Nicole Dreyfus

Eine Zäsur für das ganze Land

Nun ist es also in Zürich passiert. Die Realität hat auch die Schweiz eingeholt. Vielleicht war es naiv zu denken, dass ein brutaler Angriff mit einem Messer auf einen orthodoxen Juden, wie er am Samstagabend auf offener Straße geschah, im weltoffenen, toleranten Zürich nie stattfinden würde.

Hier gehören orthodoxe Jüdinnen und Juden zum Stadtbild. Auch wenn sie nur den kleinsten Teil der lokalen jüdischen Bevölkerung ausmachen – es ist jener Teil, der sichtbar ist. Aber vulnerabel sind wir Jüdinnen und Juden alle.

Zuerst »Ja, aber ...«, dann Hass, dann öffentliche Aggression

Bis zum vergangenen Samstagabend schienen die Pariser Banlieues oder Berlin für uns in Zürich weit weg. Gleichzeitig ließ der 7. Oktober 2023 nichts Gutes erahnen. Die antisemitischen Übergriffe sind seitdem angestiegen: zuerst relativierende Wortmeldungen (»Ja, aber…«), dann Hassbotschaften an Hauswänden und in den sozialen Netzwerken, schließlich öffentliche Aggressionen, etwa auf Anti-Israel-Demonstrationen.

Nun liegt ein 50-jähriger Familienvater mit schweren Stichverletzungen im Spital. Der grauenhafte Versuch, eine Person zu ermorden, die erkennbar jüdisch ist, markiert eine Zäsur für das ganze Land. Es wurde glasklar vorgeführt, was die meisten Jüdinnen und Juden auch in der Schweiz wohl schon immer befürchtet haben: dass der Hass in Gewalt umschlägt.

Das eigene Sicherheitsgefühl ist gestört. Dass nun auch bei uns Polizeiautos vor sämtlichen jüdischen Institutionen stehen, beruhigt nur vordergründig. Behörden und Politiker bekunden mit Überzeugung, Antisemitismus und Rassismus hätten keinen Platz in unserer Gesellschaft. Doch wer garantiert dafür?

Es ist nicht nur die Aufgabe des Bundes, dafür zu sorgen, dass »Nie wieder ist jetzt« nicht zur Randnotiz der Geschichte verkommt. Nun muss ein Umdenken stattfinden – nicht nur in der Politik, sondern vor allem auch in der Bevölkerung, in den Schulen, wo auch der Täter vom Samstag herkam. Sonst sickert die Radikalisierung durch alle Gesellschaftsschichten und trifft die freiheitliche und offene Schweiz in ihrem Herzen.

Wir werden uns nicht verstecken und nicht einschüchtern lassen

Wer judenfeindliche Parolen bei einem solchen Akt ruft, wer bei der Festnahme lacht und wer überhaupt eine solche Tat begeht, tut dies aus Überzeugung und führt vor Augen, wie erbarmungslos Antisemitismus ist. Die Früchte des judenfeindlichen Nährbodens, der immer mehr gedüngt wurde, sind nun reif. Als Jüdinnen und Juden haben wir also auch die Aufgabe, wachsam zu sein.

Dennoch ist klar: Jüdisches Leben in der Schweiz und anderswo muss und wird weiter existieren. Wir werden uns nicht verstecken und nicht einschüchtern lassen. Angst und Verunsicherung dürfen nicht überhandnehmen. Das ist das gefährliche Ziel von Terrorismus.

Wir dürfen in einer verständnisvollen Gesellschaft nicht zulassen, dass Angst zur Normalität wird, dass antisemitisch oder rassistisch motivierte Hassverbrechen zum Tagesgeschehen gehören. Unsere Kinder sollen ohne Polizeischutz in den Kindergarten gehen dürfen. Das wäre normal.

Italien

Viererbob und Eisprinzessin

Bei den Olympischen Winterspielen in Mailand-Cortina treten mindestens 16 israelische und jüdische Athleten an

von Sophie Albers Ben Chamo  06.02.2026

Frankreich

Haftbefehle wegen »Beihilfe zum Genozid«

Die Justiz wirft zwei französisch-israelischen Frauen vor, Hilfslieferungen in den Gazastreifen behindert zu haben

 05.02.2026

USA

»Get the fuck out of Minneapolis!«

Jacob Frey ist Bürgermeister der Stadt, die derzeit für das aggressive Vorgehen der ICE steht. Der Demokrat stellt sich energisch gegen die Immigrations-Politik von US-Präsident Donald Trump

von Eva Schweitzer  05.02.2026

Washington D.C.

Gates: »War dumm von mir, Zeit mit Epstein zu verbringen«

In den jüngst veröffentlichten Dokumenten zum Fall des verstorbenen Sexualstraftäters Epstein tauchen viele prominente Namen auf - auch der des Microsoft-Mitgründers. Nun äußert er sich dazu

 05.02.2026

London

Epstein-Skandal stürzt Starmer in die Krise

Obwohl der britische Premier von der Freundschaft Peter Mandelsons zu Jeffrey Epstein wusste, ernannte er ihn zum Botschafter in den USA. Selbst in den eigenen Reihen ist der Ärger groß

 05.02.2026

Wien

US-Flüchtlingsorganisation HIAS muss ihr Europa-Büro schließen

Die US-Regierung hat das historische Programm für religiöse Minderheiten aufgekündigt. Damit sind aktuell Hunderte Juden im Iran gestrandet

 04.02.2026

Geschichte

Kühe und das große jüdische Erbe

In Endingen und Lengnau liegt die Wiege des Schweizer Judentums – von dort ging es in die Welt. Zu Besuch bei einem der letzten Viehhändler im Surbtal

von Nicole Dreyfus  03.02.2026

Alltag in Zürich: Orthodox gekleidete Juden im Stadtteil Wiedikon, wo sihc der jüngste Vorfall ereignete.

Schweiz

Jüdischer Mann in Zürich mit Fäusten attackiert

Am Montagabend kam es in Zürich auf einer Straße erneut zu einem Vorfall antisemitischer Gewalt

 03.02.2026

USA

Coole Saftas

Wie jüdische Großmütter endlich das Kino erobern

von Sarah Thalia Pines  01.02.2026