Redezeit

»Antisemitismus ist ein Glaubenssystem«

Monika Schwarz-Friesel Foto: privat

Frau Schwarz-Friesel, Sie haben über 14.000 antisemitische Briefe an den Zentralrat der Juden und Israels Botschaft in Berlin wissenschaftlich ausgewertet. Welche Zuschrift hat Sie am meisten verstört?
Neben den vulgär-antisemitischen Hassbriefen erschüttern mich am meisten die Zuschriften von hochgebildeten Antisemiten. Diese Briefeschreiber sind fest davon überzeugt, Humanisten zu sein. Sie wissen genau, was im Holocaust geschehen ist. Dennoch verwenden sie die klassischen antisemitischen Stereotype, als ob ihr Verstand einfach aussetzen würde – das finde ich schockierend.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Bildung nicht vor antisemitischen Einstellungen schützt?
Man muss sich von der Vorstellung lösen, dass Antisemitismus ein normales Vorurteilssystem ist. Der Judenhass ist Teil des kulturellen Codes vieler Menschen und gehört seit Jahrhunderten ungebrochen zum kommunikativen Gedächtnis der abendländischen Gesellschaft. Dagegen helfen oft weder Bildung noch Intelligenz. Wenn man sich zum Beispiel die Artikel des Journalisten Jakob Augstein ansieht, wird deutlich, wie antisemitische Sprachgebrauchsmuster auch von Akademikern im öffentlichen Kommunikationsraum benutzt werden, insbesondere in anti-israelischen Texten.

Ist Jakob Augstein ein Antisemit?
Ich will Augstein nicht unterstellen, dass er intentional Verbalantisemitismus produziert. Wenn er aber etwa sagt, orthodoxe Juden folgten dem Gesetz der Rache, ist das Verbalantisemitismus pur, denn das klassische Stereotyp von der jüdischen Rachsucht ist ja uralt und als solches auch durchaus bekannt. Und wenn Augstein das vehement leugnet, dann will er seine Aussage vielleicht auch gar nicht zurücknehmen.

Aus welchem sozialen Milieu stammen die meisten Briefeschreiber?
Etwa fünf Prozent der Briefe schreiben uns Linksradikale. Rund drei Prozent sind rechtsradikal. Was uns absolut überrascht hat: Die überwiegende Mehrheit sind aufgeklärte, hervorragend gebildete Menschen, die sich selbst nie als antisemitisch bezeichnen würden. Einer der häufigsten Sätze in den Briefen lautet deshalb auch: »Ich bin kein Antisemit, aber …«

Werden die Zuschriften in der Regel anonym abgeschickt oder mit Klarnamen?
Nur ganz wenige Briefe werden anonym abgeschickt. Die Zuschriften mit Namen und Adresse haben wir stichprobenartig überprüft – die Angaben stimmten fast immer. Bei diesen Schreibern gab es überhaupt keine Schamgrenze oder Furcht, obwohl sie sich explizit antisemitisch äußern. Das ist sehr verstörend, weil diese Leute einen krassen Verbalantisemitismus produzieren, meist hochgebildet sind, sich aber zum Teil gar nicht bewusst sind, welche Anklagen sie gegen Juden erheben.

Nach welchem Prinzip funktionieren diese Anklagen?
In vielen Briefen werden Umdeutungen vorgenommen: »Israelkritik muss ja wohl erlaubt sein«, heißt es oft. De facto erfolgt dann aber keine Kritik, sondern Verbalantisemitismus. Die Leute legitimieren sich auch oft selbst, indem sie beispielsweise sagen, dass sie Christen oder Pazifisten sind. Rechtfertigungs- und Relativierungsstrategien sind ebenfalls weit verbreitet: Die Juden seien ja selbst schuld daran, dass man sie hasse, wenn sie sich so brutal oder rachsüchtig verhielten.

Funktionieren diese Zuschreibungen auch deshalb so gut, weil viele Deutsche keine Juden kennen?
Definitiv. Antisemitismus funktioniert sehr gut ohne Juden. Viele Briefeschreiben geben zu: Sie kennen keine Juden, und dann kommen dennoch ganz viele emotionale Charakterisierungen, die reine Fantasiekonstrukte sind. Dagegen kann man schwer mit rationalen Argumenten angehen. Wenn jemand daran glauben will, dass Juden den Weltfrieden gefährden, dann wird er so schnell nicht von der Wahrheit zu überzeugen sein.

Sie werten auch Briefe an Israels Botschaften im europäischen Ausland aus. Worin unterscheiden diese sich von den Zuschriften an die israelische Botschaft in Berlin?
Die Stereotype, Diffamierungen, Schuldzuweisungen und Übergeneralisierungen gleichen fast haargenau den Briefen an die Botschaft in Berlin. Den Entlastungsantisemitismus mit seiner Täter-Opfer-Umkehr findet man jedoch nicht im Ausland, sondern nur in Deutschland. Gefühle von Scham und Schuld werden nicht aufgearbeitet, sondern den Opfern angekreidet. In Briefen an den Zentralrat der Juden in Deutschland steht meist, dass das, was »die Juden den Palästinensern antun, genau dasselbe ist, was die Nazis den Juden angetan haben«. Das ist die klassische deutsche Täter-Opfer-Umkehr.

Wie groß ist bei Ihnen die emotionale Belastung angesichts der 14.000 judenfeindlichen Briefe, die Sie gelesen haben?
Sehr groß. Ich hatte am Anfang der Studie eine hoch motivierte Mitarbeiterin, die nach einem Monat in Tränen aufgelöst zu mir kam und sagte: »Ich kann nicht mehr, ich steige aus!« Auch als Konsequenz daraus sprechen wir als Team einmal in der Woche ausführlich über diese Belastung. Das ist notwendig – andernfalls würde man wohl bei dieser Art von Briefen früher oder später verzweifeln.

Mit der Kognitionswissenschaftlerin und Leiterin des Fachgebietes Linguistik an der TU Berlin sprach Philipp Peyman Engel.

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