Erlangen

40 Jahre nach dem Doppelmord

Einsatzkräfte am 20. Dezember 2020 vor Shlomo Lewins Wohnhaus Foto: dpa

Der Gedenkstätten-Pädagoge Daniel Burghardt von der »Initiative Kritisches Gedenken Erlangen« äußert sich besorgt über Parallelen und Kontinuitäten zwischen dem antisemitischen Doppelmord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke vor 40 Jahren in Erlangen und rechten Morden in der Gegenwart.

TERROR »Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit rechtem Terror und rechter Gewalt ist von Nichtwahrnehmung und Vergessen geprägt«, sagte Burghardt dem Evangelischen Pressedienst (epd) in einem Interview. Nach anfänglichen Beileids- und Trauerbekundungen von offizieller Seite folge schnell ein Schlussstrich.

Am 19. Dezember 1980 wurden Lewin und seine Lebensgefährtin in ihrem Wohnhaus mit jeweils vier Pistolenschüssen ermordet. Der mutmaßliche Täter, ein Mitglied der verbotenen rechten »Wehrsportgruppe Hoffmann«, beging vermutlich Suizid.

Zum 40. Jahrestags des Mordes sollte am Samstagabend, dem 19. Dezember, eine Gedenk-Kundgebung an der Lewin-Poeschke-Anlage in Erlangen mit anschließender Demonstration stattfinden. Das Interview führte der epd vorab mit Daniel Burghardt.

epd: Herr Burghardt, Sie sind Teil der »Initiative Kritisches Gedenken Erlangen«. Sie haben sich gegründet, um an den Doppelmord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke in Erlangen vor 40 Jahren zu erinnern. Was ist damals geschehen?

Daniel Burghardt: Lewin und seine Lebensgefährtin Poeschke wurden am 19.12.1980 in ihrem Wohnhaus in der Erlanger Ebrardstraße mit jeweils vier Pistolenschüssen ermordet. Gemeinsam setzten sich Poeschke und Lewin für die christlich-jüdische Verständigung ein und Lewin war Rabbiner und Vorsitzender der israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg. Der Anschlag galt Lewin, Poeschke wurde ermordet, weil sie Zeugin wurde. Nach der Selbstenttarnung des »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) 2011 haben verschiedene antifaschistische Gruppen in Erlangen jedes Jahr zum Jahrestag der Ermordung von Poeschke und Lewin am 19. Dezember ein öffentliches Gedenken in der Erlanger Innenstadt veranstaltet. Aus diesem Engagement gründete sich dann 2019 die ehrenamtliche Initiative.

Sie wollen über die Morde aufklären?

Einen rechten Tathintergrund verfolgten die staatlichen Behörden nur sehr oberflächlich und ermittelten stattdessen schließlich über Monate hinweg im Umfeld der Kultusgemeinde. Die am Tatort gefundenen Beweisstücke hätten allerdings von Beginn Schlüsse auf das Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann nahegelegt. Der mutmaßliche Täter setzte sich kurz nach der Ermordung Lewins und Poeschkes in den Libanon ab, wohin die »Wehrsportgruppe« mit ihrer Nachfolgeorganisation »WSG Ausland« gute Kontakte pflegte. Dort kam er durch ungeklärte Umstände ums Leben –vermutlich tötete er sich selbst. Wir wollen an Lewin und Poeschke erinnern und die Verhältnisse anklagen, die sie zu Opfern gemacht haben und die noch heute existieren.

40 Jahre sind eine lange Zeit. Welche Verbindung sehen Sie zu heute?

Wir beobachten Parallelen und Kontinuitäten zwischen dem Mord vor 40 Jahren und rechten Morden in der Gegenwart. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit rechtem Terror und rechter Gewalt ist von Nichtwahrnehmung und Vergessen geprägt. Wenn es dann doch zu einer – meist oberflächlichen – Auseinandersetzung kommt, folgt oftmals nach anfänglichen Beileids- und Trauerbekundungen von offizieller Seite schnell ein Schlussstrich, damit man zu einem positiven kollektiven Selbstbild zurückkehren kann. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft gibt vor, geläutert aus der Geschichte des Nationalsozialismus hervorgegangen zu sein. Das funktioniert deshalb, weil rechte Morde oftmals externalisiert werden auf randständige Gruppen wie Rechtsextreme oder vermeintlich psychisch kranke Einzeltäter. Wir vermissen eine Reflexion darauf, was die Mehrheitsgesellschaft mit den Taten zu tun hat oder welche Verhältnisse rechte Mordanschläge erst ermöglichen.

 Nach den rassistischen und antisemitischen Morden des »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU), in Hanau oder Halle kehren wir zu schnell wieder zur Tagesordnung zurück?

Mittlerweile wird der Opfer rechter Morde auch von offizieller Seite immer häufiger gedacht, aber ohne eine ganzheitliche Betrachtung der Morde. Wenn Gedenken zum Zweck haben soll, dass sich solche Taten nicht wiederholen, dann dürfen wir uns nicht nur mit den Tätern beschäftigen, sondern müssen fragen, warum solche Taten heute noch und immer wieder möglich sind. Dazu gehört, den Opfern und ihren Hinterbliebenen öffentlich Gehör zu verschaffen.

Nach den NSU-Morden wurde vor allem im privaten Umfeld der Opfer ermittelt, in Berichten war despektierlich und diskriminierend von »Döner-Morden« die Rede. Wie hat die Öffentlichkeit auf die Morde an Poeschke und Lewin reagiert?

Die Ermittlungen im Mordfall vor 40 Jahren konzentrierten sich vor allem auf das persönliche Umfeld, wie auch beim NSU. In den ersten Monaten wurden 1.500 Zeugen angehört, zum einem großen Teil aus dem Bekannten- und Freundeskreis der Opfer. Bei der Beerdigung von Lewin in Haifa waren zwei Beamte des bayerischen Landeskriminalamtes anwesend, um die Trauernden auszuspionieren. Auch damals gab es keinen Aufschrei und keine nennenswerten Beileidsbekundungen und Trauergesten der Mehrheitsgesellschaft. Jahrzehnte nach der Schoa wurde ein bekannter Repräsentant der jüdischen Gemeinde ermordet und die Opfer erfuhren keine gesamtgesellschaftliche Solidarität. Mehr noch, sie wurden öffentlich diffamiert. Die deutsche Gesellschaft begegnet rechten Morden damals wie heute oftmals mit Desinteresse. Von diesem Klima der Gleichgültigkeit fühlen sich rechte Mörder bestätigt, ihre Ideologie in die Tat umzusetzen.

Wie erklären Sie sich diese Respektlosigkeit den Opfern gegenüber?

Vor allem Lewin wie auch die zahlreichen Opfer des NSU wurden nicht als Teil der Mehrheitsgesellschaft angesehen. Dadurch kommt keine ernsthafte Solidarisierung mit den Opfern zustande, sie bleiben außen vor. Die Medien spiegelten die Haltung »Was geht mich das an?« wider in ihren Berichten über angebliche zwielichtige Machenschaften Lewins, die sich als falsch herausstellten. Plötzlich sei Lewin selbst schuld gewesen an seiner Ermordung. Diese Kälte wurde schon damals von dem Umfeld Lewins kritisiert und reflektiert. Lewins Cousin sagte in seiner Trauerrede, dass zusätzlich Lewins »geistige Ermordung« durch Bevölkerung und durch die Medien stattgefunden habe.

Analyse

Israel hat die Wahl

Der jüdische Staat stimmt über eine neue Knesset ab. Alles deutet auf eine Richtungsentscheidung hin

von Guy Katz  26.10.2026

Wilko Möller (AfD), Landtagsabgeordneter in Brandenburg, guckt nachdenklich

Rechtsextremismus

Urteil gegen AfD-Politiker wegen Wahlplakats rechtskräftig

Hat der AfD-Abgeordnete Wilko Möller mit einem »Hitlergruß« auf Plakaten Wahlkampf gemacht? Das Landgericht Frankfurt (Oder) hatte ihn zu einer Geldstrafe verurteilt. Dagegen legte der Politiker Revision ein – vergeblich

 26.10.2026

Leerer Klassenraum (Symbolbild)

Hessen

Strafverfahren gegen Lehrer wegen israelfeindlicher Posts eingestellt

Wegen Instagram-Beiträgen, die als »antisemitisch und israelfeindlich« eingestuft wurden, ist ein Gymnasiallehrer seit einem Jahr vom Dienst suspendiert. Ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Volksverhetzung wurde nun eingestellt

 26.10.2026

Krieg

Selenskyj: Warten fast einen Monat auf Hegseth-Unterschrift

Der Ukraine mangelt es nach eigenen Angaben an Raketen zur Abwehr russischer Angriffe. Nun äußert Präsident Selenskyj Kritik am US-Verteidigungsminister Hegseth

 26.10.2026

Deutschland

Zentralrat der Juden warnt vor möglicher antisemitischer Gewalt bei Protesten am 31. Oktober

In einem Schreiben wird für das Wochenende zu Vorsicht und verschärften Sicherheitsmaßnahmen geraten

 26.10.2026

Regierungsbildung

Berliner SPD plant Mitgliederbefragung über Koalition

Die Basis soll über eine Koalition mit Linken und Grünen mitentscheiden

 26.10.2026

Debatte

Zentralrat der Juden warnt vor AfD in Sachsen-Anhalt und nimmt Linke in Berlin Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Präsident Josef Schuster blickt sorgenvoll auf zwei deutsche Bundesländer

 26.10.2026

Berlin

Linke-Kandidat für Neukölln: Recherchen dokumentieren Nähe zu PFLP-Sympathisanten

Ein Dossier der Monitoringgruppe Amit, über das die »Welt« berichtet, dokumentiert mehrere Berührungspunkte des 45-jährigen Rechtsanwalts mit Personen und Veranstaltungen, bei denen Sympathien für die Organisation erkennbar waren.

 26.10.2026

Berlin

Schuster: Nehme der Linken Abkehr von Antisemitismus nicht ab

Der Kampf gegen Judenhass erschwert die Gespräche über Rot-Grün-Rot in Berlin. Eine Erklärung der Linken reicht dem Präsidenten des Zentralrats der Juden nicht

 26.10.2026