Stadtführer

Zwischen Tiber und Via Veneto

Eindrucksvoll: die Große Synagoge von Rom Foto: Thinkstock

Stadtführer

Zwischen Tiber und Via Veneto

Die ORF-Korrespondentin Christina Höfferer bietet in »Jüdisches Rom« Überraschungen zum Festlesen

von Alexander Kluy  12.03.2018 20:02 Uhr

Christen? Sind das die, die so einen toten Zimmermann anbeten?» Eine berechtigte Frage. Vor allem, wenn sie in Rom gestellt wird. Von Neros Feldherr Marcus Vinicius. In amerikanischem Englisch. Denn der Römer sah aus wie der Hollywood-Beau Robert Taylor. Weil es Taylor war. Und er wandte sich an Lygia, die so aussah wie Deborah Kerr. Und Deborah Kerr war.

Sie waren zwei der 29 Hauptdarsteller von Quo Vadis, 1949 in Rom gedreht, in den Filmstudios Cinecittà. Alles war in diesem Film monumental, erst recht die Besetzung: 110 Sprechrollen, 250 Pferde, 63 Löwen, sieben Stiere, zwei Geparden, 30.000 Statisten. Darunter, und das erfährt man aus Christina Höfferers informativem Buch über das jüdische Rom, zahlreiche Juden – die teils in Cinecittà lebten. Denn seit 1944 hatte die Allied Control Commission die Kulissenstadt zu einem DP-Camp umgewidmet.

Cinecittà Die Unterkünfte der Schoa-Überlebenden waren Tempelbauten aus dem antiken Rom oder Boudoirs à la Louis XVI. Eine Geschichte, die die in Rom lebende ORF-Korrespondentin wie vieles andere gut recherchiert hat.

Den Band eröffnet sie mit einem historischen Abriss jüdischen Lebens am Tiber, von der Antike bis in die unmittelbare Gegenwart. Heute leben rund 13.000 Juden dort. «Das wichtigste Merkmal der römischen jüdischen Gemeinde bestand in ihrer festen Verankerung in der Stadt und in ihrer Einheitlichkeit. Dies erlaubte ihr zu Ende des 15. Jahrhunderts, Hunderte von Einwanderern aus allen Gegenden der jüdischen Welt aufzunehmen», so der in Haifa lehrende Historiker Kenneth Stow.

Den größeren zweiten Teil des Buches machen Rundgänge durch verschiedene Stadtviertel aus, inklusive nicht weniger Überraschungen. Etwa, dass Giorgio Bassani, der Roman-Chronist des jüdischen Ferrara, im Palazzo Caetani in der Via delle Botteghe Oscure lange eine Literaturzeitschrift redigierte und 1955 mit Pier Paolo Pasolini das Filmskript für, ausgerechnet, Luis Trenkers Flucht in die Dolomiten verfasste.

Fellini Dass in der Via Gregoriana die Praxis des Psychoanalytikers Ernst Bernhard war, auf dessen Couch Federico Fellini lag. Dass in Babington’s Tea Room Hermann Kesten schrieb. Dass auf dem Esquilin das Haus von Ernst Nathan steht, der von 1907 bis 1913 Bürgermeister von Rom war. Dass die Biblioteca Hertziana ein Geschenk der 1913 verstorbenen Henriette Hertz war. Oder dass im Park der Villa Doria Pamphilj 2016 ein «Garten der Gerechten» eröffnet wurde.

Höfferer hätte noch Woody Allens To Rome with Love erwähnen können. Oder den im letzten Oktober verstorbenen Giorgio Pressburger, der an der Accademia Nazionale d’Arte Drammatica Regie studiert hatte und dort später lehrte. Schön, dass sie auch Exkurse über die Razzien im Winter 1943 oder die römisch-jüdische «cucina» einflicht.

Nun hat Riccardo Calimani vor einem Jahr Storia degli Ebrei di Roma publiziert. Aber nicht jeder will 800 eng bedruckte Seiten lesen. Für den nächsten Rombesuch sollte Höfferers Jüdisches Rom bei der Hand sein. Wenn man im «Little Tripoli» in der Via Polesine sitzt oder im «Su Ghetto», kann es sein, dass man sich festliest und der Espresso kalt wird.

Christina Höfferer: «Jüdisches Rom». Mandelbaum, Wien 2018, 240 S., 19,90 €

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  05.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Auszeichnung

Marion-Samuel-Preis geht an Susanne Siegert für NS-Aufklärung

Die Augsburger Stiftung Erinnerung fördert Menschen, die sich gegen das Vergessen, Verdrängen und Relativieren der Nazi-Verbrechen wenden. Sie verleiht einen Preis, der mit viel Geld dotiert ist

von Christopher Beschnitt  05.05.2026

Potsdam

Jüdisches Filmfestival zeigt Vielfalt Israels

Vereinfachte Narrative werden hinterfragt und unterschiedliche palästinensische und israelische Realitäten in den Blick genommen

 05.05.2026

New York

Zoë Kravitz sorgt mit Spitzenkleid für Aufsehen

Die frisch Verlobte Darstellerin erscheint in einem schwarzen, transparenten Spitzenkleid aus dem Haus Saint Laurent, über das alle US-Modeblätter schreiben. Aber wo ist der Verlobte?

 05.05.2026

Berlin/New York

»Der Teufel trägt Prada 2« startet mit starkem Kinoerfolg

Rund 625.000 Besucher am Startwochenende: Die Fortsetzung der Modewelt-Satire begeistert das Kinopublikum in Deutschland und sorgt für einen der besten Filmstarts des Jahres

 05.05.2026

Wien

Glanzauftritt mit »Diamant«: Noam Bettan überzeugt bei erster ESC-Probe

Zum Auftakt der Performance erscheint Bettan gemeinsam mit einer Tänzerin aus dem Inneren des Bühnenelements, das einem Edelstein nachempfunden ist

 05.05.2026 Aktualisiert

»Imanuels Interpreten« (20)

Progressive Rock-Pioniere: Die Shulman-Brüder und ihre Band Gentle Giant

Mit einer Überdosis Kreativität betrieben die drei schottischen Juden Phil, Derek und Ray Shulman eine Formation, die herausstach

von Imanuel Marcus  04.05.2026

Kunst

Iran nimmt nicht an Biennale in Venedig teil

Die wichtige Kunstveranstaltung Biennale in der Lagunenstadt Venedig hat mit heftigen Kontroversen zu tun. Nun scheidet ein Teilnehmerland aus

 04.05.2026