Film

Zwischen Nostalgie und KI

Mehr als 40 Jahre nach dem Indiana-Jones-Erstling »Jäger des verlorenen Schatzes« immer noch als Film-Archäologe aktiv: Harrison Ford (80) Foto: picture alliance / Everett Collection

Es ist ein Film über das Vergehen der Zeit, und das in mehrfacher Hinsicht. Einerseits dreht sich Indiana Jones und das Rad des Schicksals, das fünfte Abenteuer des prügelnden und Rätsel lösenden Archäologen mit Fedora und Peitsche, um die Antikythera – einer, so heißt es im Film, von Archimedes entwickelten Apparatur, die das Reisen in der Zeit möglich machen soll.

Zugleich ist die Vergänglichkeit dem Film selbst eingeschrieben, wenn der 1942 geborene Harrison Ford über 40 Jahre nach dem Erstling Jäger des verlorenen Schatzes und 15 Jahre nach dem letzten Film Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels durch die filmischen Stationen hetzt. Der Schauspieler mit jüdischen Wurzeln ist agil, keine Frage, aber in seinem Gang und den langsameren Bewegungen stecken seine 80 Lebensjahre.

Rasante Action, Nazis und ein Schatz: Der fünfte »Indiana Jones« erfindet das Rad nicht neu.

Auch hinter der Kamera ist viel passiert. 2013 hat Disney Lucasfilm, die Produktionsfirma von George Lucas, die bisher alle Indiana-Jones-Filme produziert hat, übernommen. Nachdem das Team Lucas und Steven Spielberg den Helden zur popkulturellen Marke gemacht hatten, verließ der Regisseur das neue Projekt kurz vor Drehbeginn. Er wolle, so begründete Spielberg seine Entscheidung, Platz für eine neue Generation machen.

ERBE Mit James Mangold, Sohn eines jüdischen Künstler-Paars, tritt nun ein Regisseur das Erbe an, der sich mit Filmen wie der Johnny-Cash-Biografie Walk the Line oder dem X-Men-Spin-off Logan – The Wolverine einen Namen gemacht hat.

Die Fußstapfen eines Spielberg sind natürlich groß. Harrison Ford sagte im Interview mit dem SZ-Magazin, dass Spielbergs Handschrift überall im Film stecke, der auch eine Hommage an den Regisseur sei. »Aber ›Indiana Jones und das Rad des Schicksals‹ hat auch seine eigene Persönlichkeit, und es ist die Persönlichkeit von James Mangold. Es ist sein Film«, so Ford.

So viel gleich vorweg: Indiana Jones und das Rad des Schicksals bringt trotz produktionsseitiger Neuerungen alles mit, was die Spielberg-Filme ausmachte: rasante Action, Nazis, einen wirkungsmächtigen Schatz, muffige Tempelanlagen mit kriechendem Ungeziefer und die Signature-Oneliner des Helden. Die Marke Indiana Jones hält größtenteils an Altbekanntem fest.

Der Film setzt – apropos Vergänglichkeit – im Jahr 1945 ein mit einem per Künstlicher Intelligenz verjüngten Harrison Ford, eine Technik, wie man sie aus Martin Scorseses The Irishman kennt. So erstaunlich es ist, was die KI heute zu leisten vermag: Die seltsam leuchtenden Augen und die etwas knetigen Backen verraten den digitalen Fake, was dem rasanten Auftakt dennoch keinen Abbruch tut.

Indiana Jones wird auf einem Nazi-Schloss voller geraubtem Kunstgut gefangen genommen und findet sich nach einer Flucht inklusive Begegnung mit einer Fliegerbombe auf einem Nazi-Zug wieder. Dort wird sein Freund und Helfer Basil Shaw (Toby Jones) von Nazi-Wissenschaftler Jürgen Völler (Mads Mikkelsen) gefangen gehalten. Letzterer ist im Besitz einer der beiden Hälften der eingangs erwähnten Antikythera – kein geeignetes Spielzeug für einen Obernazi wie Völler mit seiner geschichtsrevisionistischen Hybris.

MONDLANDUNG Nach dieser Exposition springt der Film ins Jahr 1969. Indiana Jones schlurft als älterer Herr durch die Wohnung, beschwert sich beim Hippie-Nachbarn wegen zu lauter Musik und kippt sich Whiskey in den Kaffee. Vor dem Hintergrundrauschen der erfolgreichen Mondlandung und der Antikriegsproteste holt den mürrischen, kurz vor der Pension stehenden Archäologen die Vergangenheit in Person von Basil Shaws Tochter Helena ein, cool von Fleabag-Schöpferin und -Darstellerin Phoebe Waller-Bridge gespielt. Sie sucht die Antikythera, ebenso Jürgen Völler und seine Schergen.

Die seltsam leuchtenden Augen von Harrison Ford verraten den digitalen Fake.

Damit beginnt eine Jagd um den Globus, von New York über Tanger, in dessen engen Gassen es zu einer irren Verfolgungsjagd mit der Autorikscha kommt, von Griechenland über einen Tauchgang mit Riesenaalen – dem Wasser-Äquivalent zu Indiana Jonesʼ Panik vor Schlangen – nach Sizilien. Nazi-Jürgen ist dem Helden und seiner verbal schlagfertigen Sparringspartnerin Helena dicht auf den Fersen, schließlich geht es auch hier darum, dass mächtige Gerätschaften nicht in die falschen Hände geraten dürfen. Begegnungen mit alten Bekannten aus dem Indiana-Jones-Universum sind inbegriffen.

schauwerte Knapp 300 Millionen soll Mangolds Film gekostet haben, was bei den auch mit CGI angereicherten Schauwerten nicht weiter verwundert. Die Zeiten der analogen Action, deren Kind die ersten drei Indiana-Jones-Filme waren, sind, bis auf wenige Ausnahmen wie der Mission Impossible-Reihe, vorbei.

Es ist eine seltsame Ambivalenz, die diesem Film innewohnt. Denn einerseits hatten die ersten drei Abenteuer durch das Analoge mehr Herz. Andererseits wünschte man diesem fünften Teil, trotz der Freude darüber, Ford noch einmal in seiner Paraderolle zu sehen, und der tollen Phoebe Waller-Bridge, dass er weniger gestrig daherkäme. Am Ende des Films geht es auch darum, dass man nicht in der falschen Zeit verharren darf. Dieses Credo erfüllt Mangolds unterhaltsam-überdrehter Film selbst nur bedingt, er tippelt auf der Grenze zwischen angestaubter Nostalgie und behäbigen Aktualisierungsversuchen.

Der Film läuft ab dem 29. Juni im Kino.

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