»Der falsche Gruß«

Zwei unsympathische Helden

Der Schriftsteller Maxim Biller (61) Foto: picture alliance/dpa

Die Versuchung liegt nahe, den neuen Roman von Maxim Biller – nach Form und Inhalt eigentlich eine klassische Novelle – quasi als Begleitstück zur Feuilleton-Kontroverse zwischen Biller und Max Czollek zu lesen, in der es letztlich auch um die Frage geht, ob es sich gehört, wenn jemand, der Juden zu seinen Vorfahren zählt, ohne halachisch jüdisch zu sein, öffentlich im Namen des Judentums spricht.

PRODUKTIONSVORLAUF Doch hat ein literarisches Werk natürlich einen ganz anderen, um es in der Film-und Fernsehsprache auszudrücken, Produktionsvorlauf als ein »Zeit«-Artikel. Und so lag das Manuskript von Billers neuem Buch selbstverständlich schon lange vor, bevor zwischen ihm und Czollek auf der Terrasse der Akademie der Künste jenes Gespräch stattfand über die Frage, wer Jude sei, das dann zum Auslöser des öffentlich ausgetragenen Streits zwischen den beiden Intellektuellen wurde.

Zudem ist der Schriftsteller Biller seit jeher wesentlich differenzierter und doppelbödiger als der Kolumnist Biller, lässt sich jener nicht auf die Meinungen und Absichten dieses reduzieren. (Ähnlich verhält es sich auch bei einigen anderen kommentarfreudigen Literaten, man denke etwa an Sibylle Berg.)

ICH-ERZÄHLER Der Ich-Erzähler in Der falsche Gruß ist ein in Leipzig geborener Schriftsteller namens Erck Dessauer, der im Berlin-Mitte der Jahrtausendwende reüssieren will, sich aber in seiner universitären und literarischen Karriere von dem jüdischen Über-Intellektuellen Hans Ulrich Barsilay behindert sieht. Wobei diese Behinderung mehr in Dessauers Kopf stattfindet, als dass Barsilay tatsächlich konkrete karriereschädigende Schritte unternähme, woran dieser auch gar kein erkennbares Interesse hat.

Dessauer indes wähnt den Diskurs über deutsche Gegenwart und Vergangenheit von jüdischen Intellektuellen dominiert, und er unterstellt Barsilay – dem er sich überdies sexuell unterlegen fühlt –, sein Buchprojekt über den jüdischen Sowjetfunktionär Naftali Frenkel, den Optimierer des stalinistischen Gulag-Systems, verhindern zu wollen.

Früher war Dessauer links, heute will er mit seinem Frenkel-Buch eine Bestätigung der Thesen Ernst Noltes liefern. Doch Barsilay unternimmt nichts dergleichen; Dessauers Frenkel-Biografie erscheint im »besten Verlag der Republik«, der an den Suhrkamp-Verlag gemahnt, unter großem öffentlichen Applaus.

Der titelgebende »falsche Gruß« erfolgt schließlich in einem Szenerestaurant in Mitte, als Erck Dessauer, der einsam am Tresen seinen Buchvertrag begießt, den zufällig auch anwesenden Barsilay konfrontiert und dabei jene Armbewegung macht, die wie ein Hitlergruß ausgesehen haben könnte – so genau weiß der stark alkoholisierte Dessauer das selbst nicht mehr.

WEHRMACHT Bei dieser Gelegenheit beginnt er dann auch über seinen Opa Julius zu erzählen, der sich freiwillig zur Wehrmacht meldete und noch nach dem Krieg Nazi-Zeitschriften las, obwohl er angeblich selbst »kein richtiger Arier« war. Er, Dessauer, soll das wohl heißen, sei also gar kein typischer Deutscher, irgendwie auch ein bisschen jüdisch, und verdiene es nicht, von Barsilay als Feind betrachtet zu werden. Auch diesmal bleibt der befürchtete Shitstorm aus, stattdessen beendet Dessauer Barsilays Karriere, das eingebildete Opfer ist zum Täter geworden.

Und doch ist Barsilay keine Lichtgestalt, und Dessauer hat nicht immer nur unrecht. Sympathisch sind beide nicht. Beim Schriftsteller Biller ist nicht alles schwarz-weiß.

Maxim Biller: »Der falsche Gruß«. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 128 S., 20 €

Berlin

Dieter Nuhr erhält Leo-Baeck-Preis 2026 des Zentralrats der Juden

Mit der höchsten Auszeichnung des Zentralrats würdigt die Organisation insbesondere Nuhrs Engagement gegen Antisemitismus in der deutschen Medienlandschaft

 11.05.2026

Monacensia

Münchner Schau zum Archiv von Rachel Salamander

Dem Jüdischen wieder Präsenz geben in der Gesellschaft: Das war das Ziel, das die Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander mit ihrer Buchhandlung erreichen wollte. Nun wird ihr Archiv nach und nach erschlossen

von Barbara Just  11.05.2026

TV-Tipp

Vieldiskutierter Blockbuster »Barbie« bei RTL - Komödie um die legendäre Puppe und eine irrwitzige Identitätskrise

Greta Gerwigs Erfolgsfilm um die berühmte Puppe Barbie, deren sorgenfreies Leben durch dunkle Gedanken gestört wird, so dass sie sich mit ihrem Verehrer Ken in die Welt der Menschen aufmacht, um die Krise zu überwinden

von Michael Kienzl  11.05.2026

ESC-Kolumne

Israel beim ESC: Gesungene Geschichte

Viermal hat Israel den Europäischen Gesangswettbewerb gewonnen. Wie sieht es wohl diesmal aus?

von Martin Krauss  11.05.2026

Wien

Israels ESC-Fans: Sind keine Repräsentanten für Politik des Landes

Sie sind stolz, Israels Interpreten anzufeuern und die Landesflagge zu schwingen. Eines wollen die Fans aus Nahost beim ESC aber nicht sein: politische Vertreter

 10.05.2026

Italien

Überschattet von Skandalen: Venediger Kunstbiennale beginnt

Die Jury tritt zurück, die große Feier fällt aus und ein israelischer Künstler sieht sich »völlig isoliert« – die 61. Kunstbiennale in Venedig war schon vor Beginn beschädigt. Nun hat sie ihre Tore offiziell geöffnet

 10.05.2026

Eurovision

Noam Bettan probt mit Buhrufen

Mehrere Länder boykottieren den Eurovision Song Contest 2026 wegen der Teilnahme Israels. Wie geht der Kandidat des Landes damit um, dass er in Wien zudem mit Störaktionen und Buhrufen rechnen muss?

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Aufgegabelt

Geburtstagskuchen

Rezepte und Leckeres

 10.05.2026