Berlinale

»Zu Recht im Giftschrank«

Herr Roehler, Ihr »Jud Süß – Film ohne Gewissen« hat diese Woche auf der Berlinale Premiere. Sie zeigen eine Art »Making-Of« von Veit Harlans Hetzfilm rund um die Person des Hauptdarstellers Ferdinand Marian. Worum geht es Ihnen dabei?
Es geht um Verführbarkeit und um Repression. Es geht um einen Schauspieler, dem die Hauptrolle in »Jud Süß« angetragen wird und der überhaupt nicht überschauen kann, was der NS-Staat damit vorhatte. Harlans Film war eines der geistigen Vehikel zur Vorbereitung des Holocaust. Das ist vielen Leuten sehr früh klar gewesen. Aber diesem nicht gerade intelligenten Ferdinand Marian nicht. Dann geht es um den Film selbst. Man sieht, was für eine Wirkung er damals tatsächlich gehabt hat. Marian hat ja eine Art »Tour« gemacht durch Galizien und andere besetzte Gebiete, wo der Film vor besoffenen Soldaten vorgeführt wurde, die dann Hasssprüche brüllten. Dadurch wurde er zum Alkoholiker – weil das einfach nicht auszuhalten war. Das hätte keiner von uns ausgehalten: Er saß da drin mit diesem Pack, die schon längst von den Mordgedanken infiziert waren, nur noch darauf warteten, loszuschlagen. Und musste sich zusammen mit denen eine Vorführung nach der anderen angucken. Das war eine richtige Gehirnwäsche. Danach war der Mann erledigt.

Was war Marian, bei Ihnen verkörpert von Tobias Moretti, für ein Typ?
Als Schauspieler brachte er alles mit: Er hatte diesen typischen Wiener Schmäh, er war der Verführer par excellence mit dunk-len Abgründen – ein Typ, wie er damals sexy war. Heute darf ja keiner mehr Abgründe haben: Til Schweiger, Matthias Schweighöfer und so weiter – Männer ohne Schatten. Aber in den 40ern war es noch chic, so eine dunkle Aura zu verströmen. Dann kam hinzu, dass er im System aufsteigen wollte. Ich habe versucht, aus dem Stoff ein Gleichnis zu machen: ein Künstler, der an seiner intellektuellen Unzulänglichkeit scheitert.

Wann haben Sie Harlans »Jud Süß« zum ersten Mal gesehen?
Erst, als ich mit dem Projekt konfrontiert war. Vorher kannte ich ihn nicht.

Und wie fanden Sie ihn?
Beim ersten Ansehen unglaublich leichtfüßig, eindringlich und gut gespielt. Man sieht ihn und hat den Eindruck, dass das eigentlich einer der wenigen wirklich guten deutschen Filme ist. Vom rassistischen Hintergrund natürlich abgesehen, würde ich ihn in die Top-Ten-Liste deutscher Filme aufnehmen – rein stilistisch, rein dramaturgisch. Wie subtil er die Message rüberbringt! Das hat ja auch Michelangelo Antonioni gelobt in der Kritik, die er seinerzeit geschrieben hatte. Heute kennt man »Jud Süß« kaum noch, weil er zensiert ist, aber ihm eilt ein unglaublicher Ruf voraus: »Giftschrank«, »Der schlimmste Propagandafilm aller Zeiten«. Er hat etwas von einem Mysterium.

Steht er zu Recht im Giftschrank?
Unbedingt. Die Leute bei uns in Deutschland haben überhaupt kein Geschichtsbewusstsein. Die wissen im Grunde gar nicht mehr, was im Nationalsozialismus passiert ist. Das ist das Gefährliche auch an dem Film: Wenn jemand nicht mal weiß, wer Joseph Goebbels war …

Wirklich? In den letzten Jahren gab es doch genug Filme über den Nationalsozialismus und die Schoa.
Ja, aber diese Filme sind letztlich immer alle Unterhaltung. Hitler oder Goebbels sind im Kino der letzten Jahre immer Knallchargen. Entweder in Komödien oder in irgendwelchen pseudohistorischen Filmen, die nicht wirklich erzählen, was da passiert ist. Ich glaube, dass mein Film eine Möglichkeit ist, den Leuten diese Geschichte nahezubringen.

Auch wenn es ein Wesenszug Ihrer Filme ist, dass sie immer ein bisschen überdrehen, nie naturalistisch sind?
Das ist in diesem Fall nicht so. Ich habe mich haargenau an die Fakten und das gut recherchierte Drehbuch von Klaus Richter gehalten.

Was sehr überrascht: Moritz Bleibtreu als Joseph Goebbels zu besetzen. Bleibtreu kennen wir nur als Komödiendarsteller.
Gerade deshalb! Der Film ist eine Tragödie. Aber man braucht da immer ein konträres Element. Weil Goebbels eine unglaublich intelligente und geschliffene Person war – in seinen Reden, in seinen gesellschaftlichen Auftritten, dass er messerscharf Anekdoten servieren konnte, mit absolut sardonischem Charme –, brauchte ich einen Schauspieler wie Moritz Bleibtreu. Gerade um das Mephistophelische herauszuarbeiten. Denn das genau war der Goebbels ja. Er war ja ein Verführer.

Ihr dritter Protagonist nach Marian und Goebbels ist Veit Harlan, dargestellt von Justus von Dohnányi. Was war das für eine Figur? Als Filmemacher, als Mensch?
Von seinem ganzen Gestus her, seinem kulturellen Hintergrund und seinen Ideen, hing Harlan einem irrationalen Romantizismus an, der sehr viel mit alldem zu tun hat, was einen großen Teil der konservativen deutschen Tradition des 19. Jahrhunderts ausgemacht hat. Wenn man tiefer darüber nachdenkt, ist eigentlich alles, was Harlan gemacht hat, genau auf die Nazi-Ideologie hin ausgerichtet gewesen. Ich glaube, dass er von seiner geistigen Anlage her mit Sicherheit ein Reaktionär war und dass er diese Blut-und-Boden-Filme so oder so gemacht hätte. Er hätte einen Film über Friedrich den Großen gemacht, er hätte einen Film über das ewige Leiden an der Liebe gemacht, an dem die Frau letztendlich verblutet, er hatte diese wagnerianische Aura. Er war ein Spätromantiker.

Gibt es etwas, das Sie schätzen an Harlan? Wo sie eine Nähe empfinden? Ihn verstehen können?
Das Problem ist, wie man damit umgeht, dass er auch ein guter Filmemacher war. Wenn man sich Produktionen wie »Kolberg« anschaut oder »Der große König«, die bekanntermaßen als Durchhaltefilme konzipiert waren und das sicher auch sind: Die sind auf gewisse Weise so gut gemacht – da muss man wirklich den Hut ziehen. Veit Harlan vermochte es, die offenbar tief verwurzelten heroischen Archetypen, Geschichten aus dem Unterbewussten, auf die Leinwand zu bringen, die von Heldenmut handeln, von Opfer – etwas ganz Archaisches –, und die dann korrumpiert werden, wenn man sie politisch ummünzt. Aber seine Leidenschaft, diese Filme zu machen, bewundere ich. Und die künstlerische Größe, mit der er das gemacht hat. Dass das System die benutzt hat, und dass die Filme von vornherein darauf angelegt waren, benutzt zu werden, und dass er das gewusst hat, ist wiederum auch klar.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

Zehlendorf

Ein Kännchen Vergangenheit

Die Künstlerin Rose Schulze gab Utensilien aus der Konditorei Dobrin an die Nachfahren zurück

von Christine Schmitt  08.07.2020

Jubiläum

»Wir reden schon immer Tachles«

Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird 70 – und feiert seinen Geburtstag in digitalen Formaten

 07.07.2020

Interview

»Ich wollte es verstehen«

Der Filmproduzent Martin Moszkowicz über seine Familiengeschichte, das Überleben seines Vaters und einen ganz besonderen Zufall

von Louis Lewitan  07.07.2020

Meinung

Schlechte Wahl

Warum es keine gute Idee ist, den Berliner U-Bahnhof »Mohrenstraße« nach Michail Iwanowitsch Glinka zu benennen

von Judith Kessler  06.07.2020

Thüringen

900 Jahre jüdisches Leben

Das Vorbereitungsgremium zum Themenjahr 2020/21 traf sich zu seiner ersten Sitzung

 06.07.2020

Porträt

Ein »Loser« ohne Scheuklappen

Beck hat die Pop-Welt nach seinen eigenen Regeln aus den Angeln gehoben. Nun wird der Musiker 50

 05.07.2020

Brian Epstein

Leben von Beatles-Manager wird verfilmt

»Midas Man« soll vom schwedischen Regisseur Jonas Akerlund inszeniert werden

 03.07.2020

Nachruf

Britisch-polnische Geigerin Ida Haendel gestorben

Sie zählte zu den bedeutendsten Violinistinnen des 20. Jahrhunderts und unterrichtete David Garrett

 02.07.2020

Weimar

Mirjam Wenzel wird Bauhaus-Gastprofessorin

Die Direktorin von Jüdischem Museum Frankfurt/Main will über aktuelle jüdische Lebensrealität in Europa sprechen

 02.07.2020