Martin Krauss

Thüringen: Was wir hätten wissen müssen

Martin Krauß Foto: Chris Hartung

Martin Krauss

Thüringen: Was wir hätten wissen müssen

Nach der jüngsten Landtagswahl offenbart sich einmal mehr, dass wir dringend wirksame Antworten auf alte Fragen brauchen

von Martin Krauss  31.10.2019 09:04 Uhr

Und jetzt? Vor der Thüringer Landtagswahl hatte es bekanntlich nicht an teils sehr forsch vorgetragenen Vorschlägen gemangelt, wie der Gefahr von rechts begegnet werden soll. Zwischen »Nazis« und »Faschisten« auf der einen und »Protestwählern« und »Modernisierungsverlierern« auf der anderen Seite gab es jede denkbare Charakterisierung und jede daraus folgende Handlungsanleitung.

Mit Rechten solle man reden, hieß es. Nein, man müsse sie ausgrenzen, wurde geantwortet. Die einen haben dies praktiziert, die anderen jenes. Geholfen hat nichts davon. Und wer will, kann jetzt fragen, ob der demokratische Misserfolg daran liegt, dass nicht alle mit Rechten geredet haben – oder daran, dass nicht alle die AfD ausgegrenzt haben.

vorschläge Die Menge an Vorschlägen, was zu tun ist, erweckt den Eindruck, es bräuchte nur diese oder jene Stellschraube – und schon ginge es wieder weiter, wie es jahrzehntelang gut gegangen ist in diesem Land: als die Prozentzahlen fürs Wirtschaftswachstum höher waren als die Wahlergebnisse der Nazis.

Stabil ist über Jahrzehnte die sozialwissenschaftliche Erkenntnis, dass etwa ein Drittel der Deutschen »potenziell antisemitisch« ist.

Doch jetzt haben wir in der gesamten Bundesrepublik, Ost wie West, ein Niveau an ohne Scham aufmarschierendem Rechtsextremismus, das früher kaum denkbar schien – trotz des Wissens, wie schnell 1933 schon einmal eine als stabil erscheinende Demokratie gekippt ist und in der Katastrophe endete. Und trotz des Wissens, über das man schon in der früheren Bundesrepublik verfügte: Stabil ist nämlich über Jahrzehnte die sozialwissenschaftliche Erkenntnis, dass etwa ein Drittel der Deutschen »potenziell antisemitisch« ist.

potenzial Ähnliches gilt für Rassismus und anderes, was man »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« nennt. Womit wir es jetzt zu tun haben, ist der Wegfall des lange so beruhigend wirkenden Wörtchens »potenziell«: Das Potenzial wird gerade angezapft, oder es rafft sich selbst auf, um mächtig zu werden. Doch schon »potenziell« hat nie alles verdeckt: fehlender Respekt, offene Verachtung und Lust an der Demütigung, Häme über Menschen, die Todesangst erleiden – so ganz neu ist das leider alles nicht.

Was wir wussten, oder genauer: hätten wissen müssen, offenbart sich derzeit. Und jetzt? Wir brauchen neue, wirksame Antworten auf sehr alte Fragen. Jetzt.

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  18.07.2026 Aktualisiert

Kommentar

Warum ich mit der SPD fertig bin

Eine späte Einsicht ist besser als gar keine, oder?

von Imanuel Marcus  18.07.2026

WM-Nachlese mit Marcel Reif

»Man muss Infantino zum Teufel jagen und die FIFA auflösen«

Der Moderator und Fußballexperte spricht im Interview über seine persönlichen Highlights und Enttäuschungen der WM, über surreale Argentinier und die Sinnhaftigkeit der Trinkpausen

von Michael Thaidigsmann  17.07.2026

Essay

Der Flüchtlingsstatus der Palästinenser muss endlich enden

Wer über Asyl spricht, muss auch über die Bedingungen sprechen, unter denen Schutz wieder entfallen sollte

von Steven Guttmann  16.07.2026

Meinung

So markiert man Feinde

Die sogenannte Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung zur UNRWA enthält entlarvende Widersprüche. Sie konstruiert eine angebliche Kampagne gegen das Palästinenserhilfswerk und stellt dessen Kritiker in die rechte Ecke

von Rebecca Schönenbach  16.07.2026

Meinung

Die Fußball-WM war ein voller Erfolg

Schon jetzt steht fest, dass die Weltmeisterschaft 2026 unvergesslich bleiben wird. Zumindest, wenn man die Kriterien des Fußballphilosophen Nick Hornby zugrunde legt

von Elke Wittich  15.07.2026

Kommentar

Sichere Hochschule auch für Jüdinnen und Juden!

Sicherheit ist zentral, aber auch Respekt vor Arbeitsruhegeboten. Wer Prüfungen auf hohe jüdische Feiertage legt, verlangt von Juden, für ihre Religionsausübung Nachteile beim Studienfortschritt in Kauf zu nehmen

von Volker Beck  15.07.2026

Analyse

Das iranische Regime hat sich verkalkuliert

In Teheran glaubte man, dass US-Präsident Trump den Konflikt bis zu den Midterm-Wahlen nicht mehr eskalieren lassen würde. Doch in der amerikanischen Außenpolitik hat offenbar ein Lernprozess eingesetzt

von Michael Spaney  15.07.2026 Aktualisiert

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026