Judenhass

Der Kampf gegen Judenhass ist ein Kampf für unsere Demokratien

Aurore Bergé, Frankreichs Ministerin für den Kampf gegen Diskriminierung (Foto) schrieb diesen Kommentar zusammen mit Eric Pickles, dem britischen Beauftragten für Fragen in Zusammenhang mit dem Holocaust, und Felix Klein, dem Beauftragten der Bundesregierung für den Kampf gegen den Antisemitismus. Foto: picture alliance / abaca

Am 29. April jährt sich die Verabschiedung der Berliner Deklaration gegen Antisemitismus zum 20. Mal. In den zwei Jahrzehnten, die vergangen sind, seit die OSZE-Teilnehmerstaaten diese richtungsweisende Erklärung über das Verständnis und den Kampf gegen Antisemitismus verabschiedet haben, mussten wir einen fast permanenten Anstieg antisemitischer Vorfälle und Straftaten verzeichnen, sowohl quantitativ als auch in ihrer Intensität.

Als hätten die Autoren der Erklärung diese schreckliche Entwicklung vorausgesehen, haben sie schon damals alle Aspekte aufgenommen, die auch heute noch grundlegend für den Kampf gegen Judenhass sind: das Verständnis von Antisemitismus als eine Form des Hasses, die viele unterschiedliche politische und religiöse Extremismen verbindet und die sich den jeweils aktuellen gesellschaftlichen Debatten anpasst, die Notwendigkeit, geeignete rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, zuverlässige Datenerhebung zu ermöglichen sowie Bildung und Sensibilisierung über Antisemitismus und seine Bekämpfung zu fördern.

Obwohl die Erklärung schon 20 Jahre alt ist, bietet sie auch heute, während wir Antisemitismus auf dem höchsten Niveau seit der Ende Schoah sehen, eine gute Grundlage für unsere Arbeit.

Direkte Drohungen

Der aktuelle Anstieg judenfeindlicher Taten betrifft viele Bereiche. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 verbreitet sich antisemitischer Hass in allen sozialen Medien rasant. In Frankreich ereigneten sich 75 Prozent der erfassten Fälle auf der Plattform X. Auf YouTube stieg die Zahl geposteter antisemitischer Inhalte, darunter direkte Drohungen gegen jüdische Personen und Institutionen, um das Fünfzigfache.

Und was online gesagt wird, bleibt leider häufig genug nicht auf das Internet beschränkt: Gewalttätiger Judenhass wird auf unseren Straßen ausgelebt. Auch an Universitäten werden jüdische Studenten bedrängt, eingeschüchtert und teils sogar angegriffen. Diese Entwicklung betrifft uns alle. Im Vereinigten Königreich sind seit dem 7. Oktober zum ersten Mal überhaupt antisemitische Straftaten aus jedem einzelnen Polizeibezirk gemeldet worden. In Deutschland sind antisemitische Vorfälle im ersten Monat nach dem Hamas-Angriff um 320% gestiegen.

Bis Ende Januar 2024 wurden 2249 judenfeindliche Straftaten begangen, die meisten davon mit Bezug zum Nahostkonflikt. Besonders besorgniserregend ist auch die Entwicklung an Schulen: 40% aller antisemitischen Taten an französischen Schulen verbreiten eine positive Sichtweise auf den Nationalsozialismus und seine Verbrechen.

Tiefgehende Auswirkungen

Antisemitismus schadet uns, da er Menschen nur wegen ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Identität zur Zielscheibe von Hass macht. Dieser Hass hat tiefgehende Auswirkungen auf die Betroffenen. Antisemiten greifen die Werte unserer vielfältigen Gesellschaften, die Werte der gegenseitigen Toleranz und des Respekts an. Judenfeindlichkeit ist ein Gradmesser für den Zustand unserer Länder, denn sie führt zu Verzweiflung, Wut, Angst und Misstrauen bei den Betroffenen und zerstört so den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Antisemitische Ideologie richtet sich gegen die fundamentalen Grundrechte der Gleichheit und der Nicht-Diskriminierung. Wer Hass gegen Jüdinnen und Juden schürt, greift das friedliche Zusammenleben in unseren Gesellschaften an.

Integrale Bestandteile

20 Jahre nach der Berliner Erklärung erneuern wir daher unser Versprechen, alle Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu bekämpfen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir die Strukturen im Kampf gegen Antisemitismus stärken: Nationale Strategien, Beauftragte, die IHRA-Definition von Antisemitismus und rechtliche Rahmenbedingungen.

Wir rufen alle Staaten dazu auf, diese wichtigen Instrumente gemeinsam in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft zu schaffen. Auch rufen wir alle staatlichen Stellen, Universitäten, Schulen und Unternehmen dazu auf, ihren jüdischen Kollegen, Angestellten, Studierenden und Schülern in diesen Zeiten zur Seite zu stehen.

Die jüdischen Gemeinschaften sind integrale Bestandteile unserer Länder. Ohne sie wären wir nicht das, was wir heute sind. Wenn wir den Kampf gegen Antisemitismus verlieren, gehen auch unsere Demokratien verloren.

Meinung

Iranischer Staatsterror: Zeit zu handeln, Herr Bundeskanzler!

Die Islamische Revolutionsgarde des Iran wollte den Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft zufolge Josef Schuster und Volker Beck ermorden lassen. Das darf nicht ohne Konsequenzen bleiben

von Michael Thaidigsmann  21.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Meinung

Das entspricht nicht der Essenz unseres Landes!

Man muss keine Sympathie für die Aktivisten der Gaza-Flotille haben, um die Art abzulehnen, wie Itamar Ben-Gvir mit ihnen umgegangen ist. Der Minister hat dem Ansehen Israels geschadet

von Sarah Cohen-Fantl  21.05.2026

Meinung

Die Jewrovision sendet ein Signal

Bei dem Musikwettbewerb haben die Teilnehmer auch immer wieder den grassierenden Antisemitismus thematisiert. Die Politik muss die Angst jüdischer Kinder und Jugendlicher endlich ernst nehmen

von Nicole Dreyfus  20.05.2026

Essay

Wie die »New York Times« Israel verteufelt

Der Autor Nicholas Kristof überzieht Israel in einem Meinungsbeitrag mit ungeheuerlichen Vorwürfen. Doch belastbare Beweise für seine Behauptungen legt er nicht vor – und schadet damit dem Journalismus

von Daniel Neumann  19.05.2026

Meinung

Die Israel-Allergie der ARD

Douze Points für Israel - und dann Schweigen

von Guy Katz  17.05.2026

Meinung

Ein Mutmacher in trüben Zeiten

Die Abstimmung für Noam Bettan beim Eurovision Song Contest zeigt, dass sich die Bürger nicht so einfach von israelfeindlicher Propaganda beeinflussen lassen

von Daniel Killy  17.05.2026

Meinung

Orden für den Botschafter: Wie Leo XIV. Irans Regime aufwertet

Mit seinem Orden für den iranischen Botschafter beim Heiligen Stuhl verpasst der Papst den Menschen im Iran symbolisch einen Tritt in die Magengrube

von Michael Thaidigsmann  13.05.2026