Kirchentag

Alles gesagt, oder?

Teilnehmer beim diesjährigen Kirchentag in Dortmund Foto: imago images / epd

Als vor einigen Wochen die Bundesverteidigungsministerin die Unterzeichnung eines Staatsvertrags zur Einrichtung eines Militärrabbinats in der Bundeswehr zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Zentralrat der Juden in Aussicht stellte, waren die Repräsentanten der beiden christlichen Kirchen die Ersten, die den Vertretern der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gratulierten und ihre volle Unterstützung bei der Realisierung dieses Vorhabens anboten.

Solche positiven Reaktionen seitens der christlichen Kirchen treten in der Regel immer dann ein, wenn gemeinsame Interessen derjenigen Religionsgemeinschaften betroffen sind, die als Körperschaft des öffentlichen Rechts in der Bundesrepublik anerkannt sind.

vorbehalte Die Glaubensgemeinschaften halten gegenüber den Interessensbekundungen oder Vorbehalten staatlicher Instanzen oder juristischer Interventionen besonders dann zusammen, wenn sie befürchten müssen, dass das Ziel solcher Eingriffe die Einschränkung tradierter Rechte zur Folge haben könnte. Sie sind darauf bedacht, dass ihre Mitglieder – im Rahmen der grundgesetzlich garantierten Religionsfreiheit – religiöse Überzeugungen artikulieren und religiöse Praktiken befolgen können.

Sobald theologische Differenzen die Beziehungen zwischen Juden und Christen bestimmen, erweist sich die erwähnte politische Übereinstimmung als weniger stabil.

Sobald jedoch theologische Differenzen die Beziehungen zwischen Juden und Christen bestimmen, erweist sich die erwähnte politische Übereinstimmung als weniger stabil. Die Erkenntnis, dass der christliche Antijudaismus nicht nur fast zwei Jahrtausende die Entfaltung jüdischen Lebens eingeschränkt oder verhindert und die rassistische Ideologie der Nationalsozialisten nachhaltig beeinflusst hat, ist seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine permanente Herausforderung für das interreligiöse Gespräch zwischen Juden und Christen.

Zwar liegen die Analysen der gesellschaftlichen Bedingungen, die zunächst den religiösen Judenhass und später den politischen Antisemitismus hervorgerufen haben, vor, doch die erhoffte Läuterung der christlichen Theologie und die von jüdischen Geistlichen erwartete radikale Revision antijüdischer Denkmuster ist nur partiell eingetreten.

reformation Die Bereitschaft, wirklich tiefgreifende Revisionen oder eine Reform der Reformation in Theologie und kirchlicher Praxis vorzunehmen, war zunächst wenig entwickelt. Dabei ging es tatsächlich darum, die fundamentale Verfehlung von Kirche einzugestehen.

Die Einsicht in dieses grundsätzliche Versagen und die Entwicklung neuer Zugänge zum Judentum und damit zum grundlegenden theologischen Glaubensverständnis wurde dann in der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag im Gespräch von Juden und Christen, in kleinen kirchlichen Zirkeln, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und den christlich-jüdischen Gesellschaften Stück für Stück entwickelt.

Aufbrüchen folgen auch immer wieder Einbrüche.

Dieser Prozess half zumindest den an diesen Gesprächen beteiligten Juden und Jüdinnen bei dem erneuten oder erstmaligen zögerlichen Heimischwerden in Deutschland. Die Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft erwarteten von den christlichen Kirchen ein irreversibles Umdenken, das zur Eliminierung judenfeindlicher Einstellungen führen sollte.

Während die antijüdischen Schichten in der Wahrnehmung der Hebräischen Bibel, des Talmuds und der Evangelien Stück für Stück abgetragen wurden, wurde deutlich, dass in der Einflussnahme auf die Ausbildung der Theologen und Theologinnen ein zentraler Hebel für eine grundsätzliche Revision der alten Tradition der Geringschätzung oder gar Verachtung der jüdischen Religion und Lebenswelt steckte.

fundament In der Logik dieser Einsicht haben die Landeskirchen der EKD mit der Veränderung des Grundartikels der entsprechenden Kirchenordnungen das Verhältnis zwischen Juden und Christen auf ein neues Fundament gestellt. Die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes wurde hierbei ebenso herausgestellt wie Gottes Bund mit den Juden.

In dieser Phase der Geschichte der Bundesrepublik hatte die jüdische Gemeinschaft den Eindruck, als würde nun endlich der Albdruck des Verschweigens nachhaltig durchbrochen und in den Kirchen nicht einfach nur eingestanden, sondern durch aktive Veränderung von bisher gültig geglaubten theologischen Grundsätzen, wie der Ablösung des Judentums durch das Christentum im Heilsversprechen Gottes und die Verachtung des Gesetzes und aller damit verbundenen negativen Zuschreibungen gegenüber dem Judentum, abgewandelt.

Zarte Hoffnung keimte auf, dass die Kirchen zu einem Bündnispartner im Kampf gegen Antisemitismus werden könnten.

Zarte Hoffnung keimte auf, dass die Kirchen zu einem Bündnispartner im Kampf gegen Antisemitismus werden könnten, weil sie das Übel an der christlichen Wurzel packen wollten. Und natürlich folgen Aufbrüchen auch immer wieder Einbrüche, wie vor einiger Zeit der Versuch einiger Theologen, die Relevanz der Hebräischen Bibel für die christliche Theologie infrage zu stellen.

Das kritische Gespräch zwischen Juden und Christen ist nach den verheerenden Demütigungen, die das Judentum durch die stets als dominant auftretenden christlichen Religionsgemeinschaften erfahren musste, existenziell für eine politische und religiöse Kultur, die auf der Grundlage wechselseitigen Respekts und der Anerkennung von Differenz beruht. Der Evangelische Kirchentag in Dortmund, bei dem wieder zahlreiche Juden ihre Stimme erheben und sich in die zentralen Debatten einmischen werden, bietet eine weitere Gelegenheit dazu.

Der Autor ist jüdischer Vorsitzender der »AG Juden & Christen« beim Deutschen Evangelischen Kirchentag.

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026

Parteien

AfD-Chefin Alice Weidel äußert sich zu möglichen Koalitionen mit der CDU

Wie hält es die rechtsextreme Partei ihrerseits mit einer Annäherung an die Union?

 04.07.2026

Parteitag

AfD bestätigt Führungsduo – Chrupalla verliert an Rückhalt

Die AfD hat ihr Spitzenduo Weidel-Chrupalla wiedergewählt. Chrupalla muss allerdings Federn lassen. In der zweiten Reihe gibt es neue Gesichter

von Anne-Beatrice Clasmann  04.07.2026

Essay

Die Sprache der AfD

Gewalt, NS-Bezüge und Antisemitismus: Wie die rechtsextreme Partei auch rhetorisch die Grenzen verschiebt. Eine linguistische Analyse

von Deborah Kämper  04.07.2026

Thüringen

Mehr als 30.000 Menschen protestieren gegen AfD-Parteitag

Trotz Blockaden bleibt die Stimmung meist friedlich – doch es gibt auch Zwischenfälle mit Pyrotechnik und Flaschenwürfen

von Simone Rothe  04.07.2026

Wien

Antisemitismus am Denkmal für einen Antisemiten

Ausgerechnet am umstrittenen Denkmal für den einstigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger ist es zu einem judenfeindlichen Eklat gekommen

 03.07.2026

Lettland

Deutsche Städte gedenken der nach Riga deportierten Juden

1941/42 wurden mehr als 25.000 Juden aus Deutschland und Österreich zur Vernichtung in die lettische Hauptstadt deportiert. Daran gedachten nun Vertreter aus 30 deutschen Städten

 03.07.2026

Karlsruhe

Waffen für Hamas? Verdächtiger nach Deutschland überstellt

Seit Monaten geht die Bundesanwaltschaft gegen mutmaßliche Hamas-Anhänger vor, die Waffen für die Organisation geschmuggelt haben soll. Ein weiterer Beschuldigter ist jetzt in deutscher U-Haft

 03.07.2026

Iran

Wollte Israel iranische Unterhändler töten?

Wie die »New York Times« berichtet, fürchtete die Trump-Administration bei den Iran-Verhandlungen die gezielte Tötung der iranischen Delegierten Abbas Araghchi und Mohammad Bagher Ghalibaf durch Israel

 03.07.2026