Meinung

An der Seite der Juden?

Gideon Botsch Foto: Karla Fritze

Meinung

An der Seite der Juden?

Die AfD instrumentalisiert Antisemitismus, indem sie ihn muslimischen Zuwanderern zuschreibt

von Gideon Botsch  19.09.2016 20:29 Uhr

14,2 Prozent der Berliner haben am vergangenen Sonntag die AfD gewählt. In der Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland kann vermutet werden, dass sich darunter auch jüdische Wähler befinden. Dass der fluchtbedingte Zuzug von zahlreichen Menschen aus arabischen Ländern viele Juden beunruhigt, ist verständlich. Die AfD hat sich im letzten Jahr immer stärker als Sprachrohr derjenigen profiliert, die keine Flüchtlinge mehr aufnehmen wollen und Muslime pauschal ablehnen. Gegen Juden hetzt die AfD in der Regel nicht.

Steht die AfD bei der Abwehr des Antisemitismus an der Seite der Juden? Wenn sie von Antisemitismus spricht, instrumentalisiert sie ihn. Judenfeindschaft wird externalisiert, als hätten erst muslimische Zuwanderer sie nach Deutschland gebracht. Antisemitische Einstellungswerte sind in der AfD verbreiteter als in den anderen Parteien – mit Ausnahme der neonazistischen NPD.

anhänger Das Milieu, in dem sie wurzelt, ist für Judenfeindschaft besonders anfällig: In der AfD organisieren sich zahlreiche Anhänger der extremen Rechten, für die Antisemitismus eine ideologische Grundposition ist. Vorerst halten sie ihn zurück, nur sporadisch tritt er ans Licht. Der starke christlich-konservative Flügel der AfD steht für eine Rückkehr zu einem überkommenen Christentum, das ohne Ablehnung des Judentums nicht denkbar ist. Der Kampf gegen das »verseuchte 68er-Deutschland« (Jörg Meuthen) umfasst eben auch die Abkehr von jenen Reformprozessen, durch die eine Neubestimmung des christlich-jüdischen Verhältnisses seit den 60er-Jahren erst möglich wurde.

Spätestens seit dem vergangenen Sommer erringt die AfD ihre Wahlerfolge durch die Mobilisierung von Ängsten und Ressentiments auf Kosten von Minderheiten. Ihre Forderungen in Bezug auf den Islam sind grundgesetzwidrig. Sie würden andere religiöse und kulturelle Minderheiten ebenfalls betreffen, nicht zuletzt die Juden. Wo gegen Minderheiten gehetzt wird, muss man auch mit einem Anstieg antijüdischer, antisemitischer Vorurteile und Taten rechnen.

Dagegen dürfte die Annahme enttäuscht werden, die AfD könne bei der Bewältigung der mit dem Asylbewerberzuzug verbundenen Probleme und Risiken hilfreich sein. In den Landtagen, in denen sie bisher vertreten ist, hat sie jedenfalls konstruktive Vorschläge für eine bessere Politik noch nicht gemacht.

Der Autor ist Politikwissenschaftler am Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam.

Debatte

UN-Experten rügen Umgang mit Epstein-Akten

Der Fall Epstein setzt US-Behörden unter Druck: Teils wurden Namen von Opfern veröffentlicht, teils Ermittlungen unterlassen. Aus Sicht von UN-Sachverständigen steht die Glaubwürdigkeit von Regierungen auf dem Spiel

 16.02.2026

Karneval

Gegen Judenhass in de Bütt gestiegen - diesen Redner muss man lieben

Bei der Mainzer Fastnacht hält »Till« eine bemerkenswerte Rede über den wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Eine Wohltat für den sonst so schrecklich unpolitischen Karneval

von Martin Krauß  16.02.2026

Erfurt

Scharfe Kritik an Termin für AfD-Parteitag in Erfurt

Die AfD will ihren Bundesparteitag im Juli in Erfurt abhalten. Die Wahl des Termins ruft Kritiker auf den Plan. Genau 100 Jahre zuvor fand in Weimar ein NSDAP-Parteitag statt

 16.02.2026

Nahost

Analyse: Iran repariert Raketenanlagen schneller als Nuklearzentren

Während mehrere beschädigte Raketenstandorte offenbar zügig instand gesetzt wurden, kommen die Arbeiten an zentralen Nuklearanlagen deutlich langsamer voran

 16.02.2026

Paris

Epstein-Affäre: Durchsuchung nach Ermittlung gegen Jack Lang

Es geht um Verdacht auf Geldwäsche und Steuerbetrug. Wie tief ist Frankreichs Kultur-Ikone verstrickt?

 16.02.2026

Bosnien-Herzegowina

Jüdischer Protest gegen rechtsextrexmen Sänger Thompson

Vergangenes Jahr hatte der kroatische Sänger Thompson mit einem Megakonzert in Zagreb einen Zuschauerrekord gebrochen. Bekannt ist er für rechtsnationalistische Auftritte. Jetzt provoziert er erneut

von Markus Schönherr  16.02.2026

Madrid

Museum wirft israelische Besucherinnen raus

Drei ältere Touristinnen werden von Besuchern bepöbelt, weil sie Davidsterne und eine israelische Fahne tragen. Doch statt ihnen zu helfen, setzt das Museum sie vor die Tür

 16.02.2026

Diskussionsveranstaltung

Francesca Albanese soll in Berlin auftreten, Absage gefordert

Es könne nicht sein, dass die Senatsverwaltung für Kultur durch die Förderung des Veranstaltungsortes ermögliche, dass antisemitische Veranstaltungen durch Steuergelder finanziert würden, so die Organisation »Gegen jeden Antisemitismus«

von Imanuel Marcus  16.02.2026

Atomprogramm

Iran: Nächste Verhandlungsrunde mit den USA in Genf

US-Präsident Donald Trump fordert vom Teheraner Regime, sein Atomprogramm zu beenden. Doch die iranische Regierung ist nur zu Zugeständnissen bereit

 16.02.2026