Meinung

Gefährliche Allianz von Feminismus und Antisemitismus

Nicole Dreyfus Foto: Claudia Reinert

Meinung

Gefährliche Allianz von Feminismus und Antisemitismus

In Lausanne galt auf der Kundgebung zum Weltfrauentag: Jüdinnen sind nicht willkommen. Das ist weder emanzipatorisch noch feministisch

von Nicole Dreyfus  13.03.2025 12:05 Uhr

Die Szenen, die sich am Samstag auf den Straßen in Lausanne abgespielt haben, sind skandalös. Zum Weltfrauentag tat sich eine Allianz von Kurdinnen, Jesidinnen und Jüdinnen zusammen, um gemeinsam unter dem Motto »Stoppt den islamistischen Terror gegen Frauen« zu demonstrieren.

Das Kollektiv reagierte damit auf einen Vorfall vom Vorjahr, bei dem sich eine Gruppe von Frauen, die sich für die israelischen Vergewaltigungsopfer und Geiseln vom 7. Oktober 2023 eingesetzt hatten, von den Organisatoren der letztjährigen Kundgebung nicht willkommen geheißen wurde.

Am vergangenen Samstag wurde die Gruppe jedoch von einer so genannten propalästinensischen Front komplett gestoppt. Diese baute sich vor dem Kollektiv wie eine Wand auf, kesselte es nahezu ein und hinderte die Frauen daran, am Marsch in Lausanne weiter teilzunehmen. Dabei skandierten die »propalästinensischen« Demonstrierenden lautstark ihre gewohnten antizionistischen Parolen.

Antisemitismus ist kein Platzhalter, um die Welt zu erklären.

Einmal mehr wurde die emanzipatorische Bewegung dazu missbraucht, um sich auf die Seite des vermeintlich Schwächeren zu stellen. Die Jüdinnen, die sich genauso wie der Rest der demonstrierenden Masse für die Rechte der Frauen einsetzten, an den Pranger zu stellen, zu diskreditieren und vom Geschehen ausschließen zu wollen, widersetzt sich jedem Ansatz emanzipatorischer Überzeugung.

Wer blind »queerfeministisch, antizionistisch« schreit und meint, mit dem passenden Hashtag auf Instagram auf der richtigen Seite zu stehen, hat Feminismus falsch verstanden.

Unter dem Deckmantel etablierter Ideologien, für die es sich zu demonstrieren lohnt, entlädt sich auf solchen Kundgebungen der Hass gegen Juden. Mit dem Vorwand, Antizionismus bekämpfen zu wollen, wird die Sache einfach: Wenn die Juden nicht mehr Opfer sind, steht man auf der richtigen Seite der Geschichte.

Dieser »propalästinensische« Aktivismus verspricht dabei schnelle Erfolge. Die klare Einteilung zwischen Gut und Böse vermittelt ein Gefühl von Zugehörigkeit – ironischerweise demonstrierte die gleiche Masse am Samstag gegen Trump, Putin und Musk.

Lesen Sie auch

Wer sich also Feministin oder Feminist nennt, muss darum bemüht sein, dass allen Frauen mit Respekt begegnet wird, dass die Zahlen von Gewaltakten gegen Frauen oder Femiziden zurückgehen. Sich jedoch mit feministischer Maskerade zu dekorieren, einzig um gegen Jüdinnen vorzugehen, weil sie »weiße Unterdrückerinnen« oder gar »Kapitalistinnen« sind, ist nicht nur verblendet, sondern zeugt von Bequemlichkeit.

Es zeigt, wie variabel und flexibel einsetzbar Antisemitismus ist. Er ist kein Platzhalter, um die Welt zu erklären. Aber es entsteht damit eine problematische Allianz zwischen einer Ideologie wie dem Feminismus und gewaltbereiten Gruppierungen als Folge eines verzerrten Weltbilds. Das ist gefährlich.

dreyfus@juedische-allgemeine.de

Meinung

Jugendwerk endlich gründen

Seit vielen Jahren wird immer wieder betont, wie wichtig die Institutionalisierung des deutsch-israelischen Jugendaustauschs wäre. Höchste Zeit, die Idee in die Tat umzusetzen

von Joshua Schultheis  21.01.2026

Meinung

Liebe Iraner, wir fühlen mit euch!

Als Israelin wünscht sich unsere Autorin nichts mehr, als dass das brutale Regime in Teheran bald fällt. Ein offener Brief an die mutigen Menschen im Iran

von Sabine Brandes  21.01.2026

Meinung

Friedensrat für Gaza oder Kriegsrat gegen Israel?

In Zukunft sollen ausgerechnet die Hamas-Unterstützerstaaten Katar und die Türkei im Friedensrat über den Gazastreifen mitbestimmen dürfen. Für Israel sollte das eine Warnung sein, sich unabhängiger von den USA zu machen

von Daniel Neumann  21.01.2026

Meinung

Einladung, Empörung, Ausladung

Dass der Iran am Weltwirtschaftsforum in Davos zunächst willkommen war und kurz darauf wieder ausgeladen wurde, ist ein Lehrstück darüber, wie Menschenrechte erst dann zählen, wenn sie zum Reputationsrisiko werden

von Nicole Dreyfus  19.01.2026

Gastbeitrag

Wie Europas Parlamentarier über Israel denken

Der Blick europäischer Politiker auf Israel hat sich gewandelt, wie die jüngste ELNET-Befragung von europäischen Politikern zeigt

von Carsten Ovens  16.01.2026

Meinung

Solidarität mit Israel ist links

Das Bekenntnis zum jüdischen Staat ist die Voraussetzung glaubwürdiger progressiver Politik. Doch in der Linkspartei werden Genossen für diese Haltung immer öfter angefeindet

von Selin Gören  15.01.2026

Kommentar

Ein freier Iran wäre kein Risiko für Israel, sondern ein Partner  

Die Zeit für moralische Distanz oder falsche Neutralität ist längst vorbei. Jetzt ist die Zeit, hinzusehen, zuzuhören - und Partei zu ergreifen

von Vida Funke  15.01.2026

Meinung

Für die Freiheit

Seit Wochen protestieren Tausende Menschen in ganz Iran gegen das Regime. Deutschland und Europa müssen nun endlich reagieren: Und zwar mit maximaler Härte

von Shahrzad Eden Osterer  13.01.2026

Kommentar

Europa und der Iran: Zaudernde Zaungäste

In Brüssel heißt es, man beobachte die sich dramatisch zuspitzende Lage im Iran »aufmerksam«. Doch warum macht die EU ihren Einfluss auf das Mullah-Regime nicht geltend?

von Michael Thaidigsmann  13.01.2026