AfD-Parteitag

Angriff auf Religionen

Zufriedener Parteivorstand: die AfD-Vorsitzenden Frauke Petry (l.) und Jörg Meuthen (r.) mit Vize Beatrix von Storch Foto: dpa

Der Bundesprogrammparteitag der »Alternative für Deutschland« in Stuttgart am vergangenen Wochenende war fast schon vorbei, als am Sonntagabend die Parteimitglieder mit klarer Mehrheit einen Antrag annahmen, der ein generelles Verbot des Schächtens von Tieren forderte. Jedwede Ausnahme zugunsten von Religionsgemeinschaften soll nun gestrichen werden.

Die Entscheidung fiel deshalb so spät, weil die Thematik unter dem Punkt »Tierschutz« und nicht im Zuge der Beschäftigung mit dem Islam behandelt wurde. Ursprünglich war das Verbot des »betäubungslosen Schächtens von Tieren ohne jede Ausnahmeregelung für Religionsgemeinschaften« bereits in einem durch das investigative Portal »Correctiv« geleakten Programmentwurf enthalten, fand dann aber nach öffentlicher Empörung keinen Eingang in den Leitantrag des Bundesvorstands.

»alternativentwurf« Doch im »Alternativentwurf« des Bezirksverbands Niederbayern war die Forderung erneut eingefügt. Zwar wurde dieser qua Mehrheitsbeschluss nicht insgesamt zur Abstimmung gestellt, feierte aber, was das Schächten betrifft, sein Comeback.

Wie oft bei der AfD zeigte sich, wie leicht sich die Basis emotionalisieren lässt und auch einer noch so brüchigen »Begründung« bereitwillig Glauben schenkt. So behauptete etwa ein Redner, der die Brisanz des Themas offenbar erkannte, es gebe ja auch Juden, die für ein Schächtverbot seien. Eine Behauptung, die man zudem in den sozialen Netzwerken am Montag des Öfteren lesen konnte. In Stuttgart sah sich derweil kein einziges Mitglied des Bundesvorstands veranlasst, vor Ort Position zu beziehen und sich gegen das Schächtverbot auszusprechen.

Die Feindseligkeit gegenüber dem Islam, die sich bereits im Leitantrag andeutete, setzte sich in Stuttgart erwartungsgemäß durch. Klare Mehrheiten fanden sich für das Postulat eines Muezzin- und Minarettverbots sowie für den Satz, der Islam – der für Beatrix von Storch »an sich« nicht mehr als eine »Ideologie« ist – gehöre nicht zu Deutschland.

zentralrat Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, sagte, dass »vor allem die gegen den Islam gerichteten Passagen im Programm die Intoleranz und Respektlosigkeit der Partei vor religiösen Minderheiten in Deutschland« deutlich gemacht haben. Dies drücke sich »ebenso in der Ablehnung des Schächtens aus«. Damit stellen die Beschlüsse der AfD, so Schuster, »auch einen Angriff auf das Judentum in Deutschland dar, den wir nicht hinnehmen dürfen«. Aus seiner Sicht hätten die Beschlüsse der AfD die religionsfeindliche Haltung der Partei »glasklar deutlich gemacht«. Für ihn verlässt die Partei damit »den Boden des Grundgesetzes«.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass das AfD-Programm »gleich mehrere Eingriffe in die Religionsfreiheit« enthalte. Die Partei vertrete ein Rechtsverständnis, »bei dem die Grundrechte nicht allen, sondern nur einer der AfD genehmen Gruppe zugestanden werden sollen«.

islam Der stellvertretende Bundestagspräsident Peter Hintze (CDU) hält den Satz »Der Islam gehört nicht zu Deutschland« für »brandgefährlich«. Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt findet es »irrsinnig« zu sagen, dass Menschen islamischen Glaubens im Land leben, aber der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Und für den CDU-Bundesvizevorsitzenden Armin Laschet spaltet die Behauptung von AfD-Vize Alexander Gauland, der Islam sei ein »Fremdkörper«, angesichts von vier Millionen Muslimen in Deutschland das Land. Das AfD-Programm wertet Laschet als »Angriff auf alle Religionen«.

Einen Tag nach dem Parteitag wies Gauland im Deutschlandfunk den Vorwurf zurück, seine Partei wolle die Religionsfreiheit einschränken. Zugleich legte er im Hinblick auf das von der AfD befürwortete Schächtverbot noch einmal nach. In dem Radiointerview betonte er, Schächten sei »eine Frage des Tierschutzes«. Jüdisches Leben sterbe nicht dadurch, »dass wir oder unsere Mitglieder auf dem Parteitag gegen das Schächten aufgestanden sind.« Juden in Deutschland müssten sich »keine Sorgen machen«.

Gesellschaft

Wadephul: Anstieg des Antisemitismus »katastrophale Fehlentwicklung«

Zugleich betonte er, dass Kritik an der israelischen Regierung weiter möglich sein müsse

 06.10.2026

Berlin

Israelis selbst schuld an Empathielosigkeit? SPD-Politiker in der Kritik

Der Sozialdemokrat Lars Castellucci machte am Samstag mit einem X-Post zum versuchten Anschlag auf ein Flugzeug mit israelischen Passagieren von sich reden. Viele sehen darin eine Täter-Opfer-Umkehrung

 05.10.2026

Berlin

Auswärtiges Amt kritisiert Menschenrechtsbeauftragten

In einer Reaktion auf einen X-Post von Bundesbildungsministerin Prien im Zusammenhang mit dem Flydubai-Flug nennt Lars Castellucci Israels Regierung rechtsradikal. Außenminister Wadephul reagiert

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Gutachten

Hessischer Gesetzentwurf zur Leugnung des Existenzrechts Israels verfassungskonform

Hessens Justizminister Christian Heinz: »Wir brauchen dringend eine gesetzliche Regelung.« Zentralratspräsident Josef Schuster: Die Politik steht in der Pflicht, dem Antisemitismus in seinem neuen Gewand Einhalt zu gebieten

 05.10.2026

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Recht

Gute Absicht, falsche Umsetzung

Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, kritisiert den hessischen Vorschlag für eine Strafbarmachung der Leugnung des Existenzrechts Israels. Er hat aber einen Alternativvorschlag

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Initiative

Hessen dringt auf Strafen für Leugnung des Existenzrechts Israels

Die hessische Landesregierung dringt darauf, dass ihr Vorschlag zur Strafbarkeit israelfeindlicher Äußerungen umgesetzt wird. Die Bundesregierung bleibt aber skeptisch. Auch der Zentralrat der Juden ist nicht restlos überzeugt

 05.10.2026

Josef Schuster

Berlin

Zentralrat: Linke muss Mitglieder bei Antisemitismus ausschließen

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, äußert klare Erwartungen an die Linkspartei in Bezug auf den innerparteilichen Kampf gegen Judenhass

 05.10.2026

Magdeburg

BSW: Wählen den AfD-Kandidaten zum Landtagspräsidenten

Am Dienstag kommt der neu gewählte Landtag von Sachsen-Anhalt erstmals zusammen. Die AfD hat die Zusage des BSW für die nötigen Stimmen

 05.10.2026