Meinung

Lasst uns nicht allein!

Maria Ossowski Foto: privat

Meinung

Lasst uns nicht allein!

Nach dem Canceln von Lahav Shani durch das Flandern-Festival in Gent befürchtet Maria Ossowski, dass Juden Europa jetzt verlassen wollen

von Maria Ossowski  11.09.2025 16:41 Uhr

Er spielt seit Jahrzehnten Geige an einem vorderen Pult in einem deutschen Weltklasseorchester. Er ist Jude und ein enger Freund. Spätabends kommt per WhatsApp seine Nachricht: »Es ist Zeit, Europa zu verlassen«. 

Da wissen wir seit wenigen Stunden, dass das Flandern-Festival in Gent das Highlight seines Programms, die Münchner Philharmoniker und dessen designierten Chefdirigenten ausgeladen hat, weil Lahav Shani auch das Israel Philharmonic Orchestra leitet. Shani habe sich zwar für Frieden und Versöhnung ausgesprochen, so die Festivalleitung, aber keine ausreichende Klarheit zu seiner Haltung gegenüber dem »völkermörderischen Regime in Tel Aviv« gezeigt.

Entschieden haben diese Ungeheuerlichkeit keineswegs irgendwelche hysterisch-opportunistischen Musikmanager allein. Nein, diese Absage ist auf Druck sogenannter »Aktivistengruppen« (vulgo: Terrorunterstützer und Hamas-Sympathisanten) entstanden, und diese Absage verantworten zudem das belgische Kulturministerium, der Stadtrat von Gent sowie die Kulturverwaltung der Stadt. Ein breiter, allgemeiner Konsens herrscht da offensichtlich mitten in Europa: Juden raus. 

Kennen wir in Deutschland, 1933 war genau das passiert. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat just festgestellt, ihn erinnere der aktuelle Antisemitismus in Kulturkreisen an den Beginn des Naziterrors. 

Ausgerechnet in jenem Metier, in dem wir die Fähigkeit zur Differenzierung und einen klaren Widerstand gegenüber dem momentan blühenden antisemitischen Common Sense erhofften, verdrängt ein grob-überheblicher Judenhass jede Kultiviertheit. 

Anständig und angemessen wäre es gewesen, wenn Gent im Rahmen des Festivals an die Hamas appelliert hätte, sowohl den Schauspieler David Cunio als auch den Pianisten Alan Ohel freizulassen. Beide wurden am 7. Oktober als Geiseln verschleppt und vegetieren seither in den Tunneln dahin. Wissen um die Zusammenhänge des Krieges und Mitgefühl mit den Geiseln gehören leider nicht zum Mindsetting jener Antisemiten, die mit ihrer Hetze momentan den Kontinent fluten. 

Müssen die jüdischen Künstler Europa also verlassen? Mein Freund, der Geiger, erinnert mich an Isaac Stern, der auf die Frage, warum so viele Juden große Geiger und wurden, antwortete: »Weil man mit diesem Instrument besser fliehen kann.« Es wäre schrecklich. Wir sind schon ab 1933 kulturell verarmt. Bitte bleibt, bitte lasst uns mit diesen Hassern nicht allein, bitte nicht noch einmal.

Die Autorin ist freie Journalistin und war viele Jahre als Redakteurin für den Hörfunk in der ARD tätig.

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