Literatur

Zentralrat würdigt Rolf Hochhuth

»Renommierter Dramatiker und mutiger Tabubrecher«: Rolf Hochhuth (1931–2020) Foto: imago

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat sein tiefes Bedauern über den Tod von Rolf Hochhuth ausgedrückt. Mit ihm verliere Deutschland »nicht nur einen renommierten Dramatiker, sondern auch einen mutigen Tabubrecher«, teilte der Zentralrat heute mit. Hochhuth starb am Mittwoch im Alter von 89 Jahren in Berlin, wie der Rowohlt-Verlag heute bestätigte.

Mit seinem Stück Der Stellvertreter, das seit seiner Uraufführung 1963 in Berlin weltweit Aufsehen erregte, habe Hochhuth wie kein anderer die unrühmliche Rolle des Vatikans während des Nationalsozialismus beleuchtet und damit eine überfällige Debatte in Deutschland angestoßen, erklärte der Zentralrat. Ebenso habe sich Hochhuth engagiert in gesellschaftliche Debatten über die Aufarbeitung des Nationalsozialismus eingemischt.

ELITEN Zentralratspräsident Josef Schuster nannte Hochhuth ein Vorbild für Schriftsteller, um gesellschaftliche Missstände anzuprangern und sich für die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit einzusetzen: »So unverständlich es war, dass Rolf Hochhuth zwischenzeitlich mit dem Holocaust-Leugner David Irving sympathisierte, so bleiben seine Verdienste um die Auseinandersetzung mit der Verstrickung der gesellschaftlichen und kirchlichen Eliten in die Schoa ungeschmälert.«

Geboren wurde Hochhuth am 1. April 1931 in Eschwege. Er war Verlagslektor beim Bertelsmann-Lesering, als er 1959 während eines Rom-Aufenthalts den Stellvertreter konzipierte. Sein Dramendebüt erschien 1963 bei Rowohlt. Mit der Uraufführung unter der Regie von Erwin Piscator begann in der Bundesrepublik im selben Jahr eine neue Phase des Theaters.

DISKUSSION Durch seine Erzählung Eine Liebe in Deutschland löste Hochhuth 1978 eine Diskussion um die Vergangenheit des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger als NS-Richter aus. Zu den bekanntesten Stücken des politischen Autors gehören zudem Wessis in Weimar und McKinsey kommt (2004).

Hochhuth erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Unter anderem wurden ihm der Kunstpreis der Stadt Basel (1976), der Geschwister-Scholl-Preis (1980), der Elisabeth-Langgässer-Preis (1990) und der Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache (2001) verliehen.

GÜNTER GRASS Im Jahr 2012 kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Hochhuth und seinem Schriftstellerkollegen, dem Nobelpreisträger Günter Grass. Letzterer hatte Israel in einem in der »Süddeutschen Zeitung« veröffentlichten Gedicht scharf kritisiert.

Hochhuth schrieb daraufhin eine Replik im »Münchner Merkur«, in der er Grass entgegenwarf: »Ich frage Dich, Günter Grass, hast Du je, seit unser Führer am 1. September 1939, in seiner Kriegserklärung an Polen, als der ehrlichste aller Massenmörder der Geschichte, der Welt ›die Ausrottung der jüdischen Rasse in Europa‹ vorankündigte –, hast Du seither von einem anderen Staat als dem Iran eine wörtlich fast gleich lautende Drohung gehört?«

In Anspielung auf die lange verborgene Mitgliedschaft von Grass bei der Waffen-SS schloss Hochhuth mit den Worten: »Du bist geblieben, was Du freiwillig geworden bist: Der SS-Mann, der das 60 Jahre verschwiegen hat, aber den Bundeskanzler Kohl anpöbelte, weil der Hand in Hand mit einem amerikanischen Präsidenten einen Soldaten-Friedhof besuchte, auf dem auch 40 SS-Gefallene liegen – nie gab es einen meisterhafteren Tartuffe als Dich!« ja/mth/epd

Großbritannien

Wegen Unterstützung von Palestine Action: Britischer Verlag nimmt Sally Rooneys Bücher vom Markt

Die irische Bestsellerautorin ist für ihre Unterstützung der in Großbritannien als Terrorgruppe eingestuften Organisation bekannt. Sie sei bereit, die Konsequenzen zu tragen, sagt Rooney

 16.10.2026

Wolf Biermann

»Israel ist mir näher als alle übrigen Länder dieser Welt«

Der Liedermacher wird 90 Jahre alt. Ein Gespräch über den Krieg gegen Unterdrückung, seine Eltern, den 7. Oktober und über neuen Faschismus

von Tobias Kühn  16.10.2026

Boca Raton (Florida)

Billy Joel kann derzeit weder Auto fahren noch auftreten

Der jüdische Sänger, Pianist und Komponist leidet unter einer Gehirnerkrankung

 16.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum ich keine Flugangst mehr habe

von Katrin Richter  15.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter  15.10.2026

»The Social Reckoning«

Empörungsköder

Der Whistleblower-Thriller zeigt die neue Weltordnung à la Facebook – und was Menschen nicht dagegen tun

von Sophie Albers Ben Chamo  15.10.2026

Gesellschaft

Mehr Skepsis

Wie ist es aktuell um gegenseitige Wahrnehmung von Deutschen und Israelis bestellt? An der Hebräischen Universität Jerusalem wurde nun die »Temperatur« der Beziehungen gemessen

von Ralf Balke  15.10.2026

Kolumne

Von der Kreuzigung zu Flydubai

Schon vor 2000 Jahren waren die Juden an allem schuld. Und heute sogar mit Videobeweis!

von Maria Ossowski  14.10.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 15. Oktober bis zum 22. Oktober

 14.10.2026