Erfahrungen

»Wo sind Sie zu Hause?«

In Tel Aviv lebe ich, esse ich, schlafe ich und vergesse ich, meine Pflanzen zu gießen, ohne ein Bewusstsein davon, dass ich Jüdin bin. Ich weiß, dass keiner meine Identität kennt, dass mein Name hier niemandem etwas bedeutet. Ich bin eine Freundin, die nicht immer zurückruft, eine Schulkameradin, die nicht auf Klassentreffen erscheint, und eine Nachbarin, die es hasst, wenn sie um zwei Uhr morgens von Trance-Musik in der Nachbarwohnung geweckt wird.

Wenn ich in Deutschland zu Besuch bin und man mich auf einer öffentlichen Bühne vorstellt, fühle ich mich plötzlich als Jüdin. Meine zweite Identität steht dann auch stets im Vordergrund: In Deutschland bin ich eine Autorin. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin in Deutschland kein Superstar – weder super noch Star. Jedoch hat mein Roman Sag es mir viel Aufmerksamkeit bekommen, nachdem die FAZ vergangenen Dezember eine Besprechung veröffentlichte, die die erste Seite ihres weihnachtlichen Feuilletons einnahm.

eindimensional Mein Buch ist ein jüdisches Buch. Aber das ist es nicht allein. Meiner Meinung nach kann man es in viele Kategorien einordnen, denn es erzählt die Geschichte von Fela, einem 21-jährigen Mädchen, in das sich Mädchen einfühlen können, das Frauen verstehen können, über welches Männer ihre Töchter besser verstehen können, und Jungs ein oder zwei Sachen über den Planeten Venus entdecken können, wenn sie wollen. Es ist ein Buch über Immigration sowie eine Familiensaga, eine Geschichte über die erste Liebe, über Nostalgie und über das Schreiben. Und trotzdem haben die Feuilletons es hauptsächlich ein jüdisches Buch genannt.

Die Art, wie mein Roman rezipiert wurde, hat bei mir die Frage aufgeworfen, ob in Deutschland ein neues Interesse für jüdische Themen besteht – das, was gelegentlich als »neue deutsch-jüdische Kulturblüte« bezeichnet worden ist. Eine eigenwillige Wortkombination, denke ich. Wie Kultur werden Blumen schon immer von den Menschen bewundert. Wie Kultur werden sie als Nahrungs-, Dekorations- und romantische Inspirationsquelle verwendet. Schwierig zu beurteilen, ob es eine »neue deutsch-jüdische Kulturblüte« tatsächlich gibt oder nicht.

Ich glaube, für einen Teil der deutschen Bevölkerung hat sich der Wunsch, mein Buch zu lesen, aus dem Bemühen entwickelt, mit der Vergangenheit klarzukommen. Für die jüngere Generation hat Sag es mir mit der Geschichte nichts zu tun. Es geht um Normalisierung – es ist nicht relevant, ob das Buch ein jüdisches ist oder nicht –, oder um Interesse für das Andersartige. Kann ich das »Minderheiten-Kunst« nennen oder darf ich sagen: »Outsider-Kunst«?

rollenspiele Man kann vieles über die Kategorien sagen, in die wir eingeordnet werden, und die Rollen, die wir annehmen. Manche werden uns von außen aufgedrängt, andere sind innerlich, uns aufgezwungen durch das eigene Bewusstsein und das Unbewusste. Manche gefallen uns – wir füttern und nähren sie –, andere mögen wir nicht – wir versuchen, sie zu zerstören und zu entfernen.

Zum Beispiel, dass die Presse in Deutschland nicht davon lassen kann, mir israelbezogene Fragen zu stellen. Das finde ich seltsam, da mein Roman kein politisches Buch ist. Hätte ich versucht, in die Politik dieser Gegend zu tauchen, wäre das Manuskript um tausend Seiten länger geworden. Ich kann nicht sagen, dass ich den Grund für diese Art Fragen weiß oder verstehe, aber ich nehme an, so wie ich meine Rolle spiele, müssen auch Journalisten ihre Rolle spielen.

Seit Sag es mir erschienen ist, sind sechs Monate vergangen. Eine breite Kluft trennt mein Leben in Israel von meinem Leben in Deutschland. Und ich muss zugeben: Ich liebe diese Dualität. Ich genieße sie, jede Sekunde. Ich finde es interessant, dass unsere Identitäten – die einen ebenso wesentlichen Teil von uns ausmachen wie unsere Wirbelsäule und unser Herz – sich so sehr verändern können von einem Ort auf den anderen. Ich spiele meine verschiedenen Rollen und lege sie wieder ab, wie eine Schlange sich häutet, sobald das Flugzeug, in dem ich sitze, auf einem deutschen Flughafen oder in Ben-Gurion landet.

muttersprache In meiner neuen Rolle lese ich aus meinem Buch vor, obwohl Vorlesen in der Grundschule für mich eine Qual war. Nun rezitiere ich nicht nur freiwillig, sondern auch noch mit Vergnügen. Bei diesen Lesungen kommt oft eine bestimmte Frage auf. Sie wird meist dann gestellt, wenn mein Publikum nicht jüdisch ist, weil jüdische Leser das Syndrom des Wandernden Juden eher nicht infrage stellen. »Wo sind Sie zu Hause?«, fragen die Leute. Ihnen ist wahrscheinlich nicht bewusst, wie schwierig diese Frage ist.

Würden sie mich fragen, was Quantenphysik sei, hätte ich vielleicht bessere Chancen, ihnen die richtige Antwort zu geben. Mit richtig meine ich eine Antwort, die sich vollständig anfühlt. Für die Zuhörer ist meine Antwort, dass ich das Wort »Zuhause« nicht ganz verstehe, wohl unbefriedigend. So folgt darauf üblicherweise die Frage, ob Frankfurt meine Geburtsstadt, eine Art Zuhause sei. Ich kann nur sagen, dass ich Frankfurt gern besuche. Es hat mal jemand gesagt: »Zuhause ist der Ort, wo es sich richtig anfühlt, ohne Schuhe herumzulaufen«. Theoretisch würde ich barfuß durch Frankfurt laufen (und dabei hoffen, nicht auf Glas zu treten).

dualität Komischerweise ist Deutschland seit der Veröffentlichung meines Buches mehr zu meinem Zuhause geworden als je zuvor. Nun habe ich dort einen Platz – als Fachfrau, als Schriftstellerin –, und auch in der deutschen Sprache, einer Muttersprache, die sich nie darüber hinaus entwickelt hat, eine Sprache, die ich nur mit meinen Eltern spreche. In letzter Zeit wächst sie mir zu und wächst mit mir, als führte sie mich noch einmal durch die Entwicklungsphasen eines Kindes.

Ich habe nun eine neue Wirklichkeit, die von meiner anderen Wirklichkeit weit entfernt, aber nicht weniger real als diese ist. Auf dem einen Kontinent bin ich das eine, auf dem anderen bin ich vieles anderes – in meinen Augen und in den Augen meiner Gegenüber.

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