Soziologie

Zwischen den Stühlen

Jüdischer Vater, jüdischer Sohn? Teilnehmer der Tagung beim Kiddusch Foto: Igal Avidan

Anders als der Jude im alten Witz besucht der Psychologieprofessor Lars Dencik tatsächlich zwei Synagogen in zwei Hauptstädten. In Kopenhagen erlebt er, wie die jüdische Gemeinde immer kleiner wird und die Zahl der Mitglieder Jahr für Jahr sinkt. In Stockholm wiederum bewundert er das Aufblühen des jüdischen Lebens. »Die Energie dieser neuen jüdischen Gruppen fließt in die Gemeinde, denn sie sind dort aktiver als die alten Mitglieder.« Die dänischen Juden akzeptieren nur halachische Juden als Mitglieder. Die schwedische Einheitsgemeinde hingegen nimmt jeden als Mitglied auf, der einen jüdischen Elternteil hat und sich jüdisch fühlt.

Viele der rund 50 Teilnehmer der ersten Tagung zum Thema »Gemischte Familien und patrilineare Juden« fanden Trost in Denciks Bericht, ebenso wie in den Worten der Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim im Eröffnungsvortrag: »Die Zukunft gehört den gemischten Familien«. Denn viele fühlen sich zwischen den Stühlen: Für ihre nichtjüdische Umwelt sind sie Juden, für die jüdische Gemeinde jedoch nicht.

Abgelehnt Jedes zweite Neugeborene mit mindestens einem jüdischen Elternteil in Deutschland habe nur einen jüdischen Vater, sagt die Münchner Soziologin Ruth Zeifert, die für ihre Dissertation die Identität von »Vaterjuden« in Deutschland erforscht. »Manche von ihnen suchten als Kinder und Jugendliche den Zugang zur Gemeinde, wurden abgelehnt, und dann fragen sie nicht mehr.«

Eine solche Erfahrung hat Sarah Wohl gemacht. Als Achtjährige fuhr sie mit ihrer Schwester Leah jede Woche mit der Tram 15 Kilometer in die benachbarte Gemeinde in Darmstadt, um Hebräisch zu lernen. Im Gemeindezentrum feierte sie die jüdischen Feste und fühlte sich als Teil der Gemeinschaft. Als sie dann am Sommercamp der ZWST nicht teilnehmen durfte, von dem ihr Vater immer wieder erzählte, der dort einst Gruppenleiter war, »beendete ich meine Karriere in der jüdischen Gemeinde«.

Identität Erst durch ihr Studium der Weltreligionen und die Befragung durch Zeifert gründete sie zusammen mit Leah ein Internetforum und 2009 in Frankfurt und Berlin die Gruppe »Doppelhalb«, wo sich überwiegend Frauen mit einem jüdischen Vater regelmäßig austauschen. Zusammen mit Schweizer Gleichgesinnten organisierten sie auch die Tagung in Zürich mit, an der Wissenschaftler aus Europa und den USA teilnahmen.

Die zentrale Botschaft der Forscher, die die gemischten Familien untersuchen, war, dass deren jüdische Identität viel ausgeprägter ist als die christliche. »Es ist für diese Paare wichtig, die jüdische Tradition lebendig zu halten und weiterzuführen«, sagt die Judaistin Brigitta Scherhans. »Sie fühlen sich aufgrund der Schoa dafür verantwortlich, das Judentum in Deutschland fortzusetzen.« So begehen die meisten von ihnen die jüdischen Feiertage. Einen religiösen Übertritt will kaum einer der »Vaterjuden«, auch weil sie sich bereits als Juden empfinden.

Demografie Auch wenn inzwischen etwa jeder zweite Jude in Deutschland in einer gemischten Familie lebt, nehmen sogar die liberalen Gemeinden »Vaterjuden« nur als assoziierte Mitglieder auf. Die Vorsitzende der Union Progressiver Juden, Sonja Guentner, findet die Idee, diese als volle Mitglieder aufzunehmen, »persönlich sehr sympathisch«. Doch der Zusammenhalt der liberalen Bewegung ist ihr wichtiger – und die Finanzierung der 23 Gemeinden durch die Bundesländer, bei der die halachische Definition von Juden zugrunde gelegt wird.

Die »Vaterjuden« sind noch keine politische Kraft, aber sie haben die Demografie auf ihrer Seite. Seit fünf Jahren schrumpfen die Gemeinden in Deutschland jährlich um 1000 Mitglieder, im letzten Jahr sogar um 1200. Die Sterberate ist sechsmal höher als die Geburtenrate, die Zahl der Einwanderer (177) und Konvertiten (79) marginal. Langfristig wird man sich entscheiden müssen – zwischen dem dänischen und dem schwedischen Modell.

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