, mit denen der Iran konfrontiert ist, macht auch dort die Nutzung der Atomenergie rasche Fortschritte, wenn man Verlautbarungen aus Teheran glauben will. Die Anlage von Buschehr könnte bereits im Juli ans Netz gehen. Auf dem Weg zur A-Waffe muss die Islamische Republik aber immer wieder Rückschläge hinnehmen. Israel, das nur 1.500 Kilometer von Iran trennt, scheint, statt auf eine militärische Aktion, auf Sabotage zu setzen.

So musste Teheran vor einem halben Jahr offiziell zugeben, dass das Computervirus Stuxnet Rechner in Industriebetrieben des Landes befallen hatte. Die Attacke sei »Teil der elektronischen Kriegsführung gegen den Iran«, behauptet Teheran. Doch der Schaden liegt nicht nur in der Unterbrechung der Anlagen. Dass es einem fremden Geheimdienst gelungen ist, in das Computernetzwerk des iranischen Nuklearprogrammes einzudringen, werde die Iraner »sehr vorsichtig und paranoid« machen, sagt Meir Javedanfar, ein gebürtiger Iraner, der von Tel Aviv aus die Entwicklungen in Teheran beobachtet.

u-boot Ein militärischer Angriff auf die iranischen Atomananlagen scheint derzeit unwahrscheinlich. Die arabischen Staaten haben Washington zwar zu einem entsprechenden Schlag gedrängt, wie aus Wikileaks-Unterlagen hervorgeht. Doch die USA sind nach dem Irakkrieg und dem Engagement in Afghanistan nicht an einer neuen Front interessiert.

Es ist deshalb mehr als fraglich, ob Israel auf die Unterstützung der Amerikaner zählen kann – allein wäre die israelische Luftwaffe jedoch kaum in der Lage, das iranische Nuklearprojekt zu zerstören. Der kürzlich angekündigte Kauf eines Dolphin-U-Boots der Kieler Werft HDW wurde seitens der israelischen Regierung weder bestätigt noch dementiert. Ausländische Quellen vermuten, dass die U-Boote, die mit atomaren Sprengköpfen zu besetzen sind, in Israel atomar aufgerüstet werden sollen. Sie könnten das Land in die Lage versetzen, einen Zweitschlag auszuführen, was der Abschreckung diente.

Sehr wahrscheinlich könne man davon ausgehen, dass Sabotage als Mittel gegen die iranische Bombe vom Mossad intensiv verfolgt werde, sagen israelische Geheimdienstkenner wie Javedanfar oder der Journalist Ronen Bergman, der auf mehr als 400 Seiten über Israels »geheimen Krieg gegen den Iran« geschrieben hat.

Seit einigen Jahren kommt es immer wieder zu geheimnisvollen Unfällen in iranischen Atomanlagen, werden Schlüsselfiguren getötet, stürzen Flugzeuge mit hochkarätigen Nuklearwissenschaftlern ab. In Teheran ist man deshalb überzeugt: »Jemand sabotiert unser Atomprojekt.«

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