Fotografie

Zionist mit Kamera

Vor dem Radiogeschäft steht eine Menschenmenge. Die Männer sind mit leichten Hosen und Hemden bekleidet und sehen aus, als würden sie auf etwas warten. Rudi Weissenstein (1910–1992) schoss dieses Schwarz-Weiß-Foto am 1. September 1939 im damaligen Palästina.

Die Leute hingen an den Radios in den Geschäften, um die Nachrichten zu verfolgen – denn an diesem Tag marschierten Hitlers Truppen in Polen ein. Europa war zwar weit weg, dennoch änderte sich auch das Leben in Palästina – es wurde zum Exil.

Lichtbildner Es änderte sich auch das Leben von Rudi Weissenstein. Der überzeugte Zio­nist war bereits 1935 aus dem böhmischen Iglau ausgewandert. Mit im Gepäck hatte er seine Ausbildung zum Lichtbildner und Buchdrucker, die die Grundlage seines Schaffens wurde. Er wurde zu dem Fotografen, der Israels Aufbruch und Unabhängigkeit über Jahrzehnte hinweg dokumentierte. Eines seines berühmtesten Fotos dürfte jenes sein, auf dem er – als einziger Fotograf – festhielt, wie David Ben Gurion die israelische Unabhängigkeitserklärung unterschrieb.

In der Schoa hatte Weissenstein – bis auf den Vater – seine gesamte Familie verloren.

Das war 1948. In der Schoa hatte Weissenstein – bis auf den Vater – seine gesamte Familie verloren. Heute beherbergt das Weissenstein-Archiv mit etwa einer Million Aufnahmen eine der bedeutendsten Fotosammlungen Israels. Derzeit wird sie digitalisiert. Die Fotografien, die nun in einer großen Sonderausstellung in der Villa Grisebach in Berlin gezeigt werden, stammen größtenteils aus diesem Bestand.

https://www.instagram.com/p/B0Yhsz_FOTk/

KONZEPT Doch es geht in der Ausstellung nicht allein um Weissenstein. Die Kuratorin Sarah Hadda hat ein besonderes Konzept entwickelt: In der Schau sind außerdem die Fotos von Weissensteins Zeitgenossin Ellen Auerbach, die ihr als Leihgaben von der Akademie der Künste Berlin zur Verfügung gestellt wurden, sowie einige Arbeiten des französischen Künstlers Christian Boltanski zu sehen.

Boltanski bearbeitet Fotos und fordert so einen neuen Blick auf sie heraus, was das Publikum überrascht, da es mindestens zweimal hinsehen muss. Sarah Hadda sagt über dieses kuratorische Konzept: »Es sind drei Künstlerbiografien, die als Spiegel der Endlichkeit gelten. Die Ausstellung will Bilder in einen Dialog mit anderen Künstlern setzen.« Boltanski beschäftigt sich mit dem Verlust, Weissenstein träumt hingegen von einer neuen Gesellschaft.

Sumpfland Ob die Wüste, ein ödes Sumpfland, auf dem innerhalb weniger Monate eine jüdische Siedlung entstand, unbefangen spielende Kinder, Straßenszenen oder künstlerische Veranstaltungen – Rudi Weissenstein wollte die Aufbruchsstimmung in Israel dokumentieren. Seine Fotografien lassen sich »als hoffnungsvolles Tagebuch lesen«, sagt Kuratorin Hadda. Einen großen Bereich nehmen auch die Auftragsfotos ein. Für Musikliebhaber ein Augenschmaus, denn Weissenstein hielt als Fotograf des Israel Philharmonic Orchestra die berühmten Virtuosen und Dirigenten fest. Sie alle haben die Fotos signiert.

Weissensteins Fotos stehen Arbeiten von Ellen Auerbach und Christian Boltanski gegenüber.

Doch der Chronist des jüdischen Lebens fotografierte auch Touristen, Strandszenen und Soldaten, da er schlicht und ergreifend Geld verdienen musste. Mit seiner Frau Miriam Arnstein, einer früheren Tänzerin, eröffnete er 1940 einen Fotoladen, Pri-Or, mit dem die Familie ihren Lebensunterhalt verdiente. Heute wird er von seinem Enkel Ben Weissenstein weitergeführt.

Auch Weissensteins Zeitgenossin Ellen Auerbach (1906–2004) machte ein Fotostudio auf, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie wurde Fotografin in einer Zeit, in der viele jüdische Frauen zur Kamera griffen, und lebte von 1933 bis 1936 in Palästina, bevor es sie zusammen mit ihrem Mann über London in die USA zog. Für sie wurde Eretz Israel keine Heimat.

Brit Mila Auerbach entstammte einer orthodoxen Familie und ließ, so die Kuratorin, auf den Fotos ihre Zerrissenheit durchschimmern, etwa, wenn ihre Familienmitglieder bei einer Brit Mila schüchtern in die Kamera blicken oder die festgehaltenen Spaziergänger wie entrückt wirken. Auerbach bringt eine besondere Ruhe in die Bilder, zum Beispiel, wenn sie einen kleinen Jungen von hinten abbildet, der den Kamelen am Strand hinterhersieht.

https://www.instagram.com/p/B0GB1WmoCLu/

Die Werke von Christian Boltanski (geboren 1944) rufen eine ganz andere Stimmung hervor. Der Franzose, Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter, widmet sich der Schoa auf eine ganz eigene Weise. In seinem Werk geht es immer wieder um Verfälschung der Erinnerung. Hatte Weissenstein 1939 lachende und fröhliche Kinder in der Ben-Yehuda-Schule in Tel Aviv abgebildet, greift Boltanski ein Foto der Jüdischen Mädchenschule in der Berliner Auguststraße, ebenfalls von 1939, auf.

Er kaschiert die wahrscheinlich zum kollektiven Lachen aufgeforderten Mädchen mit bearbeitetem transparenten Papier, sodass das Foto zerknittert aussieht. Und durch die Gegenüberstellung mit dem Foto von Weissenstein werden die Gleichzeitigkeit und die dramatische Unterschiedlichkeit dieser Kinderschicksale offenbar.

Israel-Liebhaber Aber auch ohne diesen Hintergrund: Für Israel-Liebhaber wird es ein Genuss sein, die historischen Bilder des Landes zu sehen. Die Ruhe, die von ihnen ausgeht, passt heute kaum noch zu dem lebhaften Land. Das Konzept ist attraktiv und spricht den Besucher an. Einziger Kritikpunkt: An den Fotos fehlen die Informationen, sodass man die ausgelegte Liste zu Hilfe nehmen muss, um den Titel, das Jahr und den Namen des Fotografen zu erfahren, was auf Dauer etwas mühselig ist. Aber das ist Klagen auf hohem Niveau: Diese Ausstellung ist ein Muss – für Fotografie- wie Israelinteressierte gleichermaßen.

»Rudi Weissenstein – Exil und Fotografie. Fotografien von Rudi Weissenstein, Ellen Auerbach und Christian Boltanski«. Bis zum 21. September in der Villa Grisebach, Berlin

https://www.instagram.com/p/B0is3ynl6ac/

Paris

Berührend: Was seine Tochter dem »Asterix«-Schöpfer schreibt

Millionen kennen René Goscinny wegen »Asterix«. In »Das Klimpern der Schlüssel« schreibt ihm seine Tochter Anne als Erwachsene einen Brief. Daraus entstand ein berührendes Buch, nun auch auf Deutsch

von Sabine Glaubitz  21.07.2026

Musik

»Bombentalent und schäbiger Charakter«

150 Jahre Bayreuther Festspiele: Warum Gespräche über Richard Wagner und seinen Judenhass auch heute noch notwendig sind

von Maria Ossowski  21.07.2026

Musikgeschichte

Die Rückkehr der vergessenen Namen

Was die Nationalsozialisten aus dem Musikleben verbannten, ist bis heute oft vergessen. Ein Langzeitprojekt arbeitet daran, dass sich das ändert.

von Evelyn Sander  20.07.2026

Die DJ Sama’ Abdulhadi bei der Arbeit, 2025 in London

Hamburg

Techno-Festival lässt Hamas-Sympathisantin auflegen

Obwohl sie die Massaker vom 7. Oktober verteidigt hat, durfte DJ Sama’ Abdulhadi beim Habitat-Festival auflegen. Die Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez hatte zuvor ihre Ausladung gefordert

 20.07.2026

Debatte

Danger Dan und Igor Levit: So reagiert »Die Anstalt« in ihrer Sendung auf die Absage des ZDF

In seiner Jubiläumssendung geht das »DieAnstalt«-Team ausführlich auf den Streit ein

 19.07.2026

NRW

Minister sieht bei Danger Dan-Song Nähe zu Extremisten

Der Rapper Danger Dan darf einen neuen Song nicht in der Satiresendung »Die Anstalt« präsentieren. Nun meldet sich der NRW-Medienminister zu Wort, der auch im ZDF-Fernsehrat sitzt

 18.07.2026

Zahl der Woche

70 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 18.07.2026

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  18.07.2026 Aktualisiert

WM-Nachlese mit Marcel Reif

»Man muss Infantino zum Teufel jagen und die FIFA auflösen«

Der Moderator und Fußballexperte spricht im Interview über seine persönlichen Highlights und Enttäuschungen der WM, über surreale Argentinier und die Sinnhaftigkeit der Trinkpausen

von Michael Thaidigsmann  17.07.2026