Geschichte

Auf der Anklagebank

Nürnberger Kriegsverbrecherprozess: 18 Tage lang wurde verhandelt, rund 140 Zeugen waren geladen. Foto: dpa

Die Auschwitz-Überlebende Marie-Claude Vaillant Couturier hat sich die Namen vieler Opfer gemerkt. Präzise schildert die französische Widerstandskämpferin die Verbrechen: Sie berichtet von medizinischen Experimenten, von Folter, von Selektion und der Ermordung in der Gaskammer. Vaillant Couturier, später mehrere Jahre lang stellvertretende Vorsitzende der französischen Nationalversammlung, war eine wichtige Zeugin im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Er begann vor 70 Jahren, am 20. November 1945 im Schwurgerichtsaal 600.

Zwei Tage zuvor hatte der Internationale Militärgerichtshof in Berlin das Strafverfahren gegen die nationalsozialistische Führungselite und sechs nationalsozialistische Organisationen eröffnet. In Nürnberg saßen 21 NS-Politiker, Militärs und NSDAP-Funktionäre auf der Anklagebank – darunter Reichsmarschall Hermann Göring, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop und Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß. Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Heinrich Himmler hatten bereits im Frühjahr Suizid begangen.

massenmord Martin Bormann, Leiter der NSDAP-Parteizentrale, galt als verschollen und wurde in Abwesenheit verurteilt. Die Anklage lautete: Verschwörung gegen den Weltfrieden, Führung eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Massenmord an den Juden war kein eigener Anklagepunkt, er wurde vor allem unter Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt.

Der Prozess war aufwändig: 218 Tage lang wurde verhandelt, rund
140 Zeugen waren geladen. Als Beweismaterial dienten den Richtern Fotografien, Protokolle, Briefe und NS-Propagandamaterial. Auch Filme, die die Alliierten bei der Befreiung der Konzentrationslager gedreht hatten, wurden während des Prozesses gezeigt.

»Die Ankläger wollten den kriminellen Charakter des nationalsozialistischen Regimes an sich und nicht lauter Einzelverbrechen ahnden«, sagt die Kuratorin der Gedenkstätte »Memorium Nürnberger Prozesse«, Henrike Claussen. »Ziel war es, die Angeklagten zu überführen anhand von ihnen selbst unterschriebenen Dokumenten.« Am Ende des Prozesses standen zwölf Todesurteile, sieben Haftstrafen – davon drei lebenslänglich – und drei Freisprüche. Zu den zum Tode Verurteilten gehörten Ribbentrop, Keitel und Göring, der sich dem Henker durch Suizid entzog. Rudolf Heß erhielt lebenslänglich.

journalisten Das internationale Interesse an dem Prozess war groß. Journalisten und Schriftsteller aus aller Welt waren nach Nürnberg gereist, in die einstige Stadt der nationalsozialistischen Reichsparteitage und der antisemitischen Rassegesetze. Der US-Schriftsteller John Steinbeck nahm auf der Pressetribüne Platz, ebenso wie die in die USA emigrierte Autorin Erika Mann und die deutschen Schriftsteller Alfred Döblin und Erich Kästner.

»Jetzt sitzen also der Krieg, der Pogrom, der Menschenraub, der Mord en gros und die Folter auf der Anklagebank«, notierte Kästner in einem Artikel für die »Neue Zeitung«, die in der amerikanischen Besatzungszone erschien. »Riesengroß und unsichtbar sitzen sie neben den angeklagten Menschen.«

Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess war der erste Prozess, in dem nach dem Zweiten Weltkrieg die Verbrechen des Nationalsozialismus verhandelt wurden. Anders als bei späteren bundesdeutschen Gerichtsverfahren wie dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main urteilten in Nürnberg sowjetische, britische, US-amerikanische und französische Richter gemeinsam über die NS-Verbrechen. Bis 1949 folgten vor einem US-amerikanischen Militärgerichtshof in Nürnberg noch weitere zwölf Prozesse, in denen unter anderem Ärzte, Industrielle und Juristen auf der Anklagebank saßen.

völkerrecht Für die Geschichte des Völkerrechts spielt der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess eine bedeutende Rolle. »Im Großen und Ganzen ist dieser Prozess ein Novum in der Geschichte des modernen Völkerrechts«, sagt die Jenaer Historikerin Annette Weinke. Erstmals in der Geschichte hatten in Nürnberg vier Staaten mit völlig unterschiedlichen Verfassungen einen internationalen Gerichtshof einberufen, um über Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit zu verhandeln.

So gesehen sei Nürnberg »die Wiege dessen, wie wir heute versuchen, mit systematischen Menschenrechtsverletzungen umzugehen«, sagt Henrike Claussen. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag, aber auch Ad-hoc-Strafgerichtshöfe wie der Internationale Strafgerichtshof für Ruanda seien ohne die Prinzipien von Nürnberg nicht denkbar.

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026

Parteien

AfD-Chefin Alice Weidel äußert sich zu möglichen Koalitionen mit der CDU

Wie hält es die rechtsextreme Partei ihrerseits mit einer Annäherung an die Union?

 04.07.2026

Parteitag

AfD bestätigt Führungsduo – Chrupalla verliert an Rückhalt

Die AfD hat ihr Spitzenduo Weidel-Chrupalla wiedergewählt. Chrupalla muss allerdings Federn lassen. In der zweiten Reihe gibt es neue Gesichter

von Anne-Beatrice Clasmann  04.07.2026

Essay

Die Sprache der AfD

Gewalt, NS-Bezüge und Antisemitismus: Wie die rechtsextreme Partei auch rhetorisch die Grenzen verschiebt. Eine linguistische Analyse

von Deborah Kämper  04.07.2026

Thüringen

Mehr als 30.000 Menschen protestieren gegen AfD-Parteitag

Trotz Blockaden bleibt die Stimmung meist friedlich – doch es gibt auch Zwischenfälle mit Pyrotechnik und Flaschenwürfen

von Simone Rothe  04.07.2026

Wien

Antisemitismus am Denkmal für einen Antisemiten

Ausgerechnet am umstrittenen Denkmal für den einstigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger ist es zu einem judenfeindlichen Eklat gekommen

 03.07.2026

Lettland

Deutsche Städte gedenken der nach Riga deportierten Juden

1941/42 wurden mehr als 25.000 Juden aus Deutschland und Österreich zur Vernichtung in die lettische Hauptstadt deportiert. Daran gedachten nun Vertreter aus 30 deutschen Städten

 03.07.2026

Karlsruhe

Waffen für Hamas? Verdächtiger nach Deutschland überstellt

Seit Monaten geht die Bundesanwaltschaft gegen mutmaßliche Hamas-Anhänger vor, die Waffen für die Organisation geschmuggelt haben soll. Ein weiterer Beschuldigter ist jetzt in deutscher U-Haft

 03.07.2026

Iran

Wollte Israel iranische Unterhändler töten?

Wie die »New York Times« berichtet, fürchtete die Trump-Administration bei den Iran-Verhandlungen die gezielte Tötung der iranischen Delegierten Abbas Araghchi und Mohammad Bagher Ghalibaf durch Israel

 03.07.2026