Glückwunsch

»Danke für Ihren Einsatz für unser Land«

Bundeskanzlerin a. D. Angela Merkel Foto: picture alliance / Flashpic

»Obwohl alles dagegensprach; und noch immer vieles dagegenspricht. Trauer, Schmerz, Verzweiflung und Einsamkeit begleiten mich. Aber ich weiß: Unser Land leistet viel, damit jüdische Menschen sicher sind – hoffentlich nie wieder allein. (…) Verehrte Damen und Herren, ich stehe vor Ihnen als Mutter, Großmutter, Urgroßmutter, Münchnerin, Bayerin, Deutsche, Europäerin, Jüdin – als Mensch. Ich bitte Sie: Passen Sie auf auf unser Land!«

Mit diesen Sätzen wandte sich Charlotte Knobloch am 27. Januar 2021 in der Gedenkstunde zum Holocaust-Gedenktag an den Deutschen Bundestag. Ich habe ihrer Rede damals als Bundeskanzlerin im Plenarsaal vorne sitzend zugehört. Die Rede traf den Kern dessen, was unser Land zu beachten hat: dass die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen und ihr rechtsstaatlicher Schutz zu keiner Sekunde selbstverständlich sind; dass sie zu keiner Sekunde für selbstverständlich gehalten werden dürfen; dass wir stets bereit sein müssen, uns für die Werte unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung einzusetzen.

zeitzeugin Dafür steht Charlotte Knoblochs Leben. Wir feiern den Geburtstag einer Zeitzeugin, Ehrenbürgerin der Stadt München seit 2005, die vor nunmehr 77 Jahren als fast 13-jähriges Mädchen der Mordmaschinerie Deutschlands im Nationalsozialismus entkommen war und dem anfangs die Vorstellungskraft für ein Weiterleben in Deutschland fehlte – nach dem Verlust der in Theresienstadt ermordeten geliebten Großmutter, nach den Qualen, die ihr Vater Fritz Neuland mit knapper Not überleben konnte, mit dem eigenen Schmerz.

Doch sie verließ Deutschland nicht. Zusammen mit Samuel Knobloch gründete sie bald eine Familie. Die Kraft, in Deutschland zu bleiben, verdanke sie, so sei erneut aus ihrer Rede im Deutschen Bundestag zitiert, ihrer Großmutter, denn von ihr habe sie »die Liebe zu den Menschen geerbt – trotz der Menschen«, und ihrem Vater, denn er habe sie »die Liebe zu Deutschland gelehrt – trotzdem«.

Die Gemeinde in ihrer Heimatstadt bildet das Herz ihres Engagements.

Dieses Gerüst trug sie, ihr Leben lang, bis heute. Sie begann sich zu engagieren. Hier können nur wenige Wegmarken erwähnt werden: Von 2003 bis 2010 war sie Vizepräsidentin des Europäischen Jüdischen Kongresses, von 2005 bis 2013 Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses, von 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Und seit 1985 ist Charlotte Knobloch Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

traum Diese Gemeinde in ihrer Heimatstadt bildet das Herz ihres Engagements. Mit der Einweihung der Neuen Hauptsynagoge und des neuen Gemeindezentrums am 9. November 2006 wurde ihr Traum Wirklichkeit – 68 Jahre, nachdem die alte Ohel-Jakob-Synagoge in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1938 in Brand gesetzt worden war und Charlotte Knobloch an der Hand ihres Vaters ihre Wohnung verlassen musste und sich beide irgendwie in Sicherheit zu bringen versuchten.

Am 9. November 2016 verlieh Charlotte Knobloch mir in der Neuen Hauptsynagoge die höchste Auszeichnung ihrer Israelitischen Kultusgemeinde München und Obernbayern: die Ohel-Jakob-Medaille in Gold. Ich kann auch heute noch nur schwer in Worte fassen, was mir diese Auszeichnung aus ihren Händen an genau diesem Ort und genau diesem Tag bedeutet.

Wir wissen alle, was nach dem 9. November 1938 geschah: der Zivilisationsbruch der Schoa. Doch zugleich dürfen wir, um die richtigen Lehren für uns heute und die Zukunft zu ziehen, nie vergessen, was ihm vorausging: das Wegschauen, das Schweigen, die Gleichgültigkeit, das Mitlaufen der deutschen Bevölkerung.

lebenswirklichkeit Dass es heute wieder blühendes jüdisches Leben in Deutschland gibt, ist ein Teil der Lebenswirklichkeit, aber dass sich heute viele Juden in Deutschland nicht sicher und nicht respektiert fühlen, das ist der andere Teil. Wie Worte zu Taten werden können, wissen wir nicht erst seit dem schrecklichen Anschlag auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur vor drei Jahren. Antisemitismus ist ein Angriff auf Menschen, auf die Menschlichkeit, auf das Menschsein. Dagegen müssen wir mit Bildung und Aufklärung wie auch als Rechtsstaat mit der ganzen Konsequenz unseres Strafrechts vorgehen.

Wann immer es galt und gilt, die Stimme gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit, gegen jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu erheben, wann immer es galt und gilt, die immerwährende Verantwortung Deutschlands für den Zivilisationsbruch der Schoa anzumahnen, nahm und nimmt Charlotte Knobloch unmissverständlich Stellung.

Liebe Charlotte Knobloch, ich danke Ihnen für unsere Begegnungen, ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen in unser Land, ich danke Ihnen für Ihren Einsatz für unser Land – »trotzdem (…) als Mutter, Großmutter, Urgroßmutter, Münchnerin, Bayerin, Deutsche, Europäerin, Jüdin – als Mensch«. Und ich gratuliere Ihnen von Herzen zu Ihrem 90. Geburtstag. Ich wünsche Ihnen Glück und Segen für das neue Lebensjahr.

Angela Merkel war von 2005 bis 2021 Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.

Berlin

Israelis selbst schuld an Empathielosigkeit? SPD-Politiker in der Kritik

Der Sozialdemokrat Lars Castellucci machte am Samstag mit einem X-Post zum versuchten Anschlag auf ein Flugzeug mit israelischen Passagieren von sich reden. Viele sehen darin eine Täter-Opfer-Umkehrung

 05.10.2026

Berlin

Auswärtiges Amt kritisiert Menschenrechtsbeauftragten

In einer Reaktion auf einen X-Post von Bundesbildungsministerin Prien im Zusammenhang mit dem Flydubai-Flug nennt Lars Castellucci Israels Regierung rechtsradikal. Außenminister Wadephul reagiert

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Gutachten

Hessischer Gesetzentwurf zur Leugnung des Existenzrechts Israels verfassungskonform

Hessens Justizminister Christian Heinz: »Wir brauchen dringend eine gesetzliche Regelung.« Zentralratspräsident Josef Schuster: Die Politik steht in der Pflicht, dem Antisemitismus in seinem neuen Gewand Einhalt zu gebieten

 05.10.2026

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Recht

Gute Absicht, falsche Umsetzung

Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, kritisiert den hessischen Vorschlag für eine Strafbarmachung der Leugnung des Existenzrechts Israels. Er hat aber einen Alternativvorschlag

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Initiative

Hessen dringt auf Strafen für Leugnung des Existenzrechts Israels

Die hessische Landesregierung dringt darauf, dass ihr Vorschlag zur Strafbarkeit israelfeindlicher Äußerungen umgesetzt wird. Die Bundesregierung bleibt aber skeptisch. Auch der Zentralrat der Juden ist nicht restlos überzeugt

 05.10.2026

Josef Schuster

Berlin

Zentralrat: Linke muss Mitglieder bei Antisemitismus ausschließen

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, äußert klare Erwartungen an die Linkspartei in Bezug auf den innerparteilichen Kampf gegen Judenhass

 05.10.2026

Magdeburg

BSW: Wählen den AfD-Kandidaten zum Landtagspräsidenten

Am Dienstag kommt der neu gewählte Landtag von Sachsen-Anhalt erstmals zusammen. Die AfD hat die Zusage des BSW für die nötigen Stimmen

 05.10.2026

Berlin

Parteien in der Hauptstadt bereiten sich auf drittes Vorgespräch vor

Nach der Abgeordnetenhauswahl setzen Linke, Grüne und SPD auf ein drittes Vorgespräch. Details bleiben geheim – und keiner weiß, wo das Ganze hinführt

 05.10.2026