Antisemitismus greift nach Worten des Judaisten Christian Rutishauser »tief in die Psyche und Identitätsbildung der Menschen«. Der diesjährige Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille sagte : »Eigentlich müsste man die ganze Gesellschaft auf die Couch legen.« Bildung und Aufklärung seien und blieben in der Bekämpfung von Antisemitismus zentral.
Die Kirche treffe die Herzen der Menschen in der Liturgie, beim Beten, in der spirituellen Anweisung. »Hier hat sie noch kaum begonnen, regressive und potenziell antisemitismusanfällige Formen wahrzunehmen. Es braucht eine Schulung der Innerlichkeit, die nicht im Religiös-Sentimentalen stecken bleibt, sondern eine innere Freiheit und emotionale Angstfreiheit erzeugt«, forderte Rutishauser.
Antisemitismusprävention sei dann am Werk, wenn Menschen zu Persönlichkeiten erzogen würden, »die ihre Schuldhaftigkeit, ihre Ängste und ihre dunklen Seiten nicht abspalten müssen«, so der Judaist. Hier könne die Kirche einen besonderen Beitrag leisten.
»Führender Vertreter im Dialog«
Der Schweizer Jesuit würdigte eine große Sensibilität für die jüdisch-christliche Beziehung seitens des neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer. Rutishauser erinnerte an einen Solidaritätsbesuch des Hildesheimer Bischofs nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 in der Region. »Als ich ihn zwei Monate danach traf, hat er mir von seinen Eindrücken erzählt. Ich habe wahrgenommen, wie er die existenzielle Not der Menschen vor Ort wahrgenommen hat.«
Der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit verleiht Rutishauser am Sonntag in Köln die Buber-Rosenzweig-Medaille. Dazu wird unter anderem der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst (CDU), erwartet. Die Laudatio hält Christoph Markschies, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Die Medaille erhalten Personen, Institutionen oder Initiativen, die sich um die Verständigung zwischen Christen und Juden verdient gemacht haben. Verliehen wird die Ehrung seit 1968. Rutishauser erhält sie den Angaben zufolge als »führender katholischer Vertreter im christlich-jüdischen Dialog in der Schweiz, in Deutschland im weiteren Europa und weltweit«.