Schach

Boykott ohne Folgen

Im Dienst des FC Bayern München: Amin Tabatabaei bei einem Bundesligaspiel 2022 in Deizisau Foto: picture alliance / hr

Amin Tabatabaei ist erst 23 Jahre alt, lebt mit seiner Familie im Iran, und weil er Schachprofi ist, fliegt der junge Mann zu Turnieren durch die ganze Welt – auch nach München. Denn in der Schach-Bundesliga sitzt er für den FC Bayern München am ersten Brett, der Position des Team-Stärksten. Im August dieses Jahres fiel Tabatabaei, der schon mit 17 Jahren Großmeister wurde, unangenehm auf, weil er sich weigerte, bei der im kasachischen Astana ausgetragenen Team-WM im Blitzschach, wo er für das Team GMHans.com gemeldet war, gegen den israelischen Ashdod Chess Club anzutreten.

Neu war ein solcher Boykott nicht. Schon 2022 hatte sich Tabatabaei bei der Blitzschach-WM geweigert, gegen den israelischen Großmeister Boris Gelfand zu spielen. Auch von anderen Boykottvorfällen Tabatabaeis wird berichtet. Bestraft wurde er für sein Verhalten bislang nicht. Dabei hat der Schachweltverband FIDE 2020 beschlossen, dass künftig Boykotte gegen Israel geahndet werden sollten.

Eine »Gelbe Karte« nennt das Paul Meyer-Dunker, Präsident des Berliner Schachverbandes. Doch eine »Rote Karte«, also die Suspendierung, ist dieser Entscheidung noch nie gefolgt.

Trotz der Boykotte macht Tabatabaei Karriere

Amin Tabatabaei kann daher fast ungestört Karriere machen: Außer in einem Schachklub aus dem nord­iranischen Qaem-Schahr und dem FC Bayern München sitzt er noch regelmäßig beim französischen Spitzenverein Association Cannes-Eches am Brett. Und als individuell agierender Profi ist er bei den großen Turnieren gefragt. Zuletzt gewann Tabatabaei im März das »Aeroflot Open« in Moskau. Auch wenn er sich stets weigert, gegen Israelis zu spielen, konnte er sich dennoch zur internationalen Klasse hocharbeiten.

Der Deutsche Schachbund (DSB) verurteilt Tabatabaeis Boykotte »als offensichtlichen Verstoß gegen die Fairplay-Regeln der FIDE«, so DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach. »Der Deutsche Schachbund beobachtet Vorfälle des Nichtantretens im Sport mit großer Sorge.« Allerdings wird betont, es gehe dem DSB »nicht darum, einzelne Sportler für ihr Verhalten zu kritisieren«. Zudem sei der Boykott ja auf einer FIDE-Veranstaltung passiert, nicht etwa in der Bundesliga.

Dort kam es tatsächlich noch nicht zu anti-israelischen Aktionen. Jüdische Spieler oder auch explizit jüdische Vereine wie die Schachabteilungen von Makkabi wurden bislang nicht Opfer solcher Angriffe. Es gibt Stimmen, die das beispielsweise damit erklären, iranische Spieler hätten persönlich ja nichts gegen jüdische Konkurrenten, nur der iranische Staat zwinge sie bei internationalen Wettkämpfen dazu. Andere, wie Paul Meyer-Dunker, vermuten dagegen eher pragmatische Gründe. »In der Bundesliga sorgen die Teamchefs dafür, dass es nicht zu so einer Ansetzung kommt. Die Termine sind ja langfristig bekannt«, weiß der Berliner Funktionär zu berichten.

Tabatabaei musste sich öffentlich entschuldigen, als er einmal gegen einen Israeli spielte.

Gleichwohl hatte der DSB 2022, als Amin Tabatabaei erstmals andere boykottiert hatte, um eine Unterredung mit dem FC Bayern gebeten. Und der Klub wiederum bat seinen Spitzenspieler zum Gespräch. Was dabei herauskam, ist nicht bekannt. Sicher ist nur: Tabatabaei hat mit seiner Boykottpraxis nicht gebrochen. Dennoch wurden gegen ihn keine Sanktionen verhängt.

Bei den Bundesliga-Klubs hält man das vor allem für ein Problem der FIDE. Beim DSB heißt es, man sehe »leider keine Anzeichen«, dass die dort zuständige Ethikkommission bald angerufen werde. Das habe der DSB schon oft kritisiert, meist gemeinsam mit dem englischen Verband, und man werde dies auch weiterhin zur Sprache bringen – »wohl wissend, dass das leider bei der FIDE in gewisser Weise auch ein Kampf gegen Windmühlen ist«. Ob allerdings DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach und ihr Verband, der, anders als etwa ein Bundesliga-Klub, stimmberechtigtes Mitglied der FIDE ist, wirklich genügend tun, ist bei Vereinen umstritten.

Der FIDE-Beschluss von 2020 jedenfalls, auf den sich die Kritiker jetzt berufen, ist gar nicht so glasklar. Es gelang nämlich der FIDE-Spitze, der eine große Nähe zum Kreml in Moskau nachgesagt wird, einen englischen Antrag, wonach im Falle eines Boykotts der Iran »zwingend von allen FIDE-Aktivitäten suspendiert« werden müsste, abzuwehren – zugunsten einer schwächeren Entscheidung, derzufolge das höchste Gremium FIDE Council befugt sei, Maßnahmen zu verhängen, »sollten die Umstände solche Aktionen rechtfertigen«. Der Iran schwang sich damals sogar zu der Behauptung auf, es gebe kein Gesetz, das von Sportlern einen Israel-Boykott fordere; diese machten das aus freiem Entschluss.

Der Iran schadet sich mit den Boykotten selbst

Tatsächlich war sogar schon Amin Tabatabaei selbst einmal Opfer der Boykottpolitik des Iran, nachdem er und ein anderer Großmeister, Parham Maghsoodloo, der in der Bundesliga ebenfalls schon für den FC Bayern gespielt hat, im Dezember 2019 bei einem Turnier gegen Israelis angetreten waren, ohne deren Nationalität zu kennen. Nicht nur, dass die zwei Großmeister gezwungen wurden, sich öffentlich zu entschuldigen, auch Irans Teilnahme an der Blitzschach-WM 2019 wurde prompt abgesagt.

Dass der iranische Schachsport sich mit seiner Boykottpraxis selbst schadet, scheint in Teheran niemanden zu stören. Der damals geschurigelte Parham Maghsoodloo lebt mittlerweile in Frankreich, und das wohl größte Talent des iranischen Schachs, Alireza Firouzja, dem 2019 die WM-Teilnahme verboten werden sollte, verließ schon als 16-Jähriger den Iran und nahm unter der neutralen Flagge der FIDE trotzdem an der WM teil. Nun lebt er mit seinem Vater in Frankreich, hat die französische Staatsbürgerschaft und spielt auch für deren Nationalteam.

Wie es dagegen im Falle von Amin Tabatabaei weitergeht, ist unklar. Im Oktober wird er wohl wieder in Deutschland sein. Der FC Bayern will sich öffentlich nicht äußern.

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  15.07.2026 Aktualisiert

Auszeichnung

Ehrenamtspreis für jüdisches Leben geht nach Köln und Berlin

Bereits zum vierten Mal wird der Ehrenamtspreis für jüdisches Leben verliehen. In diesem Jahr werden Projekte geehrt, die vor allem auf einen niederschwelligen Zugang setzen

von Birgit Wilke  14.07.2026

Medien

Wechsel im ARD-Studio Tel Aviv: Sophie von der Tann wird abgelöst

Während der BR seine Korrespondentin in höchsten Tönen lobt, wurde extern immer wieder heftige Kritik geübt. Von der Tanns Nachfolgerin in Israel ist Pia-Marie Steckelbach

 14.07.2026

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026

München

Bayerns 180-Grad-Restitutionswende

Der Freistaat hat sich entschieden, eine Bronze von Picasso zurückzugeben und dabei gleich seinen Umgang mit NS-Raubkunst zu reformieren

von Michael Thaidigsmann  14.07.2026

Faktencheck

Henry Kissinger wollte die »weiße Rasse« nicht beseitigen

Dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger werden immer wieder völlig frei erfundene Zitate zugeschrieben. Etwa, dass er die »weiße Rasse« durch multikulturelle Gesellschaften habe ersetzen wollen

 14.07.2026

Washington D.C.

Trump droht mit Angriff: Was über »Pickaxe Mountain« bekannt ist

Den Berg, der eine Atomanlage beherbergt, bezeichnet der US-Präsident als mögliches Ziel für einen »großen, fetten« Angriff

 14.07.2026

Osnabrück/Doha

Iron-Dome-Deal zwischen Israel und VW droht an Katar-Veto zu scheitern

Ein Verteidigungsdeal mit Israel und Hunderte Arbeitsplätze am VW-Standort Osnabrück sind in Gefahr, da der katarische Staatsfonds blockiert

 14.07.2026

Washington D.C.

USA-Iran-Rahmenabkommen: Was hat Trump überhaupt erreicht?

Groß war der Jubel des US-Präsidenten, als er mit der Führung im Iran ein vages Rahmenabkommen erzielte. Knapp einen Monat später stellt sich jedoch die Frage: Was ist davon noch übrig?

von Franziska Spiecker, Khang Mischke  14.07.2026