Sebastian Leber

Der »Palästina-Kongress« war ein Blick in den Abgrund der Solidarität

Sebastian Leber Foto: Tagesspiegel/Nassim Rad

Sie wollten Tausende nach Berlin holen, doch am Ende versammelten sich nur 250 Teilnehmer in einem Saal für Hochzeitsfeiern, mehr waren aus Brandschutzgründen nicht erlaubt. Statt der geplanten drei Tage dauerte ihre Veranstaltung nicht mal eine Stunde. Dann schritt die Polizei ein.

Auf den ersten Blick hat sich der großspurig beworbene »Palästina-Kongress« radikaler Kleingruppen vergangenes Wochenende als Reinfall erwiesen. Auf den zweiten allerdings auch. Denn die wenigen gehaltenen Redebeiträge bewiesen, dass alle Warnungen im Vorfeld berechtigt waren und der passendere Name für diese Veranstaltung wohl »Kongress der Israelhasser« gelautet hätte. Die Eröffnungsrednerin beschimpfte den jüdischen Staat als »faschistische Siedlerkolonie«, ein Aktivist fantasierte von einem seit 1948 andauernden Genozid. Erst als ein weiterer Redner per Videobotschaft allen Ernstes verkündete, zu Israels Vorgehen in Gaza gebe es »nichts Vergleichbares in der Menschheitsgeschichte«, beendete die Polizei den Spuk – für Salman Abu Sitta, einen bekannten Terrorverharmloser, besteht in der Bundesrepublik ein politisches Betätigungsverbot.

Vor allem aber hat der Kongress den desolaten Zustand der sogenannten »Palästina-Solidarität« in Deutschland offenbart. Wie kann es sein, dass sich unter all den Aktivisten dieser Bewegung keine Stimmen finden, die für die Interessen der Palästinenser eintreten, ohne gleichzeitig zu hetzen, Lügen zu verbreiten oder sich mit Terrorgruppen wie der Hamas gemein zu machen? Wie schwer kann es bitte sein, eine Konferenz oder eine Demonstration für die leidende Zivilbevölkerung in Gaza zu organisieren, ohne zumindest indirekt die Auslöschung Israels zu fordern? Warum ist es in den vergangenen sechs Monaten nicht gelungen, etwas Besseres auf die Beine zu stellen als diesen hasserfüllten »Palästina-Kongress«?

Dass es radikale Kräfte wie diese Akteure tatsächlich schaffen, als vehementeste Fürsprecher für die palästinensische Sache wahrgenommen zu werden, ist wohl der eigentliche Abgrund, in den es zu blicken gilt.

Der Autor ist Redakteur beim »Tagesspiegel«.

Meinung

London belohnt die Verweigerungshaltung der Palästinenser

Mit ihren Sanktionen gegen israelische Siedlungen will die britische Regierung im Nahost-Konflikt einer Zwei-Staaten-Lösung näher kommen. Doch sie zeigt vor allem: Verhandeln lohnt sich nicht

von Daniel Neumann  08.09.2026

Meinung

Die Wähler sind selbst schuld

Die AfD macht die etablierten Parteien verächtlich und höhlt so die Demokratie aus. Doch die eigentliche Verantwortung für die Misere trägt der Souverän

von Michael Thaidigsmann  08.09.2026

Kommentar

Warum der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nie wieder »Nie wieder!« sagen sollte

Wer Antisemitismus nur dort bekämpft, wo es bequem ist, bekämpft ihn nicht – und wer wie im Fall Maha El Hissy konkrete Vorwürfe nicht ernsthaft prüfen will, sollte aufhören, zu erklären, wie ernst er diesen Kampf nimmt

von Andreas Büttner  08.09.2026

Kommentar

Und nun?

Bloße Empörung über den Wahlsieg der rechtsextremen AfD ist billig und wohlfeil. Es sollte endlich auch über die Gründe ihrer Popularität gesprochen werden. Die Parteien der Mitte müssen endlich aufwachen

von Philipp Peyman Engel  07.09.2026

Kommentar

Warum es eine Brandmauer gegen die Linkspartei braucht

Wenn eine Brandmauer nur auf einer Seite steht, brennt es von der anderen rein. Über diese offene Seite müssen wir reden

von Nelly Eliasberg  06.09.2026

Kommentar

Wladimir Putin setzt auf unsere Langsamkeit

Konsulatsschließungen fangen keine Drohnen ab, Sanktionen schützen keinen Flughafen. Deutschland muss gegenüber Russland endlich eine härtere Gangart einschlagen

von Sergey Lagodinsky  04.09.2026

Medien

Wie »Die Zeit« den fanatischen Israelhasser Zohran Mamdani zur politischen Lichtgestalt umdeutet

von Regula Stämpfli  03.09.2026

Meinung

Ärmer durch die Wohngeldreform

Bereits heute ist mehr als die Hälfte der jüdischen Zuwanderer im Rentenalter auf Grundsicherung angewiesen. Die Reform drängt ausgerechnet jene dorthin zurück, die es mit eigener Lebensleistung geschafft haben, ihr zu entkommen

von Günter Jek  03.09.2026

Justiz

Meinungsfreiheit ist kein Freibrief: Zur Leugnung des Existenzrechts Israels

Eine Klarstellung von Nathan Gelbart

von Nathan Gelbart  01.09.2026