Psychologie

»Zeit für sich selbst nehmen«

Louis Lewitan über Stress an den Hohen Feiertagen – und wie man ihn vermeidet

von Ingo Way  02.09.2013 16:56 Uhr

»Aus der Dauerüberreizung des Alltags heraustreten«: Louis Lewitan Foto: Ruggero Gabbai

Louis Lewitan über Stress an den Hohen Feiertagen – und wie man ihn vermeidet

von Ingo Way  02.09.2013 16:56 Uhr

Herr Lewitan, warum gibt es gerade an den Hohen Feiertagen, die eigentlich der inneren Einkehr dienen sollten, so oft Stress?
Der Stress ist hausgemacht. Viele Menschen haben an den Feiertagen den Anspruch, alles perfekt zu machen, und sehnen sich nach einer idyllischen Harmonie. Diese überhöhten Erwartungen münden oftmals in Frustration und Ärger und lassen jeglichen Anflug feierlicher Stimmung schwinden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Last der langen Vorbereitung oft auf den Schultern der Frau liegen bleibt. Sie ist oftmals alleine dafür verantwortlich, dass die Einkäufe zeitig getätigt werden, dass der Tisch feierlich gedeckt wird und dass der Gefilte Fisch nicht zu süß, aber auch nicht zu scharf schmecken soll. Es wäre ein Zeichen von Respekt und Wertschätzung, wenn die Männer die Frauen entlasten und mehr Verantwortung übernehmen würden. Wenn die Hausherrin entspannt ist, lassen sich auch die Feiertage entspannter begehen. Da müssen die ach so beschäftigten Männer wohl noch umdenken.

Spielt das Zusammensein der Familie auch eine Rolle?
An den jüdischen Feiertagen gibt es – genau wie beim christlichen Weihnachtsfest – nicht nur Erhabenes, sondern auch viel Druck. Wenn alle Familienmitglieder zusammenkommen und unterschiedliche Sichtweisen und Standpunkte aufeinandertreffen, können naturgemäß Konflikte entstehen, ein Wort ergibt das andere. Die trügerische Harmonie während des Jahres ist nicht selten dem Umstand zu verdanken, dass man sich erfolgreich aus dem Weg geht. Es wäre naiv, zu glauben, dass man an Feiertagen etwas kitten kann, was während des Jahres im Argen liegt. Leider hören die Eitelkeit und Rechthaberei nicht mit dem Klang des Schofars auf. Aus diesem Grunde nennen wir die 40 Tage vor Jom Kippur auch die Zeit der Besinnung.

Wie kann man die Feiertage gelassener angehen?
Rechtzeitig planen, die Aufgaben aufteilen und seine Gäste bewusst auswählen. Man sollte sich nicht selbst in Zwänge einschnüren und aus Schuldgefühl oder Verpflichtung Personen einladen, für die man während des Jahres wenig Herzlichkeit empfindet. Man sollte nicht dem Irrglauben verfallen, an einem Feiertag all das, was während des Jahres versäumt wurde, durch eine Einladung zu übertünchen. Wenn es das Bedürfnis nach einer Aussprache gibt, sollte diese schon während des Jahres stattfinden und nicht ausgerechnet an einem Tag, an dem die Emotionen ohnehin hoch gespannt sind.

Also das Fest nicht mit Erwartungen überfrachten?
Richtig, je höher die Erwartung, desto größer die Enttäuschung. Man sollte in sich gehen und seine überhöhten, unrealistischen Erwartungen überprüfen wie die, dass alles perfekt sein und alle sich liebhaben sollen und dass Konflikte auf keinen Fall auf den Tisch kommen dürfen. Konflikte können als Chance zur Veränderung begriffen werden. Wer den Balken im eigenen Auge sieht und willens ist, sich selbst zu hinterfragen, wird eher imstande sein, auf den anderen zuzugehen. Aber alles zu seiner Zeit.

Im Idealfall sind Feiertage eine Auszeit, um Energie aufzutanken. Haben die Hohen Feiertage dieses Potenzial nicht auch?
Das haben sie zweifelsohne. Besonders für gläubige Menschen sind sie eine Möglichkeit, sich zu besinnen und innezuhalten, den Alltagsstress hinter sich zu lassen.

Kann man das auch als nichtreligiöser Mensch? Und wenn ja, wie?
Wichtig ist, sich Zeit für sich selbst zu nehmen und von Alltagsaktivitäten wie E‐Mails, Telefonaten und Fernsehen Abstand zu nehmen. Feiertage sind deswegen Feiertage, weil sie sich vom Alltag unterscheiden.

Da werden viele sagen: Wenn ich nicht fernsehe, nicht Auto fahre, nicht e‐maile, wie kann ich überhaupt meine Zeit ausfüllen?
Diese Frage wäre ein guter Anlass, darüber nachzudenken, warum ich mich von so vielen Dingen abhängig mache. Wie kann es sein, dass ich mir selbst zu viel bin und so viele Ablenkungen brauche, um mit mir im Einklang zu sein? Worauf greife ich immer wieder zurück, um mir selbst und anderen aus dem Weg zu gehen? Die Feiertage können eine Möglichkeit sein, bewusst aus dem Dauerstrom der akustischen und visuellen Überreizungen herauszutreten, um zu spüren, wie es ist, wenn ich allein mit mir bin. Fühle ich mich allein oder einsam? Aber um diese Frage zu beantworten, muss ich mir dieser Gefühle bewusst werden. Wenn ich etwa zu Fuß zur Synagoge gehe, dann lege ich eine Strecke bewusst zurück, und durch das Gehen vergewissere ich mich meiner selbst, indem ich mich spüre.

Lässt sich diese Haltung mit dem Schlagwort »Achtsamkeit« beschreiben?
Sicherlich. Das ist eine Form der Achtsamkeit, ein erhöhtes Bewusstwerden dessen, was mich ausmacht und in welcher Beziehung ich zu meinen Mitmenschen stehe. Indem ich mir Zeit zur Selbstbesinnung ermögliche, verschaffe ich mir im Gefühls‐ chaos eine innere Ordnung. Im Sinne einer psychischen Hygiene schadet es nicht, das Jahr Revue passieren zu lassen, an Verstorbene zu denken oder an die Möglichkeiten, die das neue Jahr bietet.

Woher kommt dieses Bedürfnis, sich ab zulenken? Was hätte man zu befürchten, wenn man die eigenen Gefühle wahrnimmt?
Gefühle sind sehr intensive Energien. Wir sind in der Regel nicht darin geübt, diese Energien zu steuern und positiv einzusetzen. Viele Gefühle können wir gar nicht benennen, weder uns selbst noch anderen gegenüber. Wir gehen ihnen deshalb aus dem Weg, indem wir uns beschäftigen oder Güter anhäufen. Es ist aber wichtig, sich auch bedrohliche Gefühle wie Angst, Trauer oder Wut einzugestehen, sonst spaltet man sie ab und entkoppelt sich von sich selbst.

Wie kann man sich denn auf intensive Gefühle einlassen, ohne von ihnen überwältigt zu werden?
Je mehr man versucht, solche Gefühle zu unterdrücken, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, von ihnen überwältigt zu werden. Spätestens dann findet man den Weg zu mir, also zum Psychologen. Wenn man nicht zur Introspektion und zur Selbstreflexion fähig ist, ist die Gefahr der Selbstentfremdung groß. Um mit Martin Buber zu sprechen: Wer sich aus dem Weg geht, kann keinen Dialog führen. Und wer ständig seine Gefühlswelt unterdrückt, soll sich nicht wundern, wenn er psychosomatisch erkrankt. Wenn man ständig nur selbst an seinen Gefühlen kaut, bekommt man irgendwann Bruxismus, also Zähneknirschen. Was in uns an intensiven Gefühlsbewegungen vorhanden ist, manifestiert sich, wenn es oft unterdrückt wird, in psychosomatischen Beschwerden.

Das heißt, der erste Schritt, sich von negativen Gefühlen nicht überwältigen zu lassen, ist, sich ihrer bewusst zu werden?
Ja, psychosomatische Erkrankungen können auf die Unfähigkeit zurückgeführt werden, Gefühle hinreichend wahrzunehmen, diese zu benennen, sie zu analysieren und angemessen mitzuteilen. Nur wer imstande ist, in sich hineinzuhorchen, kann Empathie für andere aufbringen. Wer sich selbst zu viel ist, geht anderen aus dem Weg. Erst wenn ich mir meiner Verfehlungen bewusst werde, kann ich sie bereuen und mich um Aussprache oder gar Versöhnung bemühen.

Gibt es in der jüdischen Tradition Formen der Selbstbesinnung und Einkehr?
Natürlich. Moses fand zu sich selbst, als er sich vom Volk entfernte und auf dem Berg Horeb den brennenden Dornbusch sah, und die Propheten gingen in die Wüste als Ort der Stille und Einkehr. Intensive Selbstbesinnung findet in der jüdischen Tradition sowohl im Gebet als auch in der Gemeinschaft statt. Beten tut man aber nicht nur für sich, sondern in der Gemeinschaft. Der Schabbat und die Hohen Feiertage sind Tage, an denen Selbstbesinnung und Selbstfindung nicht nur alleine, sondern in der Gemeinschaft stattfinden. Und eine Kehillah kann wiederum nur funktionieren und aufblühen, wenn die Menschen mit sich und anderen in Dialog treten.

Mit dem Psychologen, Coach und Stress‐Experten sprach Ingo Way.

Louis Lewitan ist Psychologe, Coach und Stress‐Experte. sowie Autor des Buchs »Die Kunst, gelassen zu bleiben«.

www.lewitan.com

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