Nachruf

Woody Allen in Schwabing

Helmut Dietl bei der Verleihung der Lola in Berlin Foto: dpa

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Der Regisseur und Drehbuchautor Helmut Dietl war nicht jüdisch. Es soll einen jüdischen Großvater väterlicherseits aus Ungarn gegeben haben, aber das war kaum der Rede wert, auch für ihn nicht. Aber er hat die besten jüdischen Rollen im Nachkriegsfilm geschrieben.

Eigentlich: die einzigen guten. Das fängt mit Der ganz normale Wahnsinn von 1979 an, seiner ersten Serie in Eigenverantwortung. Hauptfigur Maximilian Glanz, Leserbriefonkel bei einer Münchner Tageszeitung, ein klassischer Krypto-Jude, eine Figur, die gar nichts anderes sein kann, ohne dass das aus- oder angesprochen werden muss.

groucho marx
Der große Towje Kleiner – Sohn von Schoa-Überlebenden, aufgewachsen in Israel, Debüt am Yiddish Theatre – spielt ihn mit wildem Haar, Hornbrille, Schnurrbart: ein trauriger Groucho Marx, der Arbeiterlieder und Dinah Washington hört.

Die Serie ist ein inoffizielles Remake von Annie Hall und könnte auch der Der Schwabingneurotiker heißen: kleiner als Woody Allen, Monika Schwarz als Diane Keaton, Helmut Fischer als »echter Mann« und bester Freund, wie Tony Roberts. Vergleiche mit Woody Allen hat Dietl gescheut: Der sei schließlich »ein echtes Genie«. Für seine Serie Kir Royal, mit seinem häufigen Partner Patrick Süskind geschrieben, hat er sich von Federico Fellini und La Dolce Vita inspirieren lassen: Wie Marcello Mastroianni stolpert Franz Xaver Kroetz als Klatschreporter Baby Schimmerlos durch München.

Namen Fellini und Dietl ging es um eine Durchmessung der korrupten Seele des Reporters und seiner Umgebung. Die vielleicht schönste Folge der Serie heißt »Adieu Claire«. Der jüdische Chansonkomponist Friedrich Danziger möchte vor seinem Tod noch einmal seine Muse Claire Maetzig sehen, die aber, à la Dietrich, in Paris lebt und sich weigert, Deutschland zu betreten. Schimmerlos wittert eine Story.

In diesen 60 Minuten wird mehr über Deutsche und Juden gesagt als in jeder Fernsehproduktion vorher und nachher, Kinofilme kann man da mit wenigen Ausnahmen auch einschließen – und das mit undeutscher Leichtigkeit.

Da sind die Namen, die bei Dietl immer eine Bedeutung haben, und sei es in der Umkehrung. Sonst heißen Juden in deutschen Filmen und Romanen immer Rosenblatt, Goldstein, Silberberg, nie Strauss, Gersch, Wolff. In Kir Royal heißen sie Danziger, Krakauer, Wiener. Das ist zum einen einfach mal eine Abwechslung und andererseits ein versteckter Verweis auf das »Fehlen« – Danzig, Krakau, Wien, alles Städte mit ehemals lebendiger jüdischer Kultur, weil lebendigen Juden. Und vor allem – und das ist nun der wahre Geniestreich – alles Städte, die damals zum Deutschen Reich gehörten und heute nicht mehr.

Normal So aufgeladen die Namen sind, so selbstverständlich und leise sind die Figuren selbst. In einer anderen Folge taucht der Filmmogul Grigori Wiener auf, der von Fritz Muliar auf sehr muliarhafte Weise gespielt wird. Auch hier schon wieder ein Schon-nicht-mehr-Krypto-Jude, der dazu auch noch einer der Gegenspieler von Schimmerlos ist, ohne dass das einen Beigeschmack hätte – ein kleines Wunder.

Anscheinend – wenn man von seinen Filmen ausgeht – war es für Helmut Dietl normal, dass es Juden gibt. Dass das fast staunend betont werden muss, sagt nicht nur viel über das deutsche Wesen aus, in den 80er-Jahren wie heute, sondern auch über die Versäumnisse deutscher Erzähler, gute und ehrliche Geschichten über den Holocaust, das Danach und Davor zu erzählen.

In einer kurzen Szene sieht der alte Danziger in einem Park eine Gruppe joggender blonder junger Menschen, auf der Tonspur sind ganz kurz die Geräusche eines Fackelzuges zu hören. Darin steckt mehr Traurigkeit, klarer Blick und Empathie als in allen Filmen des Regisseurs und Produzenten Nico Hofmann (Unsere Mütter, unsere Väter) zusammen.

ERinnerung Dietl hat mit Schtonk die Dekonstruktion der periodischen Hitler-Wellen geliefert, von den gefälschten Hitler-Tagebüchern damals bis hin zu Fernsehdreiteilern und Hitler-Comedy heute: Selbst hinter dem Lachen über Hitler steckt in Deutschland keine gute Absicht. Solche Wahrheiten finden sich in den Filmen und Serien von Helmut Dietl.

Er hat die Eleganz von Federico Fellini mit dem traurigen Witz von Woody Allen verbunden und dabei an etwas erinnert, das es in Deutschland einmal gab, und das jetzt erst recht nicht wiederkommen wird. Und er sah dabei gut aus. Das wird ihm keiner nachmachen können. Helmut Dietl starb am 30. März in München an einem Krebsleiden.

Film

»Golda« im Kino: Rauchen und kämpfen

Helen Mirren glänzt als israelische Ministerpräsidentin Golda Meir.

von Gerd Roth  27.05.2024

Bremen

Ausstellung »Utopia Now!« von Yael Bartana wird gezeigt

Das Museum Weserburg präsentiert vier Filminstallationen und mehrere Neonwerke der Künstlerin

 27.05.2024

Musik

Trauer um Richard Sherman

Der Songschreiber starb im Alter von 95 Jahren in Beverly Hills

 26.05.2024

Sehen!

Klezmer-Projekt im Kino

Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation

von Jens Balkenborg  26.05.2024

Mühlheim

Sivan Ben Yishai erhält renommierten Dramatikpreis

Die Jury ehrt ihr Stück »Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert«

 26.05.2024

Lenny Kravitz

Dancefloor Beats und Funk-Gitarren

Das neue Album »Blue Electric Light« hat alles, was Fans erwarten können

 26.05.2024

Musik

Der Krieg und die Klassik-Szene

In Amsterdam wurden zwei Konzerte des Jerusalem Quartet »aus Sicherheitsgründen« abgesagt

von Axel Brüggemann  26.05.2024

Glosse

Der Rest der Welt

Ausgerechnet Jerusalem? Wenn Teenager Pläne schmieden

von Ayala Goldmann  26.05.2024

In eigener Sache

Ricarda-Huch-Preis für Philipp Peyman Engel

Der Chefredakteur dieser Zeitung erhält für sein Engagement gegen Antisemitismus den Preis der Stadt Darmstadt

 24.05.2024