Günter Jek

Bürgergeld: Neuer Name, wenig Neues

Günter Jek Foto: Gregor Zielke

Günter Jek

Bürgergeld: Neuer Name, wenig Neues

Deutschland braucht für seine innere Stabilität neben einer militärischen auch eine soziale Sicherheitspolitik, die die Fehler der Vergangenheit nicht verlängert

von Günter Jek  01.12.2022 09:46 Uhr

Für den Kanzler ist es die Umsetzung einer großen Reform, der Minister für Arbeit und Soziales sieht im Bürgergeld Respekt und die Anerkennung einer Lebensleistung umgesetzt, und für den Finanzminister hat sich die Lebenssituation von Menschen in der Grundsicherung verbessert.

Große Zufriedenheit in der Regierungskoalition, kaum getrübt durch Verschärfungen, die von der CDU im Vermittlungsausschuss beigesteuert wurden. Für die Leistungsbeziehenden, darunter rund 70.000 von Altersarmut betroffene jüdische Zuwanderer, ändert sich durch den Namenswechsel der Grundsicherung nicht viel. Die Steigerung um 53 Euro reicht nicht zum Abfedern der jüngsten Preissteigerungen aus. Von einer Erhöhung kann also keine Rede sein.

abstieg Die höheren Werte beim Schonvermögen und die Karenzzeit bei der Angemessenheit des Wohnraums verlangsamen zwar den Abstieg bei Eintritt von Erwerbslosigkeit, diejenigen, die bereits arm und ohne Rücklagen sind, bleiben trotz Bürgergeld weiterhin arm.

Der im Wahlkampf von SPD und Grünen angekündigte Paradigmenwechsel, mit dem die beiden Parteien das von ihnen geschaffene Hartz-IV-System überwinden wollten, fehlte bereits im Regierungsentwurf zum Bürgergeld. Dieses beruht, wie zuvor die Grundsicherung, auf den gleichen, von den Sozialverbänden seit Jahren kritisierten Berechnungsgrundlagen der Regelsätze, die nicht zur Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben ausreichen.

Stark scheint der Wille zu Veränderung und sozialem Ausgleich nicht gewesen zu sein.

Stark scheint der Wille zu Veränderung und sozialem Ausgleich nicht gewesen zu sein, schrieb doch Minister Heil auf eine Anfrage der ARD zu den Regelsätzen im September: »Der Gesetzgeber hat diejenigen Verbrauchsausgaben berücksichtigt, die er für die Gewährleistung des soziokulturellen Existenzminimums für unbedingt erforderlich hält.« Aus Sicht des Ministers reichen Grundsicherung plus 53 Euro also aus.

Bei aller Notwendigkeit einer stärkeren Fokussierung auf militärische Sicherheitspolitik, die aus den Fehlern der Vergangenheit lernt, braucht Deutschland für innere Stabilität auch eine soziale Sicherheitspolitik, die die Fehler der Vergangenheit nicht verlängert. Das Bürgergeld, so wie es jetzt gestaltet ist, ist bei Weitem keine Zeitenwende.

Der Autor ist Leiter des Berliner Büros der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST).

Meinung

Orden für den Botschafter: Wie Leo XIV. Irans Regime aufwertet

Mit seinem Orden für den iranischen Botschafter beim Heiligen Stuhl verpasst der Papst den Menschen im Iran symbolisch einen Tritt in die Magengrube

von Michael Thaidigsmann  13.05.2026

Meinung

Was Sachsen-Anhalt im Herbst droht

Nach den aktuellen Umfragen ist eine Alleinregierung für die AfD zum Greifen nah. Was das allein für die Erinnerungspolitik bedeuten würde, konnte man zuletzt an der Reaktion der Landespartei auf den 8. Mai beobachten

von Mascha Malburg  13.05.2026

Kommentar

Warum Dieter Nuhr den Leo-Baeck-Preis gerade jetzt verdient hat

Dass der Zentralrat der Juden den Kabarettisten ehrt, sendet ein wichtiges Signal weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus

von Ahmad Mansour  13.05.2026

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Essay

Warum ich Zionist bin

Heute ist Zionismus für viele ein Schimpfwort und gleichbedeutend mit Rassismus. Da muss eine Verwechslung vorliegen. Antizionismus ist Rassismus. Der Zionismus ist die selbstverständlichste Antwort auf zweitausend Jahre Verfolgung, Vertreibung und Völkermord

von Mathias Döpfner  12.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Kommentar

Wenn »schwarz auf weiß« nicht mehr genügt

Eine funktionierende Demokratie braucht freie Medien – aber vor allem glaubwürdige

von Roman Haller  10.05.2026

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Essay

Wenn meine Töchter mich fragen

Am 8. Mai 1945 wurde der NS-Staat besiegt, aber nicht das Denken, das ihn ermöglicht hat. Der Hass wächst heute wieder. Werde ich meinen Kindern einmal sagen können, dass ich nicht geschwiegen, sondern widersprochen habe?

von Andreas Albrecht  08.05.2026