Pro & Contra

Besuchspflicht für Flüchtlinge?

Pro – Doron Kiesel: »Gerade muslimische Migranten sollten sich in KZ-Gedenkstätten mit Judenhass auseinandersetzen«

Der verordnete Besuch von Flüchtlingen in Gedenkstätten oder ehemaligen Konzentrationslagern kann – das sei sogleich den Kritikern der Anregung des Präsidenten des Zentralrats zugestanden – nicht nur folgenlos bleiben, sondern sehr wohl auch tradierte antisemitische Hassfantasien noch beflügeln. Wenn ein solcher Schritt jedoch nicht als schockpädagogische Maßnahme, die bereits in den 60er-Jahren als Mittel der Abschreckung ihr Ziel verfehlte, intendiert ist, sondern in bildungspolitische Lernkonzepte eingebettet wird, dann lassen sich mit diesen Besuchen womöglich nachhaltige Erkenntnisse aufseiten der Zielgruppe gewinnen.

Doch zunächst stellt sich die Frage, weshalb Flüchtlingen die folgenreichste Epoche der deutschen Geschichte – die NS-Herrschaft und die Vernichtung der europäischen Juden – nähergebracht werden muss. Das Leben in Deutschland ist bis heute geprägt von den Folgen der nationalsozialistischen Machtausübung und des Terrors gegenüber politischen Gegnern und ethnischen Minderheiten. Die politische Kultur der demokratischen Entscheidungsträger dieses Landes spiegelt auch Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine Sensibilität gegenüber allen Ausdrucksformen rassistischen oder antisemitischen Denkens. Geäußerte judenfeindliche Haltungen werden, sobald sie auffallen, sanktioniert und ihre Vertreter zur Rechenschaft gezogen. Seit Gründung der Bundesrepublik wird im Rahmen der formellen schulischen Bildung und der informellen politischen Bildungsarbeit in allen pädagogischen Institutionen immer wieder auf »jene Jahre« verwiesen, die niemals wiederkehren dürften.

Der Besuch von Flüchtlingen an Orten der Vernichtung kann mehrere Ziele haben: Sie werden zum einen mit den radikalen Folgen antisemitischer Einstellungen konfrontiert. Schließlich sind sie in ihrer Mehrzahl in einem gesellschaftlichen Umfeld sozialisiert worden, in dem Judenfeindschaft zum Kanon gehört. Auch wenn der Nahostkonflikt in der Regel zur Unterfütterung dieser Haltung herangezogen wird, so fällt doch auf, dass in den Sprachfiguren der Flüchtlinge nicht unterschieden wird zwischen einer Kritik an israelischer Regierungspolitik und einer Verdammung der Juden im Allgemeinen. Die Vorführung der mörderischen Konsequenz einer Haltung, die die Eliminierung jüdischen Lebens anstrebt, kann den Betroffenen vor Augen führen, in welche Denktradition sie sich einreihen.

Zugleich können sie durch Besuche von Orten des Gedenkens an die Vernichtung der europäischen Juden und anderer Minderheiten oder Gegner des Nationalsozialismus an ihre eigene Flucht- und Verfolgungsgeschichten erinnert und somit in die Lage versetzt werden, an biografische Narrative anzuknüpfen, die für sie und ihre Familien oft äußerst traumatisch abliefen.

Für Flüchtlinge gilt das Gleiche wie für junge Deutsche, die oft erst über die Auseinandersetzung mit Einzelschicksalen eine emotionale Identifikation mit den verfolgten und ermordeten Juden entwickeln. Hier wird erkennbar, von welch zentraler Bedeutung die gedenkstättendidaktische Kompetenz des pädagogischen Personals vor Ort und der sie begleitenden Lehrer und Mitarbeiter der Jugend- und Sozialarbeit ist.

Das Eintauchen in deutsche Geschichte ist immer auch eine Konfrontation mit von hasserfüllten Menschen verantworteten todbringenden Feldzügen gegen diejenigen, die sie zuvor zu Fremden erklärt haben. Wenn Vernichtungslager als logische Folge einer systematischen Ausgrenzung und Erniedrigung erkannt werden, wenn eigene Erfahrungen sich in ein solches System wenigstens teilweise einordnen lassen, dann kann ein Nachdenken und Nachfühlen beginnen.

Einer der zentralen Gründe, Flüchtlingen die dunkelsten Seiten der deutschen Geschichte hautnah zu vermitteln, ist weiterhin die Tatsache, dass ihre Übersiedlung in das Land, von dem die Schoa ausging, mit einer radikalen Einstellungsveränderung gegenüber der jüdischen Bevölkerung Deutschlands und dem Existenzrecht des Staates Israel einhergehen muss. Wenn sie sich nach einer entsprechenden politisch-moralischen und juristischen »Nachsozialisation« dem politischen Konsens in diesem Bereich oder anderen grundgesetzlich verankerten Prinzipien unseres Zusammenlebens widersetzen, sollte dies erkennbare Folgen für ihren weiteren Verbleib in der Bundesrepublik haben.

Auch mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist die demokratische Kultur dieses Landes noch zu anfällig, als dass sie sich neue Formen des Antisemitismus leisten könnte. Zumal sich der »alte« Antisemitismus in seinen unterschiedlichen Formen noch immer und viel zu oft Einlass in die politische Landschaft der Bundesrepublik verschafft. Antisemitismus ist nie harmlos, ganz gleich, ob er in Äußerungen oder Übergriffen von Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft oder von Zuwanderern zum Ausdruck kommt. Insofern kann der pädagogisch und politisch reflektiert vorbereitete Besuch von Gedenkstätten für die politische Bildung einer Flüchtlingsgeneration nachhaltige Wirkungen zeitigen.

Doron Kiesel (65) ist Pädagoge und war Professor für Interkulturelle Erziehung an der Fachhochschule Erfurt. Er ist wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden.

Contra – Jens-Christian Wagner: »Zwang erzeugt Abwehr und ist kontraproduktiv«

Deutschland hat ein Problem mit dem erstarkenden Antisemitismus. Daran haben auch (aber bei Weitem nicht nur) Flüchtlinge aus muslimischen Ländern ihren Anteil. Israelfeindliche Haltungen gehen hier Hand in Hand mit einem aggressiven Antisemitismus und widersprechen dem in Jahrzehnten bundesrepublikanischer Geschichte hart erkämpften erinnerungspolitischen Grundkonsens der Berliner Republik, wonach die Erinnerung an die NS-Verbrechen und die Ablehnung jeglicher Form des Antisemitismus zum demokratischen Selbstverständnis unseres Landes gehören.

Vielfach ist daher seit Beginn der »Flüchtlingswelle« 2015 aus der Politik der Ruf zu hören, Flüchtlinge aus muslimischen Ländern sollten durch verpflichtende Besuche in den KZ-Gedenkstätten mit der deutschen Erinnerungskultur vertraut gemacht und ihr Antisemitismus damit gewissermaßen ausgetrieben werden. Es ist völlig richtig, dass der Antisemitismus unter vielen Flüchtlingen vor allem aus arabischen Staaten eine große Herausforderung für die aufnehmende Gesellschaft darstellt. Dennoch lösen solche Forderungen bei mir aus mehreren Gründen Bauchschmerzen aus.

Erstens lehrt uns die Erfahrung mit der Geschichtspolitik der DDR, dass Zwangsbesichtigungen von Gedenkstätten kontraproduktiv sind, weil sie Abwehrreflexe auslösen. Grundlagen der Bildungsarbeit in Gedenkstätten wie überhaupt in der historisch-politischen Bildung sind deshalb Freiwilligkeit und die Absage an jegliche Form der Indoktrination. Der Beutelsbacher Konsens, in den 70er-Jahren formuliert, hat nach wie vor Gültigkeit: Das Ziel politischer Bildung ist nicht die Überwältigung, sondern die Befähigung zum eigenen Urteil. Das aber beruht auf Freiwilligkeit.

Zweitens ist die Vorstellung naiv, jemand mit einem gefestigten antisemitischen und rassistischen Weltbild könne durch einen Gedenkstättenbesuch geimpft oder »geheilt« werden. Diese Diskussion wurde bereits in den 90er-Jahren mit Blick auf junge Neonazis geführt, von denen damals manche von Richtern zu Zwangsbesuchen in Gedenkstätten verurteilt wurden. Tatsächlich ist es jedoch vermessen, zu erwarten, ein Gedenkstättenbesuch könnte Defizite einer allgemeinen Werteerziehung in Schule und Gesellschaft ausgleichen. Der Besuch eines Tat- und Leidensortes wirkt nicht per se emanzipatorisch. Gedenkstätten sind keine demokratischen Läuterungsanstalten.

Das heißt natürlich nicht, dass Gedenkstättenbesuche sinnlos sind. Ganz im Gegenteil: Wenn sie mehr sind als eine verpflichtende Kurzführung von einer oder zwei Stunden, wenn sie eingebunden sind in eine gründliche Vor- und Nachbereitung und wenn sie inhaltlich abgestimmt sind auf die Zielgruppe und deren eigene Lebenswirklichkeit aufgreifen, dann können sie dazu beitragen, auf der Grundlage historischer Urteilsfähigkeit und eines kritischen Geschichtsbewusstseins die Besucher zu ermuntern, sich eine eigene Haltung gegen Rassismus und Antisemitismus und für die Achtung der Menschenrechte zu erarbeiten.

Dies ist in vielen Gedenkstätten bereits gängige Praxis, auch bei der Arbeit mit Flüchtlingen. In der Gedenkstätte Bergen-Belsen etwa wurden Tages- und Mehrtagesprojekte entwickelt, in deren Mittelpunkt die Zeit des jüdischen DP-Camps Bergen-Belsen steht, in dem Holocaust-Überlebende teils bis 1950 auf ihre Auswanderung nach Palästina/Israel oder in die USA warten mussten – ein Thema, das für Flüchtlinge direkte Anknüpfungspunkte bietet, ohne falschen historischen Analogien das Wort zu reden.

Bauchschmerzen verursacht die Forderung nach Gedenkstättenbesuchen für Flüchtlinge drittens, weil sie geeignet ist, Beifall auf der falschen Seite auszulösen. Erstens stellt sie alle muslimischen Flüchtlinge unter den Generalverdacht, Antisemiten zu sein. Genauso abwegig wäre es, generelle Gedenkstättenbesuche etwa für alle Sachsen oder Bayern zu fordern. Man wird deshalb das Gefühl nicht los, dass mit dem Verweis auf den Antisemitismus unter Zuwanderern vom genuin deutschen Antisemitismus abgelenkt werden soll. Und der ist nach wie vor virulent.

Fazit: Einseitige und pauschale Schuldzuweisungen verbieten sich ebenso wie schnelle Forderungen nach Zwangsbesuchen ehemaliger Konzentrationslager oder anderer Schoa-Gedenkstätten. Stattdessen sollten Besuche qualitativ gefördert werden – nicht nur, aber auch für Flüchtlinge. Dabei können differenzierte (und eher zeitintensive) gedenkstättendidaktische Angebote helfen, gegen heutige Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung zu sensibilisieren, ohne die Tatorte und damit die Opfer für aktuelle politische Ziele – so gut diese auch gemeint sein mögen – zu instrumentalisieren. Damit wäre der Integration, die immer von zwei Seiten ausgehen muss, den hier Lebenden und den Zuwandernden, viel besser gedient als mit leichtfertigen Rufen nach obligatorischen pauschalen Gedenkstätten-Schnellkursen in demokratischer Erinnerungskultur. Kostenlos ist das nicht zu haben, aber es wäre gut angelegtes Geld.

Jens-Christian Wagner (51) ist Historiker. Er leitet die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen und ist Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten.

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