Karolina Szykier Koszucka

Polen: Flucht vor der Wahrheit

Karolina Szykier Koszucka Foto: privat

Karolina Szykier Koszucka

Polen: Flucht vor der Wahrheit

Heute geht es nicht nur um Familiengeschichten, sondern um Geschichtspolitik und ein neues Narrativ

von Karolina Szykier Koszucka  04.03.2021 08:25 Uhr

Die Abneigung gegen Juden war unter den Polen weit verbreitet, und eine polnische Beteiligung am Holocaust ist eine historische Tatsache.» Wenn ich diesen Satz von Katarzyna Markusz zitiere, der Polen-Korrespondentin der Jewish Telegraphic Agency (JTA), der durch die historische Forschung und das kollektive Gedächtnis der polnischen Juden bestätigt wird, denke ich an all die Geschichten, die ich mit meinen eigenen Ohren von Holocaust-Opfern gehört habe, die es wie durch ein Wunder geschafft haben, zu überleben, indem sie durch die Kloake den Lagern entkommen sind, durch monatelanges Verstecken in Gräbern oder in einem Loch unter einer Hundehütte.

Dennoch wurde dieser Satz im demokratischen Polen des 21. Jahrhunderts zum Anlass für polizeiliche Verhöre.

GERECHTE Wenn ich mit meinen Schülern spreche und ihnen die Frage stelle: «Polen erhielten 7000 Medaillen als ›Gerechte unter den Völkern‹ für die Rettung von Juden – ist das viel oder wenig?», bekomme ich zur Antwort: «Viel.» Dann frage ich: «In Polen lebten drei Millionen Juden, Polen erhielten 7000 Gerechten-Medaillen für ihre Rettung. Ist das viel oder wenig?» Dann ist die Antwort nicht mehr so einfach. Zum größten Teil blieb die Geschichte tief im familiären und gesellschaftlichen Vergessen verborgen.

Scham und Schuld wurden tabuisiert. Der Mut weniger Menschen, dieses Tabu zu brechen und Familienmythen zu entlarven, verdient den höchsten Respekt.

Scham und Schuld wurden tabuisiert. Der Mut weniger Menschen, dieses Tabu zu brechen und Familienmythen zu entlarven, verdient den höchsten Respekt. Sie könnten zu Helden einer neuen Generation werden, die die Last der Auseinandersetzung mit polnischer Schuld tragen wird. Leider ist es uns bisher nicht gelungen, einen solchen Prozess in Polen in größerem Umfang zu beginnen. Vor 30 Jahren war es zu früh, heute scheint es zu spät zu sein.

SCHADEN Denn heute geht es nicht nur um Familiengeschichten, sondern um Geschichtspolitik und ein neues Narrativ, das von der Regierung und der Regierungspartei unkritisch gefördert und vom polnischen Außenministerium, den Gerichten, der Polizei, dem Institut für Nationales Gedenken, den rechten Medien und Nichtregierungsorganisationen wie etwa der Stiftung «Redoute des Guten Namens» unkritisch unterstützt wird.

Dieser Politik fallen Wissenschaftler, Kultureinrichtungen und Journalisten wie Katarzyna Markusz zum Opfer, und sie führt Polen und die polnischen Bürger an den Rand Europas – was uns allen schadet, denn die Flucht vor der Wahrheit dient niemandem: weder dem guten Namen Polens noch denen, die vor den versteckten Leichen im Keller davonlaufen.

Die Autorin ist Direktorin für Jüdische Erziehung an der Lauder-Schule in Warschau.

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