Sandra Kreisler

99 Luftballons und eine Pandemie

Sandra Kreisler Foto: Simone Hofmann

Wenn man mich fragt, ob Künstler auf Bühnen ihre politische Meinung sagen sollen, bin ich versucht, mit »Nur, wenn es die richtige ist!« zu antworten. Aber – logisch – das ist natürlich Humbug. Und: Wo bleibt die Kunst dann? Genau dort! Kunst entsteht, wenn es halbwegs sinnvolle Kunst sein soll, aus dem Aufschrei, aus einer Verneinung. Und warum sollte nur bei Kabarettisten erlaubt sein, dass sie ihre Meinung – oft nicht viel weniger blöde als kürzlich Nenas – unter die Leute bringen?

Ich möchte auch für mich verlangen können, dass ich das sage, was mir auf den Nägeln brennt, in meinen Liedern, in meinen Büchern, wenn ich auf eine Bühne gebeten werde. Ich glaube nicht, dass Kunst im unpolitischen Raum entstehen kann, entstehen sollte. Wenn sie es tut, verfällt für mich fast immer der Kunstanspruch.

geistesfunzeln Zugleich bin ich natürlich auch empört und genervt, wenn Geistesfunzeln wie Nena, Roger Waters, Brian Eno und einige andere den gemeinsten, unsinnigsten Schwachsinn von sich geben. Und ich bin verletzt, wenn deren Fans ihnen dann trotzdem zujubeln.

Ich glaube nicht, dass Kunst im unpolitischen Raum entstehen kann, entstehen sollte. Wenn sie es tut, verfällt für mich fast immer der Kunstanspruch.

Aber man hat hierzulande ohnehin die Neigung, prominente Persönlichkeiten ungeachtet ihrer politologischen oder historischen Wissensbasis im Feuilleton wegen ihrer politischen Äußerungen zu bejubeln, wieso also gibt es bei Nena, die doch auch eine stehende Größe im deutschen Kulturleben ist, einen Aufschrei?

mainstream Nur deshalb: Weil sie nicht sagt, was man hören will. Nur deshalb gibt es diesen Aufschrei bei Grass, Walser, Butler, Chomsky, Böhm und anderen nicht. Die bleiben in der Mainstream-Meinung. Hätte Nena nicht über Masken und so gelabert, sondern Israel verdammt, wäre es nicht durch alle Gazetten gegangen. Ich fand Nena (wie Xavier Naidoo, wie Robbie Williams, wie Sido, wie Düringer und einige weitere) schon immer intellektuell, sagen wir: vernachlässigt – aber auch die »99 Luftballons« hatten eine Art politischen Anspruch.

Und jetzt, wo sie sich entlarvt, soll sie nicht? Das ist nur verletzte Liebe zu einem hübschen Mäuschen. Aber Künstler müssen politisch sein dürfen in meinen Augen: Sie müssen. Auch und sogar, wenn es eine »falsche« Meinung ist. Man wendet sich ab, und fertig.

Die Autorin ist Musikerin, Publizistin und Schauspielerin.

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

The OpenAI logo is displayed on a mobile phone screen in this photo illustration, as artificial intelligence tools continue to expand across consumer and business applications in Brussels, Belgium, on February 28, 2026. (Photo by Jonathan Raa/NurPhoto)

Meinung

KI: Wie die Welt einmal untergehen könnte

Der Kontrollverlust der Softwarefirma OpenAI über ihr neuestes Modell macht erneut die Notwendigkeit deutlich, KI-Technologie stärker zu regulieren. Dabei geht es um nicht weniger als die Zukunft der Menschheit

von Joshua Schultheis  28.07.2026

Meinung

Wir müssen darüber sprechen, was der Terror mit dem Islam zu tun hat

Die islamistische Ideologie muss endlich als solche benannt werden – auch weil Muslime zu den ersten Opfern der Terroristen gehören

von Ali Ertan Toprak  28.07.2026

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Meinung

Die Gefahr des Islamismus endlich ernst nehmen

Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD reichen Bekundungen der Trauer und Betroffenheit nicht. Es braucht konkretes gesetzgeberisches Handeln, um dem Terror zu begegnen

von Volker Beck  26.07.2026

Meinung

»Glückwunsch« zum Genozid-Vorwurf

Solange die Grüne Jugend einseitig gegen Israel gerichtete Beschlüsse fasst, kann sie kein Partner im Kampf gegen Antisemitismus sein

von Anika Schmütz  26.07.2026

Meinung

Bringt Israel die Vereinten Nationen zu Fall?

Die obsessive Fixierung der UN auf den jüdischen Staat steht im Widerspruch zu ihren ursprünglichen Werten. Diese Heuchelei wird der Staatengemeinschaft irgendwann noch zum Verhängnis werden

von Daniel Neumann  26.07.2026

Meinung

Wo ist der Geist von Sarajevo?

Auch in Deutschland rufen Vertreter der bosnischen Diaspora zunehmend nach harten Sanktionen gegen Israel und scheuen den Dialog mit den jüdischen Gemeinden hier. Das war schon einmal anders

von Marc Simon  24.07.2026

Meinung

Notbremse gegen Antisemitismus

Die Hochschulleitungen müssen den Judenhass ihrer Mitarbeiter und Studierenden als das ernst nehmen, was er ist: eine Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland

von Debora Eller  22.07.2026