Kommentar

Bis zuletzt wollte Mustafa A. aus Lahav Shapira einen Täter machen

Nils Kottmann Foto: Marco Limberg

Fast während des gesamten zweiten Prozesstages hat Mustafa A. geschwiegen. Erst nach dem Schlussplädoyer seines Verteidigers Ehssan Khazaeli richtet der Angeklagte sich persönlich an Lahav Shapira, den er im Februar 2024 vor einer Bar in Berlin brutal zusammengeschlagen hatte: »Mir tut diese Tat wirklich sehr leid«, sagt er dem Mann, dessen Gesicht wohl lebenslang Spuren dieses Angriffs tragen wird.

Doch Mustafa A. lächelt nicht nur, während er sich entschuldigte, er zerstörte mit dem letzten Satz auch noch den letzten Rest Glaubwürdigkeit: »Es tut mir leid, dass dieser Fall instrumentalisiert wird, um jüdischen Bürgern Angst einzuflößen, das war nie mein Ziel.«

Ein unverfrorener Satz. Denn Shapira ist nur deshalb als Nebenkläger aufgetreten, weil Mustafa A. nicht zugeben wollte, dass er den jüdischen Studenten aus antisemitischen Beweggründen krankenhausreif geschlagen hat. Sonst hätte Shapira einem Täter-Opfer-Ausgleich zugestimmt, und Mustafa A. wäre mutmaßlich mit einer milderen Strafe davongekommen.

Doch selbst in seiner Entschuldigung zeigte Mustafa A. keine Reue, im Gegenteil: Sein Vorwurf, der Fall würde instrumentalisiert, um Juden Angst einzuflößen, ist eine subtile Spitze gegen Lahav Shapira. Bis zum letzten Moment hat der Angeklagte versucht, aus seinem Opfer einen Täter zu machen.

Das wird nicht nur anhand der Entschuldigung deutlich, die eigentlich keine ist, sondern auch an der Verhandlungsstrategie seines Verteidigers Ehssan Khazaeli: Die bestand im Wesentlichen darin, nicht nur die Beweiskraft sämtlicher Indizien anzuzweifeln, sondern Lahav Shapira als vulgären Provokateur darzustellen. Ein Student, der sich mit Kommilitonen bei Uni-Besetzungen körperlich anlegt und sie in WhatsApp-Gruppen auch mal als »kleine pubertäre Wichser« bezeichnet.

Seinen Mandanten hingegen stellte er als eigentlich gesitteten Mann dar, der Lahav Shapira nur wegen dessen rüder Umgangsformen, aus einem Affekt heraus, Nase, Augenhöhle und Wangenknochen gebrochen habe.

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Dabei zeigen die im Prozess vorgeführten Gruppenchats klar, wie Lahav Shapira nach und nach von seinen Kommilitonen zur Zielscheibe gemacht wurde. »Manchmal helfen nur Schläge«, schrieb einer davon über Shapira, als dieser schon wieder antisemitische Hetze aus der Gruppe der Lehramtsstudenten gelöscht und deren Verbreiter hinausgeworfen hatte.

Auch die Privatnachrichten zwischen Mustafa A. und Lahav Shapira zeigen, dass das Opfer kein Extremist war. Als Mustafa A. seinen Kommilitonen fragte, warum er Mitglieder aus dem Gruppenchat geworfen habe, sagte Shapira, dass er kein Problem mit der Parole »Free Palestine« habe, oder mit Demos, »wenn es um unschuldige Zivilisten geht, die zerbombt werden«. Er habe aber ein Problem damit, wenn Leute Falschnachrichten und Hetze verbreiten würden. Mustafa A. entgegnete darauf, dass ihn Shapiras Ton stören wurde – nur um das Gespräch dann selbst mit einer Drohung, die Dinge »vielleicht privat« zu klären, zu beenden.

Der Fall Lahav Shapira wurde also nicht »instrumentalisiert, um jüdischen Bürgern Angst einzuflößen«. Er zeigt klar, dass Juden auch dann nicht davor gefeit sind, fast zu Tode geprügelt zu werden, wenn sie sich differenziert zum Nahostkonflikt äußern.

kottmann@juedische-allgemeine.de

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