Anna Staroselski

Perspektiven statt Ressentiments

Anna Staroselski Foto: Gregor Zielke

Anna Staroselski

Perspektiven statt Ressentiments

Jugendliche, die in sozial geschwächten Milieus aufwachsen, brauchen die Chance auf echte Teilhabe und sozialen Aufstieg – empathieloser Paternalismus ist kontraproduktiv

von Anna Staroselski  19.01.2023 07:14 Uhr

Die Zügellosigkeit der Jugendlichen, die in der Silvesternacht Polizei- und Feuerwehrkräfte angriffen, ist unentschuldbar. Wer nicht davor zurückschreckt, mit Gewalt gegen Vertreter staatlicher Institutionen vorzugehen, muss die Härte des Rechtsstaats erfahren. Doch Krawalle in der Silvesternacht gab es bereits vor der Wiedervereinigung. Dafür lohnt sich ein Blick in die ARD Mediathek.

Dass nun wiederholt zum Jahresanfang die Debatte um eine »gescheiterte Migration« losgetreten wird, entlarvt die weltanschaulichen Überzeugungen vieler Politiker in diesem Land. Wen möchten jene Politiker mit ihren Botschaften über »kulturelle Überfremdung« oder »Integrationsunwilligkeit« erreichen? Es sollte doch klar sein, dass weder soziale Distinktion noch die Verbreitung rassistischer Ressentiments Integration fördern.

bildung Jugendliche, die in sozial geschwächten Milieus aufwachsen, brauchen Perspektiven und die Chance auf echte Teilhabe und sozialen Aufstieg statt demütigende Pauschalverurteilungen aufgrund der Herkunft. Der Staat steht in der Pflicht, eine gleichberechtigte Bildung, die die Basis des sozialen Aufstiegs ist, für alle zu ermöglichen.

Als in den 1990ern jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen, waren auch sie mit Ressentiments konfrontiert.

Wer sich jedoch Brennpunktschulen in Berlin oder Nordrhein-Westfalen anschaut, braucht sich nicht zu wundern, dass sich Jugendliche abgehängt und vernachlässigt fühlen. Marode Gebäude, Lehrer- und Sozialarbeitermangel und fehlende außerschulische Angebote verschärfen die Notlage. Vieler dieser Jugendlichen erleben zudem rassistische Alltagserfahrungen. Wie soll sich ein Mensch als Teil einer Gesellschaft fühlen, die ihn von vornherein als integrationsunfähigen Fremdkörper abschreibt?

Als in den 1990ern jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen, waren auch sie mit Ressentiments konfrontiert. Die Folgegenerationen schafften jedoch in der Regel einen sozialen Aufstieg auch durch Angebote der jüdischen Institutionen. Gemeindestrukturen können also ebenfalls einen integrativen Beitrag zur Demokratiebildung leisten. Empathieloser Paternalismus hingegen ist kontraproduktiv, denn auch ein solcher Umgang kann Jugendliche in demokratiefeindliche Strukturen drängen.

Die Autorin ist Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD).

Erwiderung

An allem sind ... oder, Herr Ahmetović?

Der SPD-Außenpolitiker Adis Ahmetović, macht keinen Hehl daraus, wen er zum Hauptverantwortlichen für nahezu sämtliche Probleme, Konflikte und Krisen in Nahost erklärt

von Sacha Stawski  02.06.2026

Meinung

Sauna der Toleranz - aber nur ohne Davidstern

Zwei Frauen werden in Barcelona wegen eines jüdischen Symbols verhört, als »Zionistinnen« aussortiert und schließlich hinausgeworfen – im Namen einer Offenheit, die sich selbst ad absurdum führt

von Sabine Brandes  02.06.2026

Kommentar

Tote Juden stören nicht

Unsere Erinnerungskultur liebt Stolpersteine, aber stolpert nicht über den Antisemitismus vor der eigenen Haustür. Wie der Kampf gegen Judenhass am Nekrosemitismus scheitert

von Nelly Eliasberg  31.05.2026

Meinung

Kein Boykott – nur Abscheu

Die irische Schriftstellerin Sally Rooney möchte ihren neuesten Roman doch auf Hebräisch übersetzen lassen. Zuvor sortiert sie aber Israelis aus - und das Mitgefühl gleich mit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Meinung

Fertig Idylle!

Am Mittwoch sticht in der Winterthurer Innenstadt ein Mann auf vorbeilaufende Passanten ein und schreit »Allahu Akbar« – ein Weckruf für die Schweiz

von Nicole Dreyfus  28.05.2026

Meinung

Die staatliche Förderung von »Islamic Relief« ist unentschuldbar

Die NGO ist eng mit der islamistischen Muslimbruderschaft verflochten. Es ist ein Skandal, dass das Auswärtige Amt die Organisation dennoch jahrelang mit Millionen Euro unterstützte – und nun zu den Vorwürfen schweigt

von Ralf Fischer  28.05.2026

Kommentar

Was hat Künstliche Intelligenz mit Antisemitismus zu tun?

Ein Zwischenruf von dem Holocaust-Überlebenden Roman Haller

von Roman Haller  27.05.2026

Debatte

Warum werden Israels Fehler laut, der mörderische Judenhass seiner Feinde aber allzu oft nur sehr leise benannt?

Ein Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff

von Stephan-Andreas Casdorff  26.05.2026

Meinung

Iranischer Staatsterror: Zeit zu handeln, Herr Bundeskanzler!

Die Islamische Revolutionsgarde des Iran wollte den Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft zufolge Josef Schuster und Volker Beck ermorden lassen. Das darf nicht ohne Konsequenzen bleiben

von Michael Thaidigsmann  21.05.2026