Meinung

Reina Sofía: Königliches Versagen im Kulturbetrieb

Louis Lewitan Foto: ©Nuriel Molcho

Meinung

Reina Sofía: Königliches Versagen im Kulturbetrieb

Dass ein Museum in Madrid eine Schoa-Überlebende vor die Tür setzt zeigt, wie stark der Antisemitismus in Spanien ist

von Louis Lewitan  19.02.2026 15:24 Uhr

Der Vorfall ereignete sich im Reina-Sofía-Museum in Madrid, am Samstag, dem 14. Februar 2026. Die Täterinnen: drei betagte israelische Touristinnen, darunter eine 91-jährige Schoa-Überlebende. Ihr Vergehen: Davidstern-Halsketten und eine kleine israelische Flagge. Alles Symbole, die im Kulturbetrieb Europas sofort Entsetzen auslösen. Für die empfindsamen Seelen des zeitgenössischen Museumspublikums eine unerträgliche Chuzpe.

Dass die Frauen als »Kindermörder« und »Aggressorinnen« beschimpft wurden, wen wundert es? Schließlich waren es Juden in Palästina, die den katholischen Jesus kreuzigten. Oder bringe ich da etwas durcheinander? Egal. Juden eben, seit Golgatha unverändert ruchlos, gnadenlos, erbarmungslos. Damals wie heute: ein Gedanke, den manch ein Politiker gern aufgreift. So stellte der spanische Ministerpräsident Sánchez Israel wiederholt öffentlich an den Pranger.

Voller Selbstmitleid über seine Ohnmacht, den »genozidalen« jüdischen Staat in seiner vermeintlichen Allmacht zu stoppen, ließ er zähneknirschend sein Volk wissen: »Spanien habe keine Atombomben, keine Flugzeugträger und keine Erdölreserven«. Sogleich forderte er Israels Ausschluss aus Sport- und Kulturveranstaltungen, sprach von Israels »Extermination« und kündigte Handelsembargos an: eine verbale Inquisition auf europäischem Parkett. Angestachelt vom Ministerpräsidenten zeigen die Jahrhunderte währenden Ressentiments unverhohlen ihre hässliche Fratze.

Hass auf Israel als moralische Haltung

Zahlreiche Städte – Cádiz, Sevilla, Córdoba, Santiago de Compostela, Gran Canaria, Ibiza (Santa Eulària) – erklärten sich zu »Israeli Apartheid Free Zones«: politische Enklaven, in denen Hass auf Israel als moralische Haltung geadelt wird. Barcelona setzte unwiderruflich die Städtepartnerschaft mit Tel Aviv aus. Wahrscheinlich, weil dort Zionisten frei herumlaufen.

Seit dem Gaza-Krieg ist die Zahl antisemitischer Vorfälle massiv angestiegen. Der Observatory on Antisemitism Report verzeichnet für 2024 einen Zuwachs von rund 321 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zeitgleich verschwimmen die Grenzen zwischen legitimer Kritik an der Politik Israels und offenem Antisemitismus. Das Skandieren von »Viva Palestina« und »From the river to the sea« ist längst Alltag. Die Parole – eine mörderische Sprachessenz – überzieht den hartnäckigen Gestank historischer Verbrechen mit scheinheiligem Wohlgeruch.

Wen wundert es also, dass das königliche Museum, das Picassos nationales Trauma zur Schau stellt, drei betagte Zionistinnen vor die Tür setzt, um die Gemütsruhe israelfeindlicher Besucher zu wahren? Die Existenz des Juden wird zur Provokation, die Befindlichkeit des Antisemiten zum schützenswerten Gut.

Ironischerweise hatte Picasso einst gesagt: »Whenever anyone has asked me, I have always said I’m Jewish. And my painting is a Jewish painting, isn’t it?« Sein sarkastisches Urteil über »entartete« Kunst und verfolgte Künstler sollte Israelhasser daran erinnern, dass sich wahre Kunst nicht vor selbsternannten Tugendwächtern verbeugt. Nebbich: Heute verkommt Picassos Guernica als Schrei nach Frieden zur dekorativen Tapete moralischen Zerfalls.

Louis Lewitan ist Psychologe und Coach. Er ist Co-Autor des Buches »Der blinde Fleck«, Heyne-Verlag.

Meinung

Ein Zufall kommt selten allein

Die AfD hat ihren Bundesparteitag auf den 100. Jahrestag eines historischen Treffens der NSDAP gelegt. Das Spiel mit historischen Parallelen ist Teil der Strategie der rechtsextremen Partei

von Ralf Balke  18.02.2026

Meinung

Berlinale: Aktivismus statt Kunst

Auf der Berlinale soll eigentlich der Film gefeiert werden. Doch zahlreiche Gäste und Außenstehende missbrauchen das Festival als politische Bühne

von Sophie Albers Ben Chamo  18.02.2026

Karneval

Gegen Judenhass in de Bütt gestiegen - diesen Redner muss man lieben

Bei der Mainzer Fastnacht hält »Till« eine bemerkenswerte Rede über den wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Eine Wohltat für den sonst so schrecklich unpolitischen Karneval

von Martin Krauß  16.02.2026

Meinung

Danke, Herr Minister!

Johann Wadephul hat sich von Francesca Albanese distanziert und ihren Rücktritt gefordert. Doch jetzt müssen Deutschland und andere Staaten den Druck weiter erhöhen

von Michael Thaidigsmann  13.02.2026

Meinung

Jeffrey Epstein: Ein schlechter Mensch

Der verurteilte amerikanische Sexualstraftäter ist und bleibt ein beliebig formbares Vehikel für jedweden Verschwörungsmythos

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026

Meinung

Wiesbaden: Wie man dem Antisemitismus und dem Islamismus eine Bühne bietet

Im Haus der Vereine durfte die Jugendgruppe »Salehin« auftreten. Offiziell ging es um eine »kulturelle religiöse Jugendveranstaltung«. Doch tatsächlich wurde dort Propaganda für das Mullah-Regime gemacht

von Daniel Neumann  12.02.2026

Meinung

Oliver Pochers geschmacklose Witze über Gil Ofarim

Der Comedian verkleidet sich auf Instagram als Ofarim und reißt Witzchen über die Schoa. Während echte Komiker Humor stets als ein Mittel nutzen, um sich mit den Schrecken und Abgründen dieses Verbrechens auseinanderzusetzen, tritt Pocher nur nach unten

von Ralf Balke  11.02.2026

Kommentar

 »Nie wieder!« ist eine grenzüberschreitende Daueraufgabe

Die Antisemitismus-Konferenz in St. Gallen macht klar: Judenhass macht vor Grenzen nicht halt und muss entsprechend bekämpft werden

von Jonathan Kreutner  11.02.2026

Meinung

Sprachrohr der Hamas, Maulheldin der Vereinten Nationen

Wieder einmal macht Francesca Albanese mit ungeheuerlichen Äußerungen von sich reden. Doch Europas Politiker bleiben seltsam still

von Michael Thaidigsmann  11.02.2026