Rückblende

1953: Flucht aus der DDR

Die Gemeinde bei der offiziellen 1. Mai-Kundgebung in Ost-Berlin 1953 Foto: aufbau

Als am 3. Dezember 1952 das Todesurteil im Prozess gegen den ehemaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei in der DDR, Rudolf Slánsky und weitere zehn Mitangeklagte vollstreckt wurde, war dies das Fanal zum Aufbruch für viele Juden aus der DDR. Slánsky war Jude, ebenso wie die meisten anderen zum Tode Verurteilten.

Natürlich wurden sie offiziell nicht als Juden verfolgt, sondern als »Zionisten« und »wurzellose Kosmopoliten« denunziert. Aber jeder wusste damals, dass dies Codewörter für Menschen jüdischer Herkunft waren. Selbst der Komponist der DDR-Nationalhymne, Hanns Eisler, wurde im »Neuen Deutschland« des »heimatlosen Kosmopolitismus« bezichtigt.

Zionist Am 30. November 1952 war das SED-Politbüromitglied Paul Merker – selbst kein Jude – aller seiner Ämter enthoben worden, weil er sich für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel und Zahlung von Restitution gegenüber jüdischen Opfern ausgesprochen hatte. »Ich bin weder Jude noch Zionist. Ein Verbrechen wäre wohl keines von beiden«, schrieb er in einem Brief an das ZK der SED.

Im Januar 1953, als Stalin von einer »jüdischen Ärzteverschwörung« gegen sich zu fantasieren begann, flüchteten die Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinden Ost-Berlin, Dresden, Leipzig, Halle und Erfurt in den Westen. Insgesamt über 500 der nur etwas über 2000 Mitglieder zählenden Gemeinden verließen die DDR innerhalb weniger Wochen.

spaltung Die Jüdische Gemeinde zu Berlin war zu diesem Zeitpunkt noch eine einheitliche Organisation. Darüber, wie sie auf die Vorgänge reagieren sollte, gab es Differenzen. Während Gemeinderabbiner Nathan Peter Levinson eindeutige Maßnahmen gegen die antisemitische Hetze forderte, lag dem Vorsitzenden Heinz Galinski vor allem an der Wahrung der Einheit der Gemeinde. Levinson wurde entlassen, kehrte daraufhin in die USA zurück. Die Spaltung der Gemeinde war aber nicht mehr aufzuhalten.

Während die Zahl der Mitglieder jüdischer Gemeinden in der DDR nur einen Bruchteil derjenigen in Westdeutschland ausmachte, lebten die prominenteren Juden im Osten. Arnold Zweig, Anna Seghers und Stephan Hermlin waren nicht nur bekannte Schriftsteller, sondern hatten auch hohe kulturpolitische Ämter inne.

Hans Meyer, Ernst Bloch und Alfred Kantorowicz gehörten zu den bekanntesten Professoren der jungen DDR, kehrten dieser aber in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren den Rücken und flüchteten in den Westen. Albert Norden und Hermann Axen stiegen in der politischen Führung der SED bis in die höchsten Ränge auf. Ihrer politischen Karriere konnten auch die Ereignisse des Winters 1952/53 nichts anhaben.

Transportbetonwerk der Firma Heidelberg Materials in München (Symbolbild)

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