Meinung

Das Gerücht über Israel

Daniel Neumann Foto: Gregor Matthias Zielke

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Das Gerücht über Israel

Die Geschichte des Antisemitismus ist eine Geschichte der Lüge. Was früher dem Juden als Individuum unterstellt wurde, wird nun Israel als Nation vorgeworfen

von Daniel Neumann  31.08.2025 22:03 Uhr Aktualisiert

Die Geschichte des Antisemitismus ist im Kern eine Geschichte der Lüge. Seit Jahrhunderten werden Juden nicht wegen dem gehasst, was sie tun, sondern wegen dem, was man ihnen unterstellt: Sie seien Brunnenvergifter, Kindermörder, Weltverschwörer. Ob mittelalterliche Ritualmordlegenden, die Protokolle der Weisen von Zion oder die nationalsozialistische Hetzpropaganda - stets bahnten falsche Narrative, Verleumdungen und Lügen den Weg für reale Gewalt.

Ohne Lüge keine Dämonisierung. Ohne Dämonisierung keine Entmenschlichung. Ohne Entmenschlichung kein Pogrom, keine Vertreibung, kein Massenmord. Dabei sind Lügen nicht einfach Irrtümer. Sie sind politische Werkzeuge. Machtmittel. Waffen. Und sie funktionieren, weil sie so leicht zu glauben sind.

»Man muss eine große Lüge nur oft genug wiederholen, dann wird sie am Ende geglaubt« - dieser Satz wird meist dem Propagandaminister der Nazis, Joseph Goebbels, zugeschrieben. Und obwohl der genaue Wortlaut nie belegt wurde, bringt er die Funktionsweise totalitärer Propaganda auf den Punkt. Er beinhaltet gleichzeitig eine ebenso fundamentale wie verstörende Wahrheit.  

Der gezielte Einsatz von Lügen und die Strategie der Dämonisierung sind leider kein Phänomen der Vergangenheit. Ganz im Gegenteil. Doch heute richtet sich diese Strategie vor allem gegen Israel – den jüdischen Staat. Was früher dem Juden als Individuum unterstellt wurde, wird nun Israel als Nation vorgeworfen. Und wieder funktioniert es: Ausgrenzung, Dämonisierung, Delegitimierung, Gewaltandrohung – nicht trotz, sondern wegen massiver Desinformation.

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Kaum ein Vorwurf wird heute so reflexhaft gegen Israel erhoben wie der der Apartheid. Doch der Vergleich mit Südafrika ist nicht nur sachlich falsch, sondern eine moralische Zumutung gegenüber den Opfern des damaligen Regimes. Apartheid war in Südafrika ein System, das auf der angeblichen Ungleichheit der Rassen und der perversen Überzeugung beruhte, dass Schwarze weniger wert seien als Weiße. Damit wurde die widerwärtige historische Blaupause einer Gesellschaft geschaffen, die auf Rassenklassifizierung setzte und die systematische Herabwürdigung und Diskriminierung von Schwarzen durch zahllose Gesetze unterfütterte.

In Israel hingegen gibt es keine gesetzlich verankerte Rassentrennung, keine unterschiedlichen Rechtssysteme für verschiedene Ethnien. Israel hat nie auch nur ein einziges Gesetz verabschiedet, das Menschen nach Rassenkategorien definiert. Arabische Israelis haben volle Bürgerrechte, sind im Parlament vertreten, sitzen im Kabinett, arbeiten als Ärzte, Richter, Lehrer.

Wer dennoch den Apartheidbegriff bemüht, verfolgt nicht die Wahrheit, sondern andere Ziele: Delegitimierung und Dämonisierung.

Heißt das, dass es in Israel keine Diskriminierung und keinen Rassismus gibt? Natürlich gibt es sie! Israel ist nicht perfekt. Und die Menschen, die dort leben, sind nicht perfekt. Weshalb es dort - wie in jedem anderen Land der Welt auch - Ungerechtigkeit, Stigmatisierung und Diskriminierung gibt. Vor allem, wenn man den Blick aus dem Kernland ins Westjordanland schweifen lässt, wo man eine hochkomplexe tatsächliche und juristische Gemengelage aus umstrittenen Gebieten, historisch-religiösen Verbindungen und von unterschiedlichen Souveränen kontrollierten Territorien vorfindet, die etwa sechsmal mehr Palästinenser beherbergen als Juden.

Und doch: Auch hier ist es absurd, von Apartheid zu sprechen und damit die einzige Blaupause heraufzubeschwören, die historisch trägt: Südafrikas Apartheidsregime.

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Nur nebenbei: In den Gebieten, die von der Palästinensischen Autonomiebehörde in der Westbank oder der Hamas in Gaza kontrolliert werden, findet man tatsächlich Zustände, die an Apartheid erinnern. Und zwar gegenüber Juden! Dort gibt es nämlich eine systematische Ausgrenzung von Juden. Und diese gipfelt darin, dass dort keine Juden leben dürfen. Null, nada, niente! Nicht jetzt und nicht in Zukunft.

Mit anderen Worten: Diese Gebiete sind ethnisch gesäubert. Sie sind im Nazijargon »judenrein«! Der Führer hätte seine wahre Freude daran …

Noch absurder und gefährlicher ist der Vorwurf, Israel begehe in Gaza einen Genozid. Diese Behauptung, die in verschiedenen Varianten schon seit gut 50 Jahren kursiert, ist mittlerweile omnipräsent: auf Demonstrationen, in den sozialen Medien, in akademischen Zirkeln.

Und sie wurde ausgerechnet von Südafrika vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag zur Anklage gebracht. Denn wenn es um Israel geht, wird sogar das Völkerrecht zu einer Waffe. Dabei sprechen sämtliche Fakten dagegen: Israel führt einen Verteidigungskrieg gegen eine Terrororganisation, die am 7. Oktober ein beispielloses Massaker an Zivilisten verübte - mit dem erklärten Ziel, so viele Juden wie möglich zu töten.

Ein Genozid setzt Absicht zur Auslöschung voraus. Also exakt das, wovon die Islamisten und Dschihadisten dieser Welt träumen. Israel dagegen warnt Zivilisten, liefert Hilfsgüter, erlaubt medizinische Evakuierungen und operiert dabei mit Bodentruppen in dem komplexesten und herausforderndsten Kriegsgebiet der Erde - trotz der Risiken für die eigenen Soldaten. Die vielen zivilen Opfer sind der menschenverachtenden Strategie der Hamas geschuldet, die sich in die Zivilbevölkerung eingebettet hat und diese als menschliche Schutzschilde missbraucht.

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Hätte Israel tatsächlich einen Völkermord begehen wollen, dann hätte es seine militärische Macht entfesselt und die Palästinenser Gazas wären schon lange Geschichte. Dennoch wird der jüdische Staat kontrafaktisch mit einem Begriff verteufelt, der einst geschaffen wurde, um das Verbrechen zu benennen, das dem jüdischen Volk selbst widerfuhr.

Raphael Lemkin, der Begründer des Genozid-Begriffs und Überlebender der Schoa, würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, wie seine Definition heute missbraucht und gegen den Staat der Schoa-Überlebenden in Stellung gebracht wird.

Ein weiteres zentrales Narrativ: die angebliche Hungersnot in Gaza. Seit Monaten berichten Aktivisten, NGOs und manche Medien von einem »massenhaften Verhungern«. Dabei beschwören sie Bilder von Tod und Vernichtung apokalyptischen Ausmaßes. So wie der UN-Staatssekretär, der wider besseres Wissen behauptete, dass in Gaza innerhalb der nächsten 48 Stunden bis zu 14.000 Babys sterben würden, wenn die Hilfslieferungen sie nicht rechtzeitig erreichten. Eine eiskalte Lüge, wie er später selbst zugab.

Tatsächlich ist die Situation ernst und die Versorgungslage schwierig. Was vor allem daran liegt, dass die Hamas ständig Hilfslieferungen abgezweigt hat, um sich zu refinanzieren und inzwischen alles daran setzt, die unabhängige Versorgung der palästinensischen Zivilbevölkerung durch Amerika und Israel nach Kräften zu torpedieren.

Inzwischen hat die Initiative für Ernährungssicherheit zwar für Teile Nordgazas eine Hungersnot ausgerufen. Allerdings beruht diese erstens auf zweifelhaften Erhebungsmethoden. Zweitens in weiten Teilen auf Informationen von Hamas-Kollaborateuren oder der Hamas selbst. Und drittens wurde die Schwelle für das Vorliegen einer Hungersnot im Falle Gazas erheblich abgesenkt. Das heißt, dass die behauptete Hungersnot, die in Teilen Nordgazas  ausgerufen wurde, in anderen Teilen der Welt noch gar nicht als Hungersnot gelten würde.

Politische Stimmungsmache, Manipulation und Doppelstandards bestimmen auch hier das Bild, das Israel als Verursacher einer brutalen Hungerkatastrophe mit massenhaft Hungertoten zeichnet. Das ist faktisch falsch, moralisch verwerflich und eine drastische Abkehr vom Verursacherprinzip.

Dennoch hält sich das Bild. Weil es wirkt. Weil es Empörung auslöst. Weil es dämonisiert. Und weil es Israel ein Ausmaß an Schuld auflädt, das es niemals wird abtragen können.

Noch ungeheuerlicher ist die moderne Variante der Ritualmordlegende: die Behauptung, Israel erschieße gezielt Babys. Seine Soldaten seien also gnadenlose Sadisten. Und Kindermordende Bestien. Diese absurde und durch nichts belegte Anschuldigung wird dennoch verbreitet – auf Demonstrationen, in TikTok-Videos, in anonymen Telegram-Kanälen. Und mitunter sogar in eigentlich seriösen Nachrichtenmedien.

Sie wirkt, weil sie den moralischen Abscheu des Publikums auf maximale Weise triggert. Doch sie ist nichts anderes als ein digitaler Nachfahre jener mittelalterlichen Ritualmordlegenden. Lüge pur mit mörderischer Absicht. Und die endlosen Lügen und Dämonisierungen zeigen Wirkung: Bei der Ermordung eines Paares vor dem jüdischen Museum in Washington. Bei dem Brandanschlag auf eine Demonstration in Boulder, Colorado, die an die Geiseln in Gaza erinnerte und mehrere Verletzte und ein Todesopfer forderte.

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Oder kürzlich, als bei einem Musikfestival in England Zehntausende angepeitscht durch den Sänger Bob Vylan »Death to the IDF« skandierten. Tod den Verteidigungsstreitkräften Israels. Dabei ist es gerade diese Verteidigungsarmee, die das Überleben des Judenstaates sichert. Und deren Ende das Ende Israels bedeuten würde. Seine Vernichtung. Womit die feuchten Träume von Judenhassern überall auf der Welt endlich Wirklichkeit würden. Endlich!

Warum aber verbreiten sich diese Lügen so schnell? Warum werden die größten Absurditäten so bereitwillig geglaubt? Warum setzt das Denken aus, wenn es um Juden oder Israel geht? Weil sie einfache Botschaften vermitteln? Und weil sie Emotionen bedienen?

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Sicher. Aber das ist bei weitem nicht alles: Sie werden vor allem geglaubt, weil sie auf fruchtbaren Boden fallen. Weil sie ein kulturelles Gedächtnis anzapfen, das über Jahrhunderte mit Vorurteilen, Ablehnung und Hass gespeist wurde. Weil dadurch eine komplexe und vielschichtige Wirklichkeit in ein simples Schema von Gut und Böse mit festgelegten Rollen gepresst wird. Weil es einem hilft, sich fürsorglich auf der Seite des vermeintlich Schwachen zu positionieren und den vermeintlich Starken heldenhaft in die Schranken zu weisen. Weil es bequem ist, seine Wut und seine Empörung auf diejenigen zu lenken, die seit Jahrtausenden als Sündenbock herhalten müssen. Und weil sie eine erprobte und gut funktionierende Projektionsfläche bieten, an der man sich aus seiner moralisch erhabenen Position abarbeiten kann.

Die Lüge dient damit außerdem einem tief sitzenden Bedürfnis: Israel zu isolieren, zu dämonisieren und als Staat der Juden unmöglich zu machen. Denn wenn Israel, also das vitalste Symbol jüdischer Existenz in dieser Welt, der sichtbare Ausdruck des Bösen ist, dann ist es nur recht und billig, sich dieses Übels zu erwehren. Es zu bekämpfen. Und es wegzuschaffen, abzuschaffen, aufzulösen. Zum Wohle der Palästinenser. Zum Wohle des Nahen Ostens. Zu unser aller Wohle. Und zum Wohle der ganzen Welt.

Mit anderen Worten: Israel als kollektiver Jude steht dem Guten im Weg. Steht dem Frieden im Weg. Steht der Gerechtigkeit im Weg. Steht der Erlösung im Weg. Und deshalb muss Israel verschwinden. Muss es verschwinden. Muss er verschwinden. Der kollektive Jude.

Die Folgen bekommt am Ende aber nicht nur Israel zu spüren. Und nicht nur der Jude, wo immer er auch lebt. Sondern alle! Denn der Hass verschwindet nicht, wenn er mit den Juden fertig ist. Er sucht sich nur ein anderes Ziel. Der Antisemitismus ist ein Test für die moralische Gesundheit der Gesellschaft insgesamt. Und um die ist es derzeit nicht allzu gut bestellt.

Deshalb: Lügen kann man nicht einfach ignorieren. Wer schweigt, überlässt den Raum denen, die ihn mit Hass füllen. Wer sich zurückzieht, macht Platz für diejenigen, die die Wahrheit verzerren. Aus Unkenntnis, aus politischem Kalkül oder aus ideologischem Fanatismus. Fahrlässig oder mit voller Absicht.

George Orwell wird der Satz zugeschrieben: »In einer Zeit des universellen Betrugs ist das Aussprechen der Wahrheit ein revolutionärer Akt.« Die Zeit ist längst gekommen. Und die Wahrheit braucht Verteidiger. Kämpfer. Revolutionäre. Bevor uns die Vergangenheit ein weiteres Mal einholt.

Der Autor ist Jurist und Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

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