USA

Bracha für Barack

Gefeiert: Barack Obama bei der AIPAC-Jahreskonferenz am 4. März in Washington Foto: imago

Die Vorwahlen der Republikanischen Partei sind entschieden, der Kandidat heißt Mitt Romney, und der Präsident kann sich erst einmal lässig zurücklehnen: Jede Meinungsumfrage bestätigt, dass Barack Obama gegenüber seinem konservativen Herausforderer klar in Führung liegt. Und die amerikanischen Juden? Wem werden sie bei den Wahlen in diesem Herbst ihre Stimme geben? Auch darüber gibt es längst keinen Zweifel mehr.

Fangen wir mit den Argumenten an, die für Mitt Romney sprechen: Seine Haltung zu Israel ist vollkommen eindeutig. Er hat den jüdischen Staat Amerikas »leidenschaftlichsten« Verbündeten genannt und immer wieder die Wertegemeinschaft mit der einzigen Demokratie des Nahen Ostens hervorgehoben. Keinen Zweifel lässt Mitt Romney auch an seiner Haltung gegenüber den Feinden Israels: Die Hamas ist für ihn eine Terrororganisation, kein Verhandlungspartner, und mit der existenziellen Drohung, die aus Teheran kommt, will er Israel nicht allein lassen.

Sein erster Staatsbesuch als amerikanischer Präsident – das hat er schon jetzt angekündigt – werde ihn nach Jerusalem führen. All dies ist wahrscheinlich in Mitt Romneys Mormonenglauben verwurzelt: Joseph Smith, der Gründer der »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage«, vertrat eine dezidiert philosemitische Theologie. Jeder, der mit dem »Buch Mormon« aufgewachsen ist, hat diese projüdische Haltung schon in der Vorschule in sich aufgesogen. Mitt Romney – das wäre ein verlässlicher Freund Israels im Weißen Haus.

mehrheit Bedeutet dies, dass die amerikanischen Juden ihn wählen werden? Nein. Das liegt daran, dass die amerikanischen Juden, die doch sonst eine sehr vielfältige Gruppe sind, wenigstens ein Merkmal gemeinsam haben. Die überwältigende Mehrheit gibt ihre Stimme den Demokraten. Das ist zumindest seit Franklin D. Roosevelt so. Dieser amerikanische Präsident lebt in der jüdisch-amerikanischen Erinnerung sozusagen als der gute Pharao – nicht allein deswegen, weil er Amerika mit sicherer Hand durch den Zweiten Weltkrieg gesteuert hat, sondern vielleicht noch mehr, weil er in den 30er-Jahren für den sozialdemokratischen New Deal stand. Viele kleine jüdische Geschäftsleute hatten in der Wirtschaftskrise der 30er-Jahre alles verloren; durch den New Deal bekamen sie wieder Boden unter die Füße.

Dass amerikanische Juden eher linksliberal als konservativ eingestellt sind, hat im Wesentlichen zwei Gründe. Erstens: Juden sind das, was man in Amerika als »bleeding hearts« bezeichnet. Sie haben ein Herz für die Armen und glauben an den Wohlfahrtsstaat. Zweitens: Juden sind für eine sehr strikte Auslegung des First Amendment, das eine Trennung von Staat und Religion in Amerika vorsieht. Die Republikaner stehen aus Sicht vieler Juden im Verdacht, eine religiöse Partei zu sein, die Amerika in einen christlichen Staat verwandeln möchte. In einem Amerika, das sich selbst als christlich definieren würde – statt als Republik, in der jeder nach seiner Fasson selig werden kann –, wären Juden wieder das, was sie früher schon einmal waren: eine an den Rand gedrückte Minderheit.

establishment Und Israel? Hier muss man bedenken, dass die europäische Regel »Je linker, desto antizionistischer« in Amerika nicht gilt – oder wenigstens nicht in demselben Maße. Gewiss, es gibt radikale Randfiguren, die den Staat Israel in Grund und Boden verdammen; und es gibt eine boshafte antizionistische Stimmung an vielen amerikanischen Universitäten. Aber das Establishment der Demokratischen Partei ist davon bis auf weiteres nicht betroffen. Das liegt vor allem daran, dass die breite Masse der amerikanischen Bevölkerung hinter Israel steht.

Im Verhältnis von Obama und dem Staat Israel hat es am Anfang heftig geknirscht, aber das ist heute beinahe vergessen. Freilich: Es ist kein Geheimnis, dass Barack Obama Bibi Netanjahu immer noch nicht leiden kann – aber auch das treibt keinen Keil zwischen ihn und seine jüdischen Wähler. Viele amerikanische Juden können den israelischen Premierminister nämlich auch nicht ausstehen.

Wie denken nun jene ungefähr 20 Prozent der amerikanischen Juden, die in der Wahlkabine den rechten Hebel ziehen? Aus ihrer Sicht trägt der Linksliberalismus der meisten amerikanischen Juden Züge einer Ersatzreligion; die »New York Times«, so heißt es, habe bei den treuen Anhängern der Demokraten die Tora ersetzt. Juden, die den Republikanern zuneigen, weisen außerdem darauf hin, dass die Propheten sich zwar für soziale Gerechtigkeit eingesetzt haben, nicht aber für den Sozialismus (auch nicht für eine moderate Variante davon). Stattdessen betont die jüdische Ethik die Eigenverantwortung. Das Zentralorgan der rechten amerikanischen Juden ist die Zeitschrift »Commentary«. In ihren Spalten wird regelmäßig gewarnt, die Geschichte könnte sich wiederholen: Amerika könnte unter Präsident Obama den Staat Israel im Stich lassen, so wie es im Zweiten Weltkrieg die europäischen Juden im Stich gelassen hat.

Doch bisher sieht es nicht so aus, als könnte dies je die Meinung der Mehrheit werden.

Frankfurt/Main

Experten: Antisemiten hetzen im Netz inmitten von Lifestyle-Themen

Der Vertrauensverlust in klassische Medien macht TikTok, Youtube und Instagram zur wichtigsten Arena für politische Debatten. Dort müsse der Kampf für die Demokratie stattfinden, betonen Extremismus-Experten

von Christof Bock  15.09.2026

Bayern

Nach Morddrohung gegen Charlotte Knobloch – jetzt äußert sich die Polizei

Die Hintergründe

 15.09.2026

Berlin

Nach antisemitischem Angriff: Aufruf zum Tragen eines Davidsterns

An Rosch Haschana wurde eine Frau antisemitisch beleidigt und verletzt. Mehrere jüdische Organisationen und Vereine rufen nun für Donnerstag zum Tragen eines Davidsterns aus Solidarität auf

 15.09.2026

Washington

US-Bericht räumt Munitionsmangel infolge des Iran-Kriegs ein

Ein Bericht aus dem amerikanischen Verteidigungsministerium bestätigt, was die Regierung lange bestritt: Der Iran-Krieg hat die Munitionsvorräte der USA empfindlich ausgedünnt. Das Pentagon will nun gegensteuern

 15.09.2026

Tel Aviv

IDF-Chef prüft rechtliche Schritte gegen Film »Naza«

Generalstabschef Eyal Zamir bezeichnet bisher bekannt gewordene Teile der Doku als »Ritualmordlegenden, bewusste Verzerrungen der Realität und falsche Anschuldigungen gegen IDF-Soldaten«

 15.09.2026

Berlin

Wie die Auswahl des Antisemitismusbeauftragten zum Debakel wurde

Der Senat wollte den Posten eines Antisemitismusbeauftragten für die Hochschulen der Hauptstadt schaffen. Doch das Verfahren wurde abgebrochen. Eine neue Recherche zeigt, wie es so weit kommen konnte

 15.09.2026

Umfrage

AfD bleibt laut Umfrage stärkste Partei – CDU/CSU auf Tief

Die in Teilen rechtsextremistische Partei hat einen Vorsprung von 11 Prozentpunkten zur zweitstärksten Partei

 15.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  15.09.2026

Mascha Malburg und Joshua Schultheis

In eigener Sache

Mascha Malburg und Joshua Schultheis werden mit dem Georg-Stefan-Troller-Preis ausgezeichnet

Die Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen und der freie Mitarbeiter erhalten die Auszeichnung für ihre Interviewreihe mit Juden aus Deutschland

 15.09.2026 Aktualisiert