Jerusalem

Auch eine Chance

Trumps Jerusalem-Erklärung vom Mittwoch vergangener Woche: Auch das palästinensische Fernsehen übertrug sie live. Foto: Flash 90

Die These vorweg. Sie ist zugleich ein wohlmeinender Rat an die Palästinenser: Trumps Jerusalem-Erklärung ist nicht nur ein »Sieg« Israels, sie birgt auch für die Palästinenser Chancen. Die Palästinenserführung sollte – anders als bisher in ihrer Geschichte – den Spatz in die Hand nehmen, um die Chance auf die Taube auf dem Dach zu wahren. Warum?

Man muss den Redetext genau lesen: Trump hat ausdrücklich eine Zweistaatenlösung nicht ausgeschlossen. Jedermann/
-frau hält sie für die »einzige Lösung«. Nebenbei, ich nicht. Nur ein Staatenbund, eine Konföderation Israel-Palästina-Jordanien, brächte langfristig Frieden. Nur wer kurzfristig ans Morgen denkt, favorisiert die Scheinlösung zweier Staaten. Auch Trump. Können die ihn attackierenden Zweistaatenanhänger nicht zuhören oder lesen?

ortsbestimmung Das gleiche Problem stellt sich bezüglich der Frage: »Welches Jerusalem meint Trump?« Wer ihm weder zuhören noch nachlesen kann oder will, behauptet: ganz Jerusalem. Davon kann keine Rede sein – weil davon keine Rede ist. Trump hat genau diese Ortsbestimmung weggelassen.

Selbst bei diesem Haudrauf-Präsidenten und seiner chaotischen Administration kann diese Auslassung kein Zufall sein. Sie entspricht den Regeln der internationalen Politik, wenn Manövrierraum ermöglicht werden soll. Für den Tempelberg gebrauchte er zudem den arabischen Namen. Daraus folgt: Ost-Jerusalem könnte auch gemäß Trumps Vorstellungen Hauptstadt »Palästinas« werden. Ob einem das zusagt oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.

Ganz Jerusalem als Doppel-Hauptstadt – das entspricht auch der Linie Putins. Das sei Russlands Ziel, hatte er im April 2017 erklärt. Wer empörte sich? Und wer empörte sich über die aggressive Ignoranz der UNESCO, die im Oktober 2016 befand, dass der Jerusalemer Tempelberg nur eine muslimische, keine jüdische Dimension aufweise? Immerhin stimmten Deutschland, Großbritannien und die USA gegen diesen Analphabetismus der UN-Unterorganisation für – man beachte! – Erziehung, Wissenschaft und Kultur. »Kulturnationen« wie Frankreich, Italien, Spanien oder Schweden billigten diesen Unsinn.

frieden Noch eine Tatsache, die am politischen Verstand und den Kenntnissen der globalen Politik-»Eliten« zweifeln lässt: Seit 1950 hat die Nicht-Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt den Frieden »keinen Zentimeter nähergebracht« – O-Ton Trump. Obwohl von Trump, so ist es dennoch richtig. Vor Reflex-Reaktionen bitte reflektieren!

Wer sich informiert und reflektiert, (er)kennt die zahlreichen Chancen, welche die Palästinenserführung im Laufe ihrer Geschichte verspielt hat. Einige dieses Jubiläumsjahres 2017 seien aufgezählt:

1897: Basel, Erster Zionistenkongress. Den paternalistischen, doch friedlich toleranten Gründergeist spiegelt Herzls Altneuland (1902), wenngleich paternalistisch, wider.

1917: Selbst die angeblich einseitig prozionistische Balfour-Erklärung der britischen Regierung enthielt einen Passus, der die Rechte der Nichtjuden in Palästina ausdrücklich bekräftigte.

peel-plan 1937: Der Peel-Plan schlägt eine Teilung Palästinas mit einem jüdischen Mini-Mini- und einem größeren arabischen Staat vor. Zähneknirschend stimmt die Zionistenmehrheit zu, die Palästinenserführung will alles oder nichts. Ebenso 1947 beim UNO-Teilungsplan. Dem verbalen Nein folgt der bewaffnete Kampf der Palästinenser, aus dem 1948/49 ein Krieg der arabischen Nachbarstaaten gegen Israel wurde.

1967: Israel erobert im Sechstagekrieg außer dem Golan und Sinai das Westjordanland und Ost-Jerusalem. Für einen Frieden ist Israel zunächst bereit, auf alle Gebiete zu verzichten. Nein, sagen Palästinenser und arabische Staaten.

1977: Ägyptens Präsident Sadat kommt nach Jerusalem. Mit Israels Premier Begin schließt er im September 1978 das Camp-David-Abkommen und einen Friedensvertrag. Beide programmierten, recht besehen, einen Staat Palästina. So nicht, nein, lautete die Antwort von PLO-Chef Arafat.

intifada 1987 bis 1993: die Erste Intifada. Das Oslo-Abkommen ebnet einem Staat Palästina den Weg. Trotzdem eskaliert der Palästinenser-Terror und mündet von 2000 bis 2005 in die Zweite Intifada.

2007: Wie Israels Premier Barak 2000/01 bot Ministerpräsident Olmert Palästinenserpräsident Abbas 97 Prozent des Westjordanlandes sowie Ost-Jerusalem als Hauptstadt an. Die Antwort: Reicht nicht.

Von 1967 bis 1977 gab es im Westjordanland und in Ost-Jerusalem eine Handvoll jüdischer Siedler, heute sind es knapp 600.000. Jetzt gäbe es, nüchtern betrachtet, eine neue Chance. Und wieder die alte Antwort.

Issam Sartawi, ein führender Palästinenser, warnte im Herbst 1982 seine Kollegen. Wenn sie so weitermachten, werde man eines Tages auf den Fidschi-Inseln landen. Im April 1983 wurde er von Landsleuten ermordet. Ergeht es palästinensischen Realisten heute besser? Nicht, wenn ihre Landsleute und Freunde, auch deutsche, sie ermuntern, weiter mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen.

Der Verfasser ist Historiker, Publizist und Buchautor, unter anderem von »Wem gehört das Heilige Land?« und »Deutschjüdische Glückskinder«.

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