Gabriele Lesser

Polen: Angriff auf die Wissenschaft

Gabriele Lesser Foto: privat

Gabriele Lesser

Polen: Angriff auf die Wissenschaft

Die unabhängige Holocaust-Forschung in unserem Nachbarland gerät immer mehr unter Druck

von Gabriele Lesser  11.06.2023 18:33 Uhr

Etwas Ungeheuerliches geschah in diesen Tagen in Polens Hauptstadt Warschau: Im Deutschen Historischen Institut geht ein bekannter Rechtsaußen-Politiker breitbeinig auf den polnisch-jüdischen Historiker Jan Grabowski los, entreißt ihm das Mikrofon, zertrümmert es auf dem Rednerpult und ruft: »Es reicht!« Doch als die Polizei eintrifft, tut sie nichts. Denn Grzegorz Braun zückt triumphierend seinen Abgeordnetenausweis. Er genießt Immunität.

leumund Als der Randalierer, der den »guten Leumund Polens verteidigen« will, den wissenschaftlichen Vortrag »Die (wachsenden) Probleme der Polen mit dem Holocaust« für beendet erklärt, verziehen die Gesetzeshüter zwar das Gesicht, tun aber, was Braun von ihnen verlangt: Sie schicken die Zuhörer aus dem Saal. Das Hausverbot, das die Veranstalter gegen Braun aussprechen, ändert nichts mehr.

Dem Politiker werden gute Kontakte »nach ganz oben« nachgesagt, und keiner der Polizisten will seine Karriere riskieren.

Die antisemitischen Attacken auf Forscher sind in Polen keine Einzelfälle mehr.

Der Eklat sorgt zu Recht für große Empörung. Weltweit, aber vor allem in jüdischen Organisationen. Dabei sollte die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit in Polen alle angehen. Denn dem physischen Angriff auf Grabowski ging die Verbalattacke von Premier Tadeusz Morawiecki und dem polnischen Bildungs- und Wissenschaftsminister Przemyslaw Czarnek gegen die Holocaust-Forscherin Barbara Engelking voraus.

Gelder Deren Aussagen in einem Interview seien »skandalös, antipolnisch und wissenschaftlich unredlich«, so Morawiecki von der rechtspopulistischen Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS). Dabei hatte die Wissenschaftlerin nur bedauert, dass ihre Landsleute im Krieg öfter Juden an die Nationalsozialisten verraten hätten, als ihnen zu helfen. Diese, für die meisten Fachhistoriker völlig unumstrittene, Äußerung ließ den Bildungsminister zur Finanzkeule greifen. Er kündigte an, nicht nur Engelking die Gelder zu kürzen, sondern auch allen Wissenschaftlern, die sich mit ihr solidarisch erklärt hatten.

Die antisemitischen Attacken auf Forscher sind in Polen keine Einzelfälle mehr. Niemand ist davor sicher.

Die Autorin ist Journalistin in Warschau.

Meinung

Warum der Begriff »Davidstern-Skandal« unpassend ist

Die Formulierung beschreibt den Vorfall nicht nur falsch, sie deutet ihn auch als ein jüdisches Vergehen

von Martin Krauß  30.01.2026

Meinung

Warum es auch schwerfällt, die gelbe Schleife abzulegen

Zwei Jahre und drei Monate lang haben Menschen auf aller Welt mit der gelben Schleife ihre Solidarität mit den am 7. Oktober 2023 nach Gaza verschleppten Geiseln gezeigt. Nun können wir sie endlich ablegen

von Sophie Albers Ben Chamo  29.01.2026

Meinung

Die Täter müssen sich schämen

Ein Missbrauchsskandal erschüttert derzeit die jüdische Gemeinschaft Deutschlands. Wer solche Taten besser verhindern will, muss Betroffene in die Lage versetzen, angstfrei über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen zu können

von Daniela Fabian  29.01.2026

Meinung

Wenn Entwicklungspolitik Hamas-Propaganda übernimmt

Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) tätigt faktisch falsche Aussagen und übernimmt zentrale Narrative der palästinensischen Terrororganisation. Und dies ist nur die Spitze des Eisberges

von Sacha Stawski  29.01.2026

Meinung

Was würden Saba und Safta sagen?

Sie würden uns zurufen: »Wehrt euch gegen diesen Hass! Schließt euch mit denen zusammen, die in Deutschland bisher schweigen, aber dennoch die Mehrheit darstellen«

von Avitall Gerstetter  28.01.2026

Meinung

Ein Schmock kommt selten allein

Im »Dschungelcamp« scheint Gil Ofarim in bester Gesellschaft. Doch was hat er aus seiner Lüge in der »Davidstern-Affäre« gelernt?

von Ayala Goldmann  27.01.2026

Meinung

»Zeit Geschichte« stellt sich in eine unsägliche Tradition

Das Titelbild der neuen Ausgabe des Hefts reduziert den Nahostkonflikt auf ein simples Gut-gegen-Böse-Schema. Immer wieder nutzen renommierte Medien problematische Bildsprache, wenn es um Israel geht

von Nikolas Lelle  27.01.2026

Meinung

Israel hat seine Zukunft zurück

Ran Gvili, die letzte Geisel in Gaza, wurde geborgen und nach Israel überführt

von Sabine Brandes  26.01.2026

Menachem Z. Rosensaft

Deutsche Bahn auf Abwegen

Eine neue Bahntrasse soll in nur 400 Meter Abstand an der Verladerampe des ehemaligen Todeslagers Bergen-Belsen vorbeiführen. Der Umgang mit diesem historischen Ort ist skandalös

von Menachem Z. Rosensaft  22.01.2026