Abraham de Wolf

Paulskirche: Juden nicht vergessen!

Abraham de Wolf Foto: privat

Abraham de Wolf

Paulskirche: Juden nicht vergessen!

Die Dauerausstellung erwähnt die Bedeutung jüdischer Abgeordneter mit keinem Wort

von Abraham de Wolf  10.03.2022 08:12 Uhr

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier setzt sich dafür ein, die Paulskirche in Frankfurt als Ort der deutschen Demokratie aufzuwerten und neu zu gestalten. Das ist auch eine wichtige jüdische Debatte. In der Paulskirche tagte 1848 und 1849 das erste halbwegs demokratisch gewählte deutsche Parlament.

Und obwohl das Parlament – wie auch die Revolution – an den preußischen Truppen scheiterte, hat es für unsere Demokratie bis heute wirksame Beschlüsse gefasst: die Grundrechte der Verfassung vom 28. März 1849.

Die Brisanz dieser Vergesslichkeit ist in der aktuellen politischen Debatte noch nicht erkannt worden.

Diese Sätze prägten auch die Verfassung von 1919 und bilden das Herz des Grundgesetzes von 1949. Sie sind das Fundament unseres demokratischen sozialen Rechtsstaats. Damit hat die brüchige demokratische Linie in der deutschen Geschichte eine bedeutsame Kontinuität, die aber viel zu wenig beachtet wird – merkwürdigerweise sogar in der Paulskirche selbst.

Und in der Dauerausstellung der Paulskirche völlig vergessen ist, dass dieser Ort für die deutsch-jüdische Geschichte von zentraler Bedeutung ist.

gleichstellung Zur Erinnerung: Am 29. August 1848 wurde die rechtliche Gleichstellung der Juden beschlossen: »Durch das religiöse Bekenntniß wird der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt.« Es gab aber einen Gegenantrag, gestellt von einem völkisch denkenden Liberalen: »Die Israeliten gehören vermögen ihrer Abstammung dem deutschen Volke nicht an.«

Mit überwältigender Mehrheit wurde dieser Gegenantrag abgelehnt, nachdem der jüdische Abgeordneten Gabriel Riesser Klartext gesprochen hatte: »Es ist Ihnen vorgeschlagen, einen Theil des deutschen Volkes der Intoleranz, dem Hasse zum Opfer hinzuwerfen; das werden Sie nimmer thun. Vertrauen Sie der Macht des Rechts, der Macht des einheitlichen Gesetzes.«

Die Dauerausstellung erwähnt diesen zentralen Beschluss und die Bedeutung von Gabriel Riesser mit keinem einzigen Wort. Die Brisanz dieser Vergesslichkeit ist in der aktuellen politischen Debatte um die Paulskirche noch nicht erkannt worden. Das muss sich ändern.

Der Autor ist Jurist und Sprecher des Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten.

Kommentar

Wladimir Putin setzt auf unsere Langsamkeit

Konsulatsschließungen fangen keine Drohnen ab, Sanktionen schützen keinen Flughafen. Deutschland muss gegenüber Russland endlich eine härtere Gangart einschlagen

von Sergey Lagodinsky  04.09.2026

Medien

Wie »Die Zeit« den fanatischen Israelhasser Zohran Mamdani zur politischen Lichtgestalt umdeutet

von Regula Stämpfli  03.09.2026

Meinung

Ärmer durch die Wohngeldreform

Bereits heute ist mehr als die Hälfte der jüdischen Zuwanderer im Rentenalter auf Grundsicherung angewiesen. Die Reform drängt ausgerechnet jene dorthin zurück, die es mit eigener Lebensleistung geschafft haben, ihr zu entkommen

von Günter Jek  03.09.2026

Justiz

Meinungsfreiheit ist kein Freibrief: Zur Leugnung des Existenzrechts Israels

Eine Klarstellung von Nathan Gelbart

von Nathan Gelbart  01.09.2026

Kommentar

Intifada-Party bei der Linken

Für Elif Eralp, die Spitzenkandidatin der Linken bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl, kommt der jüngste Antisemitismus-Skandal ihrer Partei zur Unzeit. Doch ihre Empörung ist unglaubwürdig

von Ralf Balke  01.09.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  27.08.2026

Meinung

Mehr Schutz durchs Grundgesetz

Was für die LGBTIQ-Gemeinschaft zutrifft, sollte auch für den Schutz jüdischer Identität gelten

von Susanne Krause-Hinrichs  26.08.2026

Meinung

Jüdische Schulen: Orte der Zugehörigkeit

Der Wunsch nach jüdischer Bildung wächst, während die Strukturen zunehmend fragil werden

von Eduard Steinberg  24.08.2026

Israel

Die Eindeutigkeit der Uneindeutigen

Ben Gvirs Äußerungen sind menschenverachtend und sollten von allen verurteilt werden, denen Israel am Herzen liegt. Zugleich spiegeln sie zum Glück nicht die Gaza-Politik Israels wider

von Volker Beck  19.08.2026