Forschung

Brennende Fragen

Ein Hangar als Flüchtlingsunterkunft: Berlin-Tempelhof 2015 Foto: dpa

Obwohl die Länderberichte bestätigen, dass antisemitische Einstellungen und Verhaltensweisen in muslimischen Minderheiten unverhältnismäßig hoch ausgeprägt sind», heißt es in einer neuen Studie, «deuten weder die Auswertung bestehender Daten noch die für diesen Bericht durchgeführten Befragungen auf eine signifikante Verbindung zwischen aktuellen MENA-Migranten und dem Ausmaß oder der Gestalt des Antisemitismus in westeuropäischen Gesellschaften hin.» Mit MENA ist die Region Naher Osten und Nordafrika gemeint, aus der viele Flüchtlinge nach Europa kommen.

Die Studie «Antisemitismus und Immigration im heutigen Westeuropa. Gibt es einen Zusammenhang?», die vergangene Woche in Berlin vorgestellt wurde, ist von der deutschen Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) in Auftrag gegeben worden. Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Migration können die Wissenschaftler nicht bestätigen. «Antisemitismus ist ein Problem, das der Mehrheitsbevölkerung entspringt und nicht ausschließlich oder überwiegend von Minderheiten herrührt», heißt es.

vergleiche David Feldman und sein Forscherteam vom Pears Institute for the Study of Antisemitism an der Birkbeck-Universität in London haben Ergebnisse aus Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Großbritannien zusammengetragen und miteinander verglichen. Für den Forschungsbericht wurden bestehende quantitative und qualitative Daten ausgewertet und zusätzlich neue qualitative Forschungen durchgeführt.

Ziel war es, zu ermitteln, ob sich die Migration aus der MENA-Region seit 2011 auf antisemitische Einstellungen und Verhaltensweisen in westeuropäischen Ländern auswirkt. Dabei wurden neben dem Studienvergleich zwischen November 2016 und Oktober 2017 Befragungen unter Behörden und zivilgesellschaftlichen Organisationen wie jüdischen Organisationen und Migrantenorganisationen durchgeführt. Diese Feldforschung habe «Bedenken unter Juden aufgedeckt, dass Flüchtlinge aus Ländern ankommen, in denen kultureller Antisemitismus und eine anti-israelische Haltung vorherrschen, und die daher in Zukunft eine Quelle des Antisemitismus darstellen könnten», heißt es.

Für die Beurteilung und Messung des Antisemitismus wurden Meinungsumfragen und Verbrechensstatistiken herangezogen. Problematisch hierbei sei, «dass viele antisemitische Vorfälle und Verbrechen gar nicht oder nicht ordnungsgemäß erfasst werden», wie die Forscher zwar einräumen, aber nicht näher ausführen.

statistiken In Deutschland sind beispielsweise über 90 Prozent der antisemitischen Straftaten in der Polizeilichen Kriminalstatistik der Kategorie «Politisch motivierte Kriminalität rechts» zugeordnet. Dies geschieht allerdings automatisch, wenn die Täter nicht ermittelt werden können. Die Statistik steht daher schon eine Weile in der Kritik. «Die Zahlen geben weder das Ausmaß antisemitischer Straftaten wieder, noch sind die Tätergruppen genau erfasst», sagte beispielsweise der Leiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, Benjamin Steinitz, im Frühjahr.

Die Studie kommt nach Auswertung der Befragungen und der Verbrechensstatistiken zu dem Schluss, dass in keinem der untersuchten Länder «eine Beziehung zwischen der Entwicklung der erfassten antisemitischen Vorfälle und der Entwicklung der MENA-Migration» besteht. Trotz der von vielen Juden in Westeuropa ausgedrückten Besorgnis würde sich der Antisemitismus «nicht weiter ausbreiten».

Außerdem gebe es in allen untersuchten Ländern «eine klare Beziehung zwischen der Zahl der erfassten antisemitischen Vorfälle und bedeutenden Ereignissen im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern».

kritik Der Historiker Michael Wolfssohn sagte der Jüdischen Allgemeinen, dass «diese Umfragen nicht beweisen, dass es für Juden keine erhöhte Gefahr durch die muslimische Migration gebe. Denn: Umfragen geben (richtig oder falsch) repräsentative Meinungen wieder». Die Auswertung der medial gemeldeten Gewalttaten gegen Juden vermittele «ein eindeutiges Bild», so Wolffsohn weiter. «Bei empirischer antijüdischer Gewalt der letzten Jahre sind fast alle Täter Muslime. Und wenn der antijüdische Anteil unter Muslimen höher als bei der Mehrheitsbevölkerung ist, heißt das: Dieser Schoß ist fruchtbarer.»

Auch das American Jewish Committee (AJC) kritisierte die Analysen der Forscher. Rabbiner Andrew Baker, AJC-Direktor für internationale jüdische Angelegenheiten, schrieb im britischen «Jewish Chronicle»: «Statt vorliegende Daten zu analysieren, das Ausmaß des Problems zu definieren und Empfehlungen zum Umgang mit diesen anzubieten, ignorieren die Forscher die Daten, blenden das Problem aus und beschuldigen die Betroffenen.» Es sei evident, dass viele antisemitische Vorfälle der vergangenen Jahre, darunter körperliche Bedrohung und Gewalt, in bestimmte Teile der muslimischen Gemeinschaft zurückverfolgt werden können.

Tatsächlich können einige Aussagen des Forschungsberichts als entschuldigend bezeichnet werden. So wird von Hinweisen gesprochen, «dass Diskriminierung und schlechte Integration zur Verstärkung des antisemitischen Denkens beitragen oder den Weg dafür bereiten». Muslime würden auf indirekte Weise «zu radikalen Gruppierungen und Moscheen getrieben werden, die antisemitische Gedanken und Verschwörungstheorien fördern». Zwischen antisemitischen Einstellungen und antisemitischem Verhalten bestehe nicht zwangsläufig ein Zusammenhang, heißt es an anderer Stelle. Ein Großteil antisemitischen Verhaltens sei «von ›antisozialer‹ und ›opportunistischer‹ Natur, ohne eine klare ideologische oder religiöse Motivation».

Bei der Vorstellung der Studie kritisierte ein Vertreter des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus, dass die Zusammenfassung der Ergebnisse, wie sie die EVZ, eine von der Bundesrepublik getragene Stiftung des öffentlichen Rechts, vornahm, wie eine Entwarnung wirke. Das aber sei eher ein politisches Statement als eine Aussage, zu der eine streng wissenschaftliche Studie kommen könne.

Jom Hasikaron

So viele Verluste

Mein Vater floh vor der Schoa, wurde beinahe in seinem Kibbuz ermordet und starb als Flüchtling im eigenen Land. Der Gedenktag wird dieses Jahr für mich besonders schmerzhaft sein

von Eshkar Eldan Cohen  20.04.2026

Berlin

Abbruch nach Antisemitismus bei Makkabi-Spiel

Der Staatsschutz ermittelt wegen des Verdachts der antisemitischen Volksverhetzung und Beleidigung

 20.04.2026

Washington D.C.

Iran-Krieg: Trump ringt hinter den Kulissen mit Zweifeln und Sorgen

Angst um die Wirtschaft und die Befürchtung, ihn könnte das politische Schicksal von Jimmy Carter ereilen, beeinflussen den Präsidenten

 20.04.2026

London

Festnahmen nach neuem Brandanschlag auf Synagoge in London

Binnen weniger Wochen werden mehrere jüdische Einrichtungen in London zum Ziel von Brandanschlägen. Handeln die Täter im Auftrag Irans gegen Geld?

 20.04.2026

Teheran

Bericht: Iran lehnt zweite Verhandlungsrunde mit USA ab

Am Mittwoch läuft die Waffenruhe im Iran-Krieg aus. US-Präsident Trump nennt einen neuen Verhandlungstermin. Aber das Teheraner Regime sieht keine »Perspektive für seriöse Verhandlungen«

 20.04.2026

Berlin

Deutsche Marine bereitet Einsatz in Straße von Hormus vor

Noch ist ein dauerhafter Waffenstillstand am Golf nicht absehbar. Doch Deutschlands Marine bereitet sich bereits auf den Tag X vor. Es geht um das Räumen von Minen in der Straße von Hormus

 20.04.2026

London

Antisemitismus-Vorwürfe: Britische Grüne suspendieren jüdischen Anti-Zionisten

Tony Greenstein stellte die Verbrechen der Hamas infrage und äußerte sich zugunsten der Terrororganisation. Es ist nicht sein erster Parteiausschluss

 20.04.2026

Kultur

Klein wünscht sich mehr Wehrhaftigkeit gegen Antisemitismus im Kulturbetrieb

Der Antisemitismus-Beauftragte Klein kritisiert einen geplanten Auftritt der palästinenisch-stämmigen DJ Sama‘ Abdulhadi im Juli in Hamburg

 19.04.2026

Iran

Iran macht Öffnung der Straße von Hormus rückgängig

Keine 24 Stunden nach der Zusage des Iran, die Straße von Hormus zu öffnen, wurde sie wieder zurückgenommen.

 19.04.2026