Film

Zerbrechliche Utopie

Tanzwut und »Dekadenz«: das Eldorado Foto: Netflix

Mit der Dokufiction Eldorado: Everything the Nazis Hate gelingt den beiden Regisseuren Benjamin Cantu und Matt Lambert ein aufwühlender wie kritischer Blick auf die Verfolgungsgeschichte queerer Menschen. Weit entfernt davon zu historisieren, lässt er in den Trümmern einer zerstörten Utopie den Wunsch nach ihrer Erfüllung erstehen.

Hineingeworfen in ein spektakulär collagiertes Ornament, das sich aus Interviews, Archivfilmen, Dokumenten und inszenierten historischen Reenactments zusammensetzt, findet man sich schnell am ebenso spektakulären Ort des Geschehens wieder: dem Nachtklub »Eldorado« – einem sicheren Ort für all jene, die im unheilvollen Gemenge der späten Weimarer Republik Zuflucht vor der konservativen Revolution der erstarkenden Nazis suchen.

VORBILDER Im Stil populärer Vorbilder wie Babylon Berlin oder Dominik Grafs Kästner-Verfilmung Fabian oder Der Gang vor die Hunde bringen uns Spielszenen voll dekadenter Tanzwut und verzweifelter Liebe die Lebens- und Leidenswege bekannter und weniger bekannter Gäste des Eldorado nahe: unter ihnen der revolutionäre jüdische Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, die beiden Trans-Frauen und Liebhaberinnen Charlotte Charlaque und Toni Ebel, die bisexuelle Ménage-à-trois aus Tennislegende Gottfried von Cramm, Lisa von Dobeneck und dem jüdischen Schauspieler Manasse Herbst und der in Wien geborene Komponist Walter Arlen, der als Zeitzeuge in Interviews von seiner Teenager-Liebe Fülöp »Lumpi« Loránt und dessen Ermordung durch die Nationalsozialisten erzählt.

Im teils etwas zu dicht gewebten Teppich aus Nacherzählungen, Archivbildern und inszenierten Episoden überlappen Geschichte und Gegenwart. Ein flimmerndes Zeitbild entsteht, das den Traum von Freiheit und Selbstbestimmung seiner Protagonisten in spürbare Nähe rückt und doch an den historisch richtigen Stellen vor unseren Augen zerfallen lässt.

Denn darin liegt der Kniff der Montage: Während die einfühlsamen Einordnungen durch interviewte Historiker, Aktivistinnen und Zeitzeugen den Eindruck einer ungebrochenen Aktualität der Utopie des Eldorado vertiefen, werden wir schon früh durch die Präsenz eines weitaus widersprüchlicheren Gasts auf ihre Zerbrechlichkeit gestoßen. Im schummrigen Licht eines Separees erwartet uns das grobe Gesicht Ernst Röhms, SA-Führer, späterer NS-Reichsminister und homosexuell.

fatalismus Spätestens hier drängt sich ein historischer Fatalismus ins Bild, der von Beginn an als dramaturgische Baseline durch die Erzählung wabert. In dieser vorahnungsvollen Schwermut greift die Dokufiction über Genregrenzen hinweg. Sei es zum Film Noir oder den Berlin-Erzählungen des ebenfalls im Eldorado verkehrenden Schriftstellers Christopher Isherwood.

Sukzessive stanzen sich die Bilder nationalsozialistischer Massenaufläufe, historische Fakten über die Verfolgung von queeren Menschen und die schicksalhaften Jahreszahlen 1931, 1932, 1933, 1938 und »after 1945« als Insignien totalitärer Herrschaft in die Intimität und Freiheit ausstrahlenden Bilder von »Berlin’s queer window to the world«. Über die opulente Bilderflut legt sich der Schatten der Geschichte. Eldorado – nur ein Fiebertraum?

Aufwühlend und in der nüchternen Kenntnis, dass 1945 für Homosexuelle in Deutschland die Verfolgung durch den Paragrafen 175 nicht beendet war, lässt uns der Film zuletzt auf Bilder von Häftlingen ohne Namen blicken. Auch ihre Gesichter sind es, die Eldorado im gebrochenen Licht des einst glanzvollen Ortes wiedererstehen lässt. Ein Licht, das auch noch dann aufleuchtet, wenn Zeitzeuge Walter Arlen von der Hochzeit mit seinem Mann im Jahr 2013 schwärmt, um daraufhin seine Freude hinter der nicht überwindbaren Erinnerung an seinen »Lumpi« verschwinden zu lassen. Eine Liebe zwischen zwei jüdischen Männern oder eben Alles, was die Nazis hassen.

»Eldorado: Everything the Nazis Hate« läuft beim Streamingdienst Netflix.

Reimund Leicht

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