Einspruch

Danke, Michail Sergejewitsch!

Dmitrij Belkin würdigt das historische Vermächtnis des früheren sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow

von Dmitrij Belkin  31.08.2022 23:08 Uhr

Dmitrij Belkin Foto: Gerald Zörner, Fotostudio Gezett

Dmitrij Belkin würdigt das historische Vermächtnis des früheren sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow

von Dmitrij Belkin  31.08.2022 23:08 Uhr

Willi Tokarews Lieder tönten in den späten 1980er-Jahren aus nahezu jedem sowjetischen Fenster. Tokarew, sowjetischer Emigrant nach Amerika und ungekrönter König von Brighton Beach (NYC), sang: »Vor Kurzem las ich in ›Izwestija‹ eine Nachricht, dass in der Sowjetunion die Türen einen Spaltbreit geöffnet wurden. Bleib gesund, Michail Sergejewitsch Gorbatschow! Wir wollen das hoffen und glauben.« Das schlichte Liedchen steht für meine damalige Stimmung.

Gorbatschow, der erste (und letzte) Präsident der UdSSR, stand für unsere Hoffnung.

Der letzte Generalsekretär des ZK der KPdSU und der erste (und letzte) Präsident der UdSSR stand für unsere Hoffnung. 1989 war ich 17 und habe Geschichte an der Universität Dnepropetrowsk (heute Dnipro) studiert. Unsere Professoren hatten es schwerer als wir: Wir lasen dieselben Perestrojka-Bücher und Zeitungen, nur mussten sie sich politisch neu erfinden und litten dabei.

Und wir wollten ein neues Land, die »wahre« Geschichte und einen besiegten Totalitarismus. Wir tranken billigen Wein, trafen uns in unseren Cliquen und lasen nächtelang Bücher und Zeitschriften, die Gorbatschow mit seiner Glasnost zugelassen hat. Die Sowjetunion ging 1991 zu Ende, das wollte er – Sohn eines russischen Vaters und einer ukrainischen Mutter sowie Ehemann einer Ukrainerin, die er zart liebte – nicht.

Wunder Epochenwechsel. 2010, Frankfurt am Main: Ich bin seit 16 Jahren in Deutschland. Es fühlt sich für mich bis heute wie ein Wunder an: Gorbatschow schreibt ein Grußwort für unseren Ausstellungskatalog »Ausgerechnet Deutschland«. Er bedauert, dass viele Juden die ehemalige Sowjetunion verlassen haben, doch er sagt, dass die Bewegungsfreiheit sehr direkt mit den demokratischen Änderungen im Land zu tun hatte.
Er ist ein Mensch geblieben. Wir lebten in seiner Epoche. Er hat uns in den 1990ern eine Auswanderung ermöglicht. Noch mehr: Er hat es mitbestimmt, dass aus der Bundesrepublik und der DDR ein Deutschland wurde. Danke, Michail Sergejewitsch!

Der Autor ist Historiker und Leiter des Dialogprojekts »Schalom Aleikum«.

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