KIno

»Zurück ins Leben«

Nina Hoss als Nelly Foto: piffl-Medien

KIno

»Zurück ins Leben«

Nina Hoss über ihre Rolle in Christian Petzolds Film »Phoenix«, Äußerlichkeiten und mentale Stärke

von Fabian Wolff  23.09.2014 12:19 Uhr

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Frau Hoss, »Phoenix« ist Ihre sechste Zusammenarbeit mit dem Regisseur Christian Petzold. Sie spielen eine KZ-Überlebende, die mit neuem Gesicht wieder nach Deutschland kommt. Wie hat Ihnen Petzold den Film vorgestellt?
Es fing ja an mit einer Novelle – »Phönix aus der Asche«. Es ging um eine Verwandlung, um ein Aufblühen aus dem Nichts. Aus der Asche, was ja gerade für die damalige Zeit ein starkes Bild ist. Nelly, meine Figur, will sich dem entgegensetzen, und aus der Zerstörung und Vernichtung wieder in ihr Leben hinein. Das ist erst einmal kraftvoll, egal mit welcher Geschichte dahinter.

Nelly trifft im zerstörten Berlin ihren Ex-Mann Johnny wieder. Der erkennt sie nach einer Gesichts-OP nicht mehr und will sie benutzen, um an das Erbe seiner vermeintlich toten Frau zu kommen.
Hier prallen zwei Erfahrungswelten aufeinander – gerade in dieser Zeit. Der Film untersucht, was da passiert. Es war ein Wagnis, aber auch ein wichtiges Wagnis.

Über lange Strecken ist Ihr Gesicht bandagiert oder geschwollen. Welche Herausforderung war das beim Spielen?
Ich hab das eher als Hilfe angesehen. Ich musste vieles nicht spielen, weil Nelly so versehrt und wund aussieht. Diese innere Versehrtheit spiegelt sich im Äußeren. Das war mir wichtig, die Maske hat mir da sehr geholfen. Und selbst wenn das Gesicht dann vermeintlich verheilt ist, haben die Zuschauer den Weg miterlebt. Es ist offensichtlich, dass das Innere nicht Schritt halten kann. Dieser Eindruck vom absoluten Ausgelöscht-Sein, der bleibt.

An einer Stelle sagt Ihre Figur: »Wie sehe ich denn jetzt aus«, und meint damit nicht nur Ihr Gesicht.
Man merkt, dass es nicht das Äußere ist, von dem sie spricht. Sie weiß nicht mehr, wer sie ist. Sie kann sich nicht mehr empfinden. Sie hat sich verloren. Das ist der Beginn, aus dem sich dann der Rest ergibt. Sie lässt viel mit sich geschehen, weil sie keinen Kern hat.

Nelly war vor dem Krieg eine Sängerin, ihr Mann Johnny Pianist. Welche Vorstellung hatten Sie von diesem Leben »davor«?
Da haben wir uns gemeinsam Gedanken gemacht, Ronnie (Anm.d.Red. Hauptdarsteller Ronald Zehrfeld) und ich. Wir wollten wissen, was eigentlich verloren wurde. Unsere Vorstellung war die, dass beide sich im Rundfunk getroffen haben. Keine leuchtenden Sterne am Cabaret-Himmel. Sie waren als Duo unterwegs, zwei Musiker voller Leichtigkeit am Beginn ihres Berufslebens. Dem wird ein Keil dazwischen getrieben.

Welche Beziehung hatten die beiden zueinander?
Na ja, sie geht ja für ihn nach Deutschland zurück. Sie will ihn finden. Das ist ein großer Schritt und Liebesbeweis. Sie ist aber auch ein bisschen naiv und sieht sich die Dinge nicht genau an. So war sie vielleicht schon vorher: Nein, etwas Schlimmes wird schon nicht passieren, das glaube ich nicht.

Inwiefern hat denn die jüdische Identität für Nelly eine Rolle gespielt? Sie sagt an einer Stelle: »Ich bin ja gar keine Jüdin«.

Sie hat das Judentum nicht gelebt. Es gibt ja viele Berichte, die man lesen kann, wie ziellos und wahllos sich das angefühlt hat. Die Vorstellung, dass man für etwas abgeholt wird, das überhaupt nichts mit einem zu tun hat, weil man anscheinend etwas im Blut hat. Die Perfidie dieser ganzen Theorie kommt da ans Licht. Sie sagt: Ich kann nicht plötzlich etwas leben, das ich gar nicht bin. Dann gebe ich ja beinahe dem Druck nach. Ich gehöre aber hierher! Ich war immer hier und möchte bleiben.

Ein Schlüsselsatz des Films kommt von Johnny, der ihr sagt: »Es wird dich niemand fragen, was passiert ist«.
Sie möchte ja davon erzählen, aber sie darf nicht sprechen, weil keiner sie fragt. Dadurch kommt sie in diesen halbverrückten Zustand: Habe ich das überhaupt erlebt? Weil das so grausam und außerhalb jeder Vorstellungskraft ist, dass du an dir selbst zweifelst und an der geistigen Gesundheit. Das ist die nächste Verurteilung, dass du nicht darüber reden konntest.

Welche Bedeutung hat Musik dabei?

Ich glaube, Primo Levi hat darüber geschrieben, dass er immer singen musste, im Lager. Oder Wladyslaw Szpilman, der mental immer die Partituren durchgegangen ist. Das hat sie am Leben gehalten, weil sie sich über diese Kultur ihres Menschseins versichern konnten. Ich habe mir immer gedacht: Sie hat gesungen, im Lager. Das trägt sie. Reflektiert hat sie nicht. Nur am Ende beginnt sie, dies zu tun. Denn da muss sie sich entscheiden: ob für das Leben und wenn ja welches. Dafür muss sie ihre Stimme finden. Und dann geht es eigentlich erst los.

Wie war denn die Arbeit mit den anderen Schauspielern? Viele Szenen des Films sind fast Kammerspiel-artig.

Ich hatte das Glück, mit so fantastischen Kollegen zu arbeiten. Da passiert unglaublich viel. Es hat uns geholfen, in dieser Druckkammer zu sein. Da kommen zwei sehr versehrte Menschen zusammen, Johnny und Nelly. Sie wollen nicht dasselbe, sondern reden permanent aneinander vorbei. Dazu braucht es diesen kleinen Raum. Für mich war das großartig. Dieser Druck, dieses Land, das Erlebte – das lastet ja auch auf Nelly. Und dann will dieser Mann auch noch, dass man etwas verkörpern soll, obwohl man nur aufgefangen werden will.

Sie spielen oft historische Rollen: »Anonyma«, Rosemarie Nitribitt, zuletzt die Hauptrolle im DDR-Drama »Barbara«, das auch von Christian Petzold gedreht wurde. Denken Sie sich da zeitlich zurück?
Ich denke darüber nach, mit welchen Prinzipien man in diesen jeweiligen Zeiten aufgewachsen ist. Ich untersuche schon immer, in welchem Zeitraum diese Menschen gelebt haben. Bei »Phoenix« hatte das viel mit einer Haltung zu tun: Über Gefühle wird nicht viel geredet, es gab keine Selbstfindung. Es wird einfach durchgestanden. Preußische Disziplin. Das steckt in den Figuren drin. Aber ich will sie trotzdem modern interpretieren, so wie ich einen Klassiker im Theater angehe: Was hat das mit uns heute zu tun? Sonst kann man es auch sein lassen.

Mit der Schauspielerin sprach Fabian Wolff.

»Phoenix« läuft ab 25. September in den Kinos.

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  04.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richer, Imanuel Marcus  04.04.2026

Michael Brenner

»Für die Nazis durfte es ›arische Juden‹ eigentlich nicht geben«

Der Historiker erforscht das Schicksal von Konvertiten in der NS-Zeit. Ein Gespräch über Menschen, die in keine Schublade passten

von Ayala Goldmann  04.04.2026

Zahl der Woche

14

Funfacts & Wissenswertes

 01.04.2026

Aufgegabelt

Mazze-Granola

Rezept der Woche

von Katrin Richter  31.03.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Neues aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter  31.03.2026