Kommentar

Antisemitismus im Wagenknecht-Wahlprogramm

Moritz Y. Meier Foto: Privat

Kommentar

Antisemitismus im Wagenknecht-Wahlprogramm

Das Bündnis Sahra Wagenknecht bedient sich ungeniert antisemitischer Stereotype

von Moritz Y. Meier  05.02.2024 13:59 Uhr

Neun Prozentpunkte zeigt der neue dunkelrote Balken. In einer bundesweiten Wahlumfrage von pollytix steht das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) bei dem doppelten Wert der Linkspartei. Jene kommt auf gerade mal vier Prozent und müsste um den Einzug in den Bundestag bangen, bliebe es bis im Herbst 2025 dabei. Gleiches würde für die FDP gelten. Auch im Wahltrend der INSA taucht das BSW mit sieben Prozent bereits merklich auf, laut den Umfragen von FORSA und Emnid zumindest noch mit drei Prozent. Was aber ist von der Partei für jüdisches Leben in Deutschland zu erwarten?

Verkürzung der Schoah

Da wäre zunächst einmal die Äußerung des ehemaligen Bundesfinanzministers auf dem ersten Parteitag des vorletzten Wochenendes. Oskar Lafontaine distanzierte sich von der AfD, allerdings nicht so sehr wegen der zuletzt ans Licht gekommenen völkischen Abschiebephantasien, sondern, weil die rechtsextreme Partei ihm zu israelsolidarisch sei: »Die AfD steht wie keine andere Partei an der Seite Israels in diesem Krieg gegen Gaza«, raunte Lafontaine, der zugleich der Ehemann der namensgebenden Vorsitzenden des Bündnisses ist. Israel begehe »ein Kriegsverbrechen, dass wir anklagen müssen, ohne jede Einschränkung«. Nicht nur ist die Verortung der AfD als geschlossen an der Seite Israels bestenfalls euphemistisch – Lafontaine positionierte mit seinem Statement darüber hinaus das BSW in Zeiten massiven israelbezogenen Antisemitismus als eine weitere antiisraelische Gruppierung.

Seine Rede auf dem Parteitag am 27. Januar nutzte er ferner, um zugleich die Schoah vorsichtig zu relativieren: Aufgrund der Schuld an der »Ermordung von sechs Millionen Juden« sei mindestens ebenso sehr, in Zahlen ausgedrückt sogar noch viel eher der »Ermordung von 27 Millionen Sowjetbürgern« zu erinnern. Seine Parallelisierung erfüllte einen genauen Zweck, nämlich die Verkürzung der Lehre aus der Schoa keineswegs auf ein »Nie wieder Antisemitismus«, sondern auf ein plumpes »Nie wieder Krieg« – vor allem nicht, so Lafontaine, gegen den russischen Staat von heute. Es erscheint ganz so, als seien die administrativ vernichteten Juden und Jüdinnen bloß einem solchen großen Krieg zum Opfer gefallen. Ganz ähnlich bezeichnete der AfD-Co-Vorsitzende Tino Chrupalla die pogromartig Ermordeten des 7. Oktober: als »Kriegstote«.

Lafontaine steht exemplarisch für den Kurs der Partei. Wer das nur vierseitige Parteiprogramm aufmerksam liest, wird ob einiger weiterer altbekannter Denkmuster fündig. Außenpolitisch gibt man sich als Friedenspartei, die sich nicht zu schade ist, trotz dessen Angriffskrieg »längerfristig auch Russland« als Bündnispartner zu verstehen. Die Aggressoren und ein bloßes »Machtinstrument« hingegen werden in der NATO und der transatlantischen Allianz ausgemacht.

Griff in die Kiste der antisemitischen Denkmuster

Doch damit nicht genug. Statt die widersprüchliche Rationalität der politischen Ökonomie zu problematisieren, raunt das Programm des BSW von »übermächtigen Finanzkonzernen« und »übergriffigen Digitalmonopolisten«, welche »die Demokratie zerstören« würden. Somit stünden jene den Interessen der Mehrheit und des Gemeinwohls entgegen. Das BSW hingegen, wie sollte es anders sein, vertritt diese eigentliche Mehrheit natürlich in Gänze.

Der sich sozialkritisch gebende Populismus bekommt seine besondere Note im letzten Absatz: Da gebe es einerseits »diejenigen, die sich anstrengen und gute, ehrliche und solide Arbeit leisten«, und andererseits die von »egoistischen Interessen« getriebenen »Spieler und Trickser«, welche »nur noch von der Motivation getrieben« seien, »aus Geld mehr Geld zu machen«. Diese für den deutschen Antisemitismus fundamentale Bildsprache des schaffenden gegen das raffende Kapital, der nützlichen gegen die parasitären Bürgerinnen und Bürger, findet im Wahlprogramm des BSW ihre zeitgenössische Übersetzung. Schon mehrmals hat so manchem politischen Bündnis in Deutschland eben dieses Denkmuster zur Seite gestanden, das sich ebenfalls nationale Stärke wie die soziale Vertretung des Gemeinwohls auf die Fahne geschrieben hatte. Zusammengerechnet mit der AfD ergeben sich in den aktuellen Umfragen knapp 30 Prozent jenes autoritären Populismus. Um die Demokratie steht es bei solchen Sozialkritikerinnen und Sozialkritikern schlecht. Und damit vor allem auch um das Leben von Jüdinnen und Juden in der Bundesrepublik.

Der Autor ist Student und Mitglied in der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover.

Naher Osten

Trump: Atom-Deal nur bei saudischer Anerkennung Israels

Washington und Riad stehen kurz vor einem Atomabkommen zur zivilen Nutzung der Kernenergie. Doch jetzt hat Donald Trump eine neue Bedingung gestellt

 23.07.2026

Würzburg

Schuster kommt zur Kundgebung gegen antisemitische Angriffe

Organisiert wird die Demonstration von der DIG Würzburg, dessen Mitglied das 65-jährige Opfer der jüngsten Attacke in Höchberg ist

 23.07.2026

Handelspolitik

Belgien und Niederlande verbieten Einfuhren aus Siedlungen

Die Regierungen in Brüssel und Den Haag haben ihre Ankündigung wahrgemacht, die Einfuhr von Waren aus den seit 1967 von Israel besetzen Gebieten zu untersagen, sofern sie von Israelis produziert werden

 23.07.2026

Genf/Berlin

Streit zwischen Rosa Luxemburg Stiftung und UN Watch

Die der Partei »Die Linke« nahestehende Stiftung wirft der Genfer NGO vor, in Berlin »die wildesten Verleumdungen gegen die UNRWA« verbreitet zu haben. UN Watch kontert mit Video-Beleg

von Imanuel Marcus  23.07.2026

Essay

Gedenken ohne Juden

Die Erinnerungskultur macht den Holocaust zunehmend zu einer allgemeinen Mahnung gegen Intoleranz und verliert dabei die jüdischen Opfer aus dem Blick

von Gunda Trepp  23.07.2026

Interview

»Es geht um das aktuelle jüdische Leben in unserem Land«

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) über ein neues Kompetenznetzwerk zu jüdischer Gegenwartsforschung, eine Förderrichtlinie und den Einsatz gegen Israel-Boykott

von Leon Stork, Ayala Goldmann  23.07.2026

Washington D.C./Riad

»Schreckliche Idee«: Kritik an US-Atomdeal mit Saudi-Arabien

Während des Iran-Kriegs, der sich auch um das iranische Atomprogramm dreht, verkünden die USA eine Einigung mit Saudi-Arabien. Experten fürchten ein atomares Wettrüsten in einer instabilen Region

von Johannes Sadek, Franziska Spiecker, Jörg Vogelsänger  23.07.2026

Nahost

USA setzen über Iran B-1-Bomber ein

Im Visier standen Einrichtungen der iranischen Marine, Lager für Raketen und Drohnen, Küstenüberwachungssysteme sowie Luftverteidigungsanlagen

 23.07.2026

San Francisco

Wie Sam Altmans KI ausbrach und eine Firma hackte

Ein außergewöhnlicher Vorfall bei einem Testlauf des ChatGPT-Entwicklers demonstriert drastisch das Risiko von KI-Cyberattacken. Dabei wollte die Software nur in einem Test schummeln

von Andrej Sokolow  23.07.2026