Hamburg

Bunte Karten gegen braunen Müll

Rathausmarkt, Samstag, 12 Uhr: »Hamburg bekennt Farbe« Foto: Rafael Herlich

»Hamburg bekennt Farbe«: Als am vergangenen Samstag über 10.000 Menschen auf dem Rathausplatz der Hansestadt zusammengekommen waren, um »für Demokratie, Toleranz und Vielfalt« einzustehen, da hielten die Demonstranten mehrfarbige Postkarten in die Höhe: Ein buntes Farbenmeer entstand.

Die Hamburger hatten sich versammelt, weil am selben Samstag Neonazis im Stadtteil Wandsbek zu einer für rechtsextreme Verhältnisse großen Demonstration aufgerufen hatten. »Das wollen wir nicht hinnehmen«, steht in dem Aufruf eines Bündnisses, der vom Ersten Bürgermeister, allen Ratsfraktionen, den Kirchen und Gewerkschaften, Einwandererorganisationen und der Jüdischen Gemeinde Hamburg unterzeichnet worden war. Ob zufällig oder sehr beabsichtigt: Der Wandsbeker Naziaufmarsch, der zuerst im zentrumsnäheren Altona geplant war, fiel auf das gleiche Wochenende wie der Gemeindetag des Zentralrats der Juden, der in der Hansestadt stattfand.

Hoffnungen Spontan entschloss sich Zentralratspräsident Dieter Graumann zum Besuch der Kundgebung und richtete einige Worte zu den Menschen auf dem Rathausplatz: »Der Faschismus gehört auf den Müllhaufen, er ist der Müllhaufen.« Vor Graumann hatte Olaf Scholz, Erster Bürgermeister der Stadt, Hamburg als eine »Ankunftsstadt voller Hoffnungen und Chancen« gelobt. Hier hätten alle, Gäste und Bürger, »in gleicher Weise das Recht, unbehelligt von Beleidigungen und tätlicher Gewalt zu leben«.

Während in Wandsbek etwa 700 Nazis ihre Parolen skandierten – und es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit linken Gegendemonstranten kam – zeigte sich auf dem Rathausplatz die Hamburger Mehrheitsgesellschaft: Die Musikerin Esther Bejarano, Überlebende der Schoa, trat mit ihrem Sohn auf und trug jiddische Lieder vor. Der Schriftsteller Ralph Giordano, Kind Hamburgs und auch er Überlebender des Holocaust, bekannte: »Ich habe aufgeatmet, als die Nachricht und die Einladung kamen«, dass in Hamburg mit dieser Kundgebung gegen den Nazispuk demonstriert wird.

Gleichzeitig skizzierte Giordano den Hintergrund, warum Neonazismus eine große Gefahr darstellt. »Wovor muss man sich mehr fürchten«, fragte Giordano mit Blick auf die Thüringer Terrorzelle NSU, »vor einem Rechtsextremismus, der dabei ist, sich mitten unter uns wohnlich einzurichten? Oder vor der staatlichen Indifferenz ihm gegenüber?«

Flagge zeigen Sogar das Landesamt für Verfassungsschutz war mit einem Infostand vertreten. »Wir zeigen hier bewusst Flagge«, verriert dessen Sprecher Marco Haase dem »Hamburger Abendblatt«, schließlich sei das Versagen der Sicherheitsbehörden »schlichtweg eine Katastrophe«.

Olaf Scholz sagte mit Blick auf den Nazi-Aufmarsch: »Wir achten das Demonstrationsrecht, aber wir verachten die Rechtsradikalen, die in unserer Stadt aufmarschieren.« Einen Tag später, beim Gemeindetag, wiederholte er: »Aufzustehen gegen den rechten Ungeist – das ist eine Frage des Anstands und kann im demokratischen Hamburg gar nicht anders sein.«

Carola Veit, die Präsidentin der Hamburger Bürgerschaft, erklärte: »Wenn Feinde von Freiheit und Demokratie durch unsere Stadt ziehen, kann niemand sagen: Was geht mich das an.« Auf der Bühne standen am Samstag auch der Schriftsteller und Übersetzer Harry Rowohlt, der Profiboxer Alexander Dmitrenko, der Blues-Musiker Abi Wallenstein sowie afrikanische Trommler und bolivianische Tänzer.

Ralph Giordano erklärte in seiner Rede: »Geloben wir, in diesem Kampf auch weiterhin unsere Herzen offenzuhalten, zu lachen und zu trauern, zu weinen und uns zu freuen, vor allem aber, unseren Humor nicht zu verlieren! Denn erst, wenn wir diese Fähigkeiten verloren hätten, erst dann wären wir besiegt.« ja

Handelte es sich beim Nationalsozialismus um eine linke Ideologie?

Ein Faktencheck

 23.10.2026

Justiz

Ermittler: Ahmetovic kooperierte nicht bei Durchsuchungen

Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt im Zusammenhang mit der Ausschreibung eines früheren Klinikgeländes in Lehrte bei Hannover gegen den SPD-Politiker

 23.10.2026

Berlin

Umfrage: Mehrheit lehnt rot-grün-rote Koalition ab

Linke, SPD und Grüne verhandeln derzeit über eine gemeinsame Landesregierung. Eine solche Koalition stößt auf Skepsis - auch unter Anhängern von SPD und Grünen

 23.10.2026

Warschau

Polen rügt Ehrung für ukrainische Nationalisten in Lwiw

Erst ein Ehrentitel für eine ukrainische Einheit, nun ein Gedenkjahr für nationalistische Untergrundkämpfer: Der Geschichtsstreit zwischen Polen und der Ukraine flammt erneut auf

 23.10.2026

Umfrage

Umfrage: So würde Deutschland abstimmen, wenn am Sonntag Wahlen wären

 23.10.2026

München

Aigners Befund zu Judenhass: »Das ›Nie wieder!‹ ist tot«

Die bayerische Landtagspräsidentin gibt eine schonungslose Analyse zum Antisemitismus in Deutschland. Doch sie sieht auch hoffnungsvolle Ansätze, um gegenzusteuern

 23.10.2026

Deutschland

Wie hält es die CDU in Sachsen-Anhalt mit der AfD?

AfD-Politiker Siegmund braucht drei Stimmen aus anderen Reihen, um Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt zu werden. Ein CDU-Abgeordneter stellt sich nun gegen die CDU-Fraktionslinie

von Christopher Kissmann  22.10.2026

Debatte

Wahl in Israel: Star-Dirigent Lahav Shani meldet sich ausführlich zu Wort

In der Vergangenheit war der Musiker mehrmals im Visier radikaler Israelfeinde

 22.10.2026

Berlin

Zentralrat der Juden warnt vor rot-grün-roter Koalition

Schuster: »Im Kampf gegen Judenhass ist dieses Schauspiel ein echter Offenbarungseid«

 22.10.2026 Aktualisiert