Projekt

Wir sind die Roboter

In Israel werden Schüler spielerisch auf Hightech-Berufe vorbereitet

von Ralf Balke  01.03.2011 10:30 Uhr

Lego für Fortgeschrittene: Und es dient auch noch der Wissenschaft.

In Israel werden Schüler spielerisch auf Hightech-Berufe vorbereitet

von Ralf Balke  01.03.2011 10:30 Uhr

Robotik-Wettbewerbe – das klingt nach Science Fiction und hochgerüsteten Kampfmaschinen, die sich mit viel Getöse gegenseitig zerlegen. Dass es dabei aber durchaus auch eine Spur harmloser und mit pädagogischem Mehrwert zugehen kann, zeigte jüngst das Robotik-Festival im israelischen Netivot. Die Kleinstadt wenige Kilometer südlich von Sderot produziert normalerweise keine Schlagzeilen, es sei denn, eine Kassam-Rakete aus dem nahen Gazastreifen schlägt auf ihrem Gebiet ein.

Doch vor wenigen Wochen präsentierten über 120 Erst- bis Drittklässler der örtlichen Noam-Eliyahu-Grundschule ihre Projekte in Sachen Robotik. Die Aufgabe war es, etwas zu bauen, das mindestens eine Komponente enthält, die von Hand oder Computer gesteuert werden kann. Zugleich sollten auf selbst entworfenen Schautafeln das Projekt und seine Entstehung erklärt werden.

So hatten die achtjährige Roni Itzchak und ihr gleichaltriger Mitschüler Ilay Miara aus einfachen elektronischen Bauteilen und Legosteinen ein Telefon gebastelt, das nicht nur klingelt und vibriert, sondern auch Lichtsignale aussendet. »Wir kamen auf die Idee, weil wir alten Leuten helfen wollten«, so Ilay über das »Telekaschisch« genannte Gerät, das insbesondere Menschen mit einer Behinderung das Telefonieren erleichtern soll.

fachkräftemangel Das Telekaschisch sowie andere blinkende und munter rappelnde Objekte sind das Resultat eines vor zwei Jahren in Netivot gestarteten Pilotprojekts, das von der internationalen Organisation »FIRST – For Inspiration and Recognition of Science and Technology« unterstützt wird. Diese hat ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten und ist bereits in Kanada, Großbritannien, Belgien und den Niederlanden aktiv. Und nun auch in Israel. »Robotik ist das beste Mittel, um das Interesse von Kindern und Teenagern an den Naturwissenschaften zu wecken«, erklärt Avihu Ben Nun, ehemaliger Generalmajor und Luftwaffenkommandant.

»Unser Ziel ist es, jungen Menschen Sicherheit im Umgang mit der Technik zu vermitteln und sie vielleicht auf diese Weise für ein späteres Studium auf diesem Gebiet zu motivieren. Gerade aufgrund meiner Erfahrungen auf dem militärischen Gebiet weiß ich, wie wichtig professionelle Ingenieure und Techniker bei uns sind.« Genau deshalb rief Ben Nun FIRST Israel ins Leben. Denn wie in vielen anderen Industrieländern herrscht auch im jüdischen Staat ein Mangel an Fachkräften aus den sogenannten MINT-Fachbereichen, das heißt aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Überall klagen IT-Firmen über fehlenden qualifizierten Nachwuchs.

spiel und ernst In den USA gibt es schon seit Jahren eine lebhafte Szene, die Robotik-Turniere veranstaltet, auf denen meist ältere Schüler ihre überwiegend aus Lego-Bauteilen zusammengesetzten Roboter ins Rennen schicken. Die Präsenz der bunten Steine ist nicht zufällig, schließlich ist der dänische Spielzeughersteller einer der Hauptsponsoren von FIRST. Studenten entwickeln sogar Programme und Geräte, die biomedizinische Aufgaben lösen sollen, beispielsweise gebrochene Knochen wieder miteinander zu verbinden.

»Die FIRST-Robotik-Wettbewerbe lassen den Funken für die Technikbegeisterung in einem ganz besonders wichtigen Alter überspringen«, weiß Jerry Hultin, Präsident des Polytechnischen Instituts der Universität New York, aus seinen Erfahrungen zu berichten. Seine Hochschule unterstützt deshalb auch Robotik-Initiativen an 18 Schulen in sozialen Brennpunkten im Stadtteil Brooklyn.

In Israel ist das alles noch Zukunftsmusik, aber wenn es nach den Vorstellungen von Avihu Ben Nun geht, soll bald an 150 Schulen Robotik zum Unterricht gehören. Zudem hat man dort eher die Grundschüler im Blick. Und dann reicht es schon, wenn beispielsweise der Erstklässler Or Gavisch aus Kfar Jona begeistert einen ferngesteuerten Krankenwagen zusammenbastelt.

Teamarbeit »Im kommenden Jahr sollen bei uns bereits 200 Grundschüler und 80 Mittelschüler an dem Programm teilnehmen und Basiswissen über Robotik erlernen«, so Assaf Menuhin, zuständiger Direktor der Stadtverwaltung von Netivot. »Robotik-Unterricht vermittelt den Schülern die Basis, um später einmal den Ingenieursberuf zu ergreifen. Zudem fördert es ihr wissenschaftliches Denken sowie ihre Fähigkeit zur Teamarbeit.« Bin Nun formuliert es noch etwas emphatischer: »Wir wollen, dass sich die Schüler in die Naturwissenschaften verlieben.«

Jedenfalls sind nicht nur die Schüler begeistert. Auch die Eltern freuen sich über die neue Leidenschaft ihrer Kinder. Nathan Itzchak, Vater der jungen Telekomgeräte-Entwicklerin Roni sagt: »Ich habe darum gekämpft, dass meine Tochter an dem Programm teilnehmen kann. Jedes Mal kommt sie mit neuen Entdeckungen in Sachen Robotik nach Hause. Und auch ich lerne noch etwas dabei.«

Robotik bedeutet nichts anderes als Robotertechnik. Geprägt hat den Begriff in den 1940er-Jahren der Science-Fiction-Autor Isaac Asimov. Heute ist die Robotik eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der mechanischen Modellierung, Regelung und elektronischen Steuerung von Robotern beschäftigt. Anwendung findet die Robotik unter anderem in Industrie, Militär, Medizin und Unterhaltungselektronik.

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