Johannes Heil

Letzte Frage ohne Antwort

Das Zeitzeugengespräch im Berliner Technikmuseum bleibt eine Illusion

von Johannes Heil  22.03.2020 08:39 Uhr

Johannes Heil Foto: Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg/flohagena

Das Zeitzeugengespräch im Berliner Technikmuseum bleibt eine Illusion

von Johannes Heil  22.03.2020 08:39 Uhr

Wir kennen das: Man wählt eine Nummer, um sich in einer bestimmten Angelegenheit zu informieren, und landet bei einer Automatenstimme, die mehrere Wahlmöglichkeiten zum Weiterverbinden anbietet. Im besten Fall wird unter »Vier« die Durchwahl zu realen Mitarbeitern angeboten. Manchmal hilft beharrliches Schweigen oder Nuscheln – woraufhin die Automatenstimme sagt: »Wir haben Sie nicht verstanden«, um reale Menschlichkeit zu erreichen.

Das ist im Berliner Technikmuseum nicht möglich. Das Bild und die Stimme von Anita Lasker-Wallfisch bleiben dort eine virtuelle Illusion. Tatsächlich hat die Auschwitz-Überlebende in langen Sitzungen auf 1000 Fragen geantwortet. Aus diesem Fundus wählt eine Software die »richtige« Antwort auf die Fragen der Museumsbesucher aus.

KRITIK In Zusammenarbeit mit der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Technikmuseum will die USC Shoah Foundation das Zeugnis der Überlebenden auf diese Art und Weise für die Zukunft sichern. Für die Testphase hat man vor allem Schulklassen der Mittelstufe im Blick. Die Reaktion der Schülerinnen und Schüler wird in die Bewertung einfließen.

Es ist richtig, für die Zukunft der Erinnerung neue Wege zu gehen. Manche sollte man aber nicht weitergehen. Schon in der Vergangenheit hat die auch als »Spielberg Foundation« bekannte Stiftung mit standardisierten Interviewschemata für Kritik gesorgt.

Offensichtlich trauen die Erinnerungsmediatoren den gedruckten und aufgezeichneten Zeugnissen nicht mehr.

Doch das Problem mit dem Berliner Projekt reicht tiefer. Offensichtlich trauen die Erinnerungsmediatoren den gedruckten und aufgezeichneten Zeugnissen nicht mehr. »Die Person ist mehr als nur auf dem Screen anwesend«, sagt der stellvertretende Museumsleiter Joseph Hoppe.

Korrektur: Sie wird anwesend gemacht. Sie kann nicht eingreifen, kann das Gespräch nicht spontan lenken, verfügt nicht mehr über ihre Geschichte. Die 1001. Frage muss ohne Antwort bleiben.

Der Autor ist Rektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.

Musik

Stargeiger Daniel Hope verlängert Vertrag bis 2026

Der südafrikanisch-britische Musiker bleibt Künstlerischer Leiter der Dresdner Frauenkirche

 17.09.2020

Porträt

Emmy für Esty?

Die israelische Schauspielerin Shira Haas erobert die Welt. Nächster Halt: die Nominierung für ihre Hauptrolle in der Netflix-Serie »Unorthodox«

von Sophie Albers Ben Chamo  17.09.2020

Psychologie

Einblicke in die Seele

Manfred Lütz im Gespräch mit dem jüdischen Analytiker Otto Kernberg – eine Rezension

von Gerhard Haase-Hindenberg  17.09.2020

Vorabdruck

Meine Freundin, du bist schön

In »Hannah und Ludwig« schreibt Rafael Seligmann seine Familiensaga fort

von Rafael Seligmann  17.09.2020

Finale

Der Rest der Welt

Mehr Honig in den Kuchen oder Warum niemand Null-Tage-Jude werden muss

von Ayala Goldmann  17.09.2020

Zahl der Woche

Das Jahr 5781

Fun Facts und Wissenswertes

 17.09.2020

Samy Molcho

»Es war eine andere Welt«

Der Pantomime über seine Kindheit in Israel, die Anfänge in Deutschland und warum ihn das Judentum bis heute prägt

von Louis Lewitan  17.09.2020

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 17.09.2020

Team Israel Start-Up Nation

»Eine Tour ohne Paris ist keine Tour«

Radprofi André Greipel hofft auf gutes Ende der Tour de France

 17.09.2020